Antizipation des Unterrichts aus dem Sach- und Schülerhorizont

 

Wenn es im erarbeitenden Unterricht um einen zielorientierten Lernvorgang der Schülerinnen und Schüler in Bindung an einen Sachgegenstand / Lernstoff geht, der u.a. nach der Obligatorik des Lehrplans und aus der Bedarfslage der Klasse/des Kurses gewählt ist, dann ist die „Antizipation“ ein Kernstück der Unterrichtsplanung. - In der Planung des Fachunterrichts werden die Gegenstandsorientierung und die Schülerorientierung zusammengeführt und zu einer Ergebnisorientierung gebracht.

 


Zunächst muss die Lehrperson ein eigenes Arbeitsergebnis zum Unterrichtsgegenstand erstellen, d.h. eine Sachanalyse:

Nun soll - aus dem Vollen der eigenen Sachanalyse schöpfend - in der didaktischen Reduktion und Schwerpunktsetzung das in dieser Klasse in 45 Minuten Machbare entschieden werden; und es müssen Methodenentscheidungen getroffen werden, wie das Angestrebte erreicht werden kann.

 

Basis hierfür ist eine Bedingungsanalyse, mit der man sich die Klasse plastisch vor Augen führen muss: konkrete Lernvoraussetzungen der Stunde; Vorwissen zum Unterrichtsgegenstand und eingespielte Fertigkeiten; Position des Sachgegenstandes im Reihenzusammenhang - Position des Sachgegenstandes in der Lernlaufbahn der Klasse/des Kurses; Information über die Interessen und Neigungen der Schüler; gruppendynamisches Zusammenspiel, einflussnehmende Rolle einzelner Schülerinnen und Schüler; äußere Umstände  etc.


 

Aus dieser Kenntnis des Schülerhorizonts und der Sachanalyse heraus erfolgt die Planung der Lernziele und des Stundenverlaufs

Dabei müssen Vorgänge der ANTIZIPATION erfolgen: Mit didaktischer und methodischer Phantasie muss die Lehrperson  konkretisieren, wie sich die Planungsentscheidungen auswirken werden und sollen.

 

Antizipation der Motivation durch Thema, Text, Medium, Material…   Ist eine explizite Motivation zu inszenieren, am Stundenbeginn, zwischendurch; oder ermöglicht der ausgewählte Gegenstand eine intrinsische Motivation; welche Prä-Formen sind dem Gegenstand angemessen und führen funktional und rasch zum Gegenstand selbst: pre-reading activities, Vorgespräch, brainstorming, Bildimpuls, Sachgegenstand, eigenes erlebnishaltiges Erzählen, Medienimpuls...; sind sie wirklich nötig (!) oder ist der Text gut, auf das Material Verlass, die Aufgabe in einem Projekt gut aufgehoben?

 

Antizipation der Schülerreaktionen   erwartbare Reaktionen in ihrer Vielfalt; Konsens und Abweichungen; zu nutzen in einer gezielten Spontanphase, aus der dann die Problemeröffnung und die Planung des Arbeitsvorhabens abgeleitet wird; wie wird die Klasse auf Präsentationen und Beiträge von Mitschülern reagieren?

 

Antizipation der Nutzung von Vorwissen   worauf kann man bauen; welche Umwege lassen sich also vermeiden; wie lassen sich die Schülerinnen und Schüler einbeziehen; gibt es Vorwissen aus anderen Unterrichtssequenzen / Jahren im Fach; Vorwissen aus anderen Fächern; gibt es verbreitetes Weltwissen zum Gegenstand; wie lassen sich Dopplungen und überflüssige Wiederholungen vermeiden; wie sind die Hausaufgaben einzubeziehen?

 

Antizipation der Phasenentwicklung    wie werden die geplanten Phasen gelingen: wie wird die Eröffnung funktionieren (Begegnung mit dem Gegenstand, Problemeröffnung, Arbeitsansatz, Lernperspektive) - wie wird die  Erarbeitung funktionieren (an Text/ Material/ Schreibaufgabe/ Reflexionsaufgabe; analytisch, produktiv oder diskursiv; unter Einsatz bestimmter Methoden, mit Vorbereitung einer Ergebnissicherung) - wie werden die Ergebnissicherung und die Vertiefung funktionieren (verbal, medial, durch Präsentationen, im verarbeitenden Gespräch zu abgeleiteten, festgelegten oder vereinbarten Teilthemen ["Themeninseln"]; durch Integration verschiedener Teilergebnisse; mit Transfer auf folgenden Unterricht, auf eigene Lebensbezüge etc.); welchen Arbeitsanteil übernehmen dabei Schüler und Lehrer; gibt es einen vom Lerngegenstand bestimmten Ablauf, einen von der zentralen Methode bestimmten, einen lernpsychologisch angelegten...? - s. Phasen im Literaturunterricht (Zugriffe, Methodenvarianten, didaktische Varianten), im Sprachunterricht, im Schreibprozess

 

Antizipation des erwarteten Arbeitsverhaltens bei bestimmten Methoden   welche von der Sache her geeigneten Fachmethoden (der Textanalyse, der Textproduktion, der Sprachreflexion...) werden der Klasse leicht fallen; welche sind am Gegenstand neu einzuführen; welchen weichen die Schülerinnen und Schüler gerne aus; wie lassen sie sich dennoch dafür gewinnen; welche Methoden müssen als generelle Lern- und Arbeitsstrategien explizit und in einer Methodenreflexion thematisiert werden; welche Sozialformen und Medien werden sich günstig auswirken; wie werden sich die Eigenaktivitäten der Schülerinnen und Schüler entwickeln; wohin werden sie zielen; wie werden sie wieder mit dem Stundenziel zu verknüpfen sein? - s. Unterrichtsmethoden, Analyseverfahren, produktionsorientierte Verfahren

 

Antizipation der erwarteten Ergebnisse (s. Lernziele), das Neue)   wenn das neue Wissen und Können in Lernportionen zerlegt gedacht werden kann, zu welchen Zwischenergebnissen können die Schülerinnen und Schüler gelangen; welche Zwischenergebnisse sind zu fixieren; wie kann man von einem Zwischenergebnis einen nächsten Arbeitsschritt aufbauen; wie kann man von vorläufigen Ergebnissen in einer Bilanz oder Integration zu einem Gesamtergebnis / Stundenergebnis kommen; wo im Phasenverlauf sind diese Fixierungen angebracht; wer hält Ergebnisse fest, in welcher Form?

 

Antizipation eines Tafelbildes, einer Ergebnisfolie, einer Visualisierung...    wann und wie wird das geplante Tafelbild/ die Folie / die Visualisierung entstehen; wie halte ich die Menge in einem sammelnden Tafelbild reduziert; was soll als exemplarisch aufgenommen werden; wie sollen die Teilergebnisse in einem fortschreitenden Tafelbild begleitend festgehalten werden; oder sollen sie in einer Strukturgrafik auf die Tafel oder auf Folie gebracht werden; wer soll die grafische Struktur herstellen, latent die Lehrperson oder explizit die Schüler; aus welchen Varianten der Visualisierung wähle ich; wie und wann kommen Ergebnisfolien zustande...?

 

Antizipation des Zeitvolumens ist das Geplante, das Neue, das Problem, der Text, das Material in einer Stunde (Doppelstunde) umsetzbar; wo wird die Klasse viel Zeit benötigen; wo kann man beschleunigen; wo besteht die Gefahr, Zeit zu vertändeln; wie ist ein gestuftes Ende der Stunde einzurichten; wie hüte ich mich vor einem Zerdehnen im ersten Drittel der Stunde; wie kann ich es bei Gruppenarbeit mit fünf Gruppen erreichen, dass nur z.B. zwei mit ihren Ergebnissen für alle stehen können?

 

Antizipation erwartbarer Schwierigkeiten   äußere, technische Probleme (Raum, Geräte, Klausur vorweg...); Widerstände aus dem Text, dem Material, dem Thema, der Aufgabe, den Zielen; Widerstände aus der Gruppendynamik der Klasse; Schwierigkeiten in den Lernschritten, bei Induktionsvorgängen, vor allem bei Abstraktionsvorgängen, bei der Integration von Teilergebnissen; vermeidbare Unklarheiten in der Formulierung von Aufträgen, Aufgabenstellungen, Gruppenarbeiten, Inszenierungen; welche Hilfen sind nötig, wer gibt sie, wie können die Schülerinnen und Schüler selbst Schwierigkeiten überwinden (lernen)?


 

Diese Antizipation schlägt sich in reduzierter Form im Stundenentwurf  in konkreten Angaben nieder: 

Der Stundenentwurf von 5-6 Seiten ist inhaltlich also ganz spezifisch für diese eine geplante Stunde und kein allgemeines Phasenschema, wie es für viele Stunden zu nutzen wäre.


 

Auch bei offenem Unterricht, Gruppenarbeit, Freiarbeit, Stationenlernen etc. ist eine Antizipation erforderlich. Sie muss sogar noch weiter gehen als in stärker vom Lehrer strukturierten Stunden, da die Unwägbarkeiten größer sind, weil die Schülerinnen und Schüler selbständige Wege gehen und ihre Spielräume weiter sind: Also wären hier die erwartbaren Varianten zu Denkwegen und Ergebnissen der Schüler einzuberechnen. Und diese Varianten der Schülerergebnisse wären daraufhin zu prüfen, ob sie mit dem Thema der Stunde, dem Gegenstand der Stunde und den beabsichtigten Fachmethoden in Einklang stehen. Denn für den Fall, dass die Schülerinnen und Schüler bei offener Arbeit in weit vom Thema abgehende oder z.B. nachweisbar nicht gegenstands- oder textadäquate oder gar falsche Ergebnisrichtungen arbeiten, müssten Hilfen und Beratungsvorgänge vorbereitet sein. 

In dieser Antizipation geht es vor allem darum, sich die geplante Eigenaktivität der Klasse vorzustellen, damit klar ist, wie sie zu begleiten ist: Wo sind klare Auftrags- und Arbeitslagen einzurichten, wo Verabredungen, wo  ergebnishaltige Vorgänge abzusichern etc. Dabei ist die Antizipation diagnostisch und evaluierend sowie stärker auf den individuellen Schüler oder einzelne Gruppen gerichtet, also komplexer.

 

Die Antizipation erfährt - ohne dass sie gering zu schätzen oder gar zu unterlassen wäre - ihre Vorläufigkeit mit zunehmender Selbständigkeit der Schülerinnen und Schüler, die sich in die weitere Gestaltung einer Stunde einschalten können und dürfen: Verfügen sie - etwa in der Oberstufe - über angemessene Verfahrens- und Methodenvorschläge, so können sie im Rahmen des anstehenden Themas und der ggf. transparent gemachten Ziele Teile der Antizipation überholen, indem sie Lernwege selbst in die Hand nehmen. Ohne den geplanten Gegenstand, das Thema und die Ziele aufzugeben, kann sich die Lehrperson auf die Vorschläge einlassen und den Schülern Raum geben. Dazu müssen die fachliche Ebene und der Unterrichtsgegenstand dem Lehrer aber so klar sein, dass er die anzustrebenden Teilergebnisse im Stundenablauf auch umstellen, verändern und sichern kann. Diese begrenzte Öffnung ist in einer Stunde möglich. Der Wechsel zwischen lehrergesteuertem und selbstreguliertem Lernen wäre transparent auszuhandeln, z.B. in didaktischem Sprechen wie auch in der Methodenreflexion.

Eine weitergehende Öffnung auch unter Umorganisation von Zielen und Gegenständen setzt die gemeinsame Planung einer ganzen Unterrichtssequenz mit den Schülern voraus. Hier erfolgt der Übergang zu den selbständigen Formen offenen Unterrichts. Und auch dabei wären zunächst sinnvolle einzelne Schritte zu antizipieren.

 

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