Lernen im Fach Deutsch - heute (2002)

 

Die aktuelle Unterrichtsforschung[1] zeigt folgenden grundlegenden Konsens:

 

Der Unterricht gilt als Kern der schuli­schen Arbeit.[2] So stehen im Deutschunterricht von den Lehrerfunktionen „Unterrichten - Erziehen - Diagnostizieren - Beurteilen - Beraten - Organi­sie­ren / Verwalten - Innovieren“ Unter­richten und Innovieren im Vordergrund, die im Reihenkonzept und in den pädagogisch-didaktischen Ent­scheidungen von den Lehrpersonen um die Funktionen Erziehen und Beraten sowie Diagnostizieren und Beurteilen konkret erweitert werden.

 

Prinzipien für guten Unterricht

 

Das Lernen im Fachunterricht nimmt die zentrale Stellung ein und ist zugleich Grundlage für fachübergrei­fende / fächerverbindende Aktivitäten. Die fachspezifische Wissensbasis ist ein vernetztes Fakten‑, Kon­zept‑, Theorie‑, Methoden- und Prozesswissen. Die Progression von Vorwissen und Wissenserweiterung (kumulatives Lernen) bestimmt effektive Lernwege, in denen der Kompetenzzuwachs für die Schülerinnen und Schüler erfahrbar werden muss.

 

Unterricht ist effizient, wenn die beiden folgenden Lernformen genutzt werden, wenn sie gezielt geplant, inten­siv vorbereitet und im Wechsel wie mit Bezug auf einander eingesetzt werden:

      Formen des sachsystematischen, inhaltsbezogenen, die Gegenstände vernetzenden, Vorwissen nutzenden und erweiternden sowie angeleiteten Lernens

      Formen des lebensnah situierten, kontext- und problemorientierten, anwendungsbezogenen sowie stärker selbstregulierten, zunehmend auch interdisziplinären Lernens.

Die Vermittlung von Schlüsselqualifikationen, formalen Kompetenzen und Formen des Lernens von Lernen ergänzt diese Lernformen; sie erfolgt implizit über die ausgewiesenen Ziele und Methoden des fachlichen und interdisziplinären Lernens.

 

Die didaktisch-methodische Gestaltung des Lernens ist von einem begründeten funktionalen und ergebnis- sowie erfolgsorientierten Wechsel bestimmt:

      der anspruchsvolle lehrergesteuerte, störungspräventive, aufgabenorientierte und klar strukturierte Unter­richt, in dem die verfügbare Zeit intensiv für Aufgaben genutzt wird, das Interaktionstempo aber so weit gemäßigt bleibt, dass Schülerinnen und Schüler Zeit zum Nachdenken und Spielraum für die Entwick­lung eines eigenen Gedankenganges finden

      der kooperative, in komplexen Problemsituationen großen kognitiven Operationsraum für divergente Lö­sungsvarianten bietende Unterricht, der Eigenaktivitäten der Schülerinnen und Schüler eröffnet und zu­gleich klare Strukturierungshilfen für die offene Lernumgebung durch die Lehrperson bietet.

Die Vereinseitigung auf eine dieser Positionen hin ist unangebracht und übersieht sowohl die erwiesene Leistung aller Formen in ihrem Zusammenspiel als auch die Notwendigkeit des funktionalen, zielabhängigen Wechsels zwischen ihnen.

 

 

Stufengemäße Anforderungen                                           

 

Für die Schülerinnen und Schüler muss ein stufengemäßes Lernniveau mit stufengemäßen Unterrichtsmethoden hergestellt werden.

Das bedeutet für den Unterricht in der gymnasialen Oberstufe:

Planung von Unterricht: Oberstufenanspruch - Aufbau der wissenschaftsorientierten Motivation, Einbeziehung des Vor­wis­sens, fachliche und kognitive Ziele, Initiativen für problemlösende, kreative und produktive Entfaltungsmöglichkeiten, Sicherung des deklarativen Wissens (Fakten, Begriffe...) und des prozeduralen Wissens (Methoden, Strategien...), Progression und Komplexität, Schüler- und Problemorientierung, Einpla­nung der Eigenaktivitäten und der Lernerautonomie der Schüle­rinnen und Schüler, fachübergreifende Aspek­tuie­rungen, Varianten des Lernwegs, Weiträumigkeit der Planung mit Blick auf die Qualifikationsphase und die Abituranforderungen

Durchführung von Unterricht: Oberstufenanspruch - fachliche Prägnanz, Methodenreflexion und Kompetenzaufbau, fachliche Progression, Hilfen bei Zielaufbau und Problemeröffnung, for­schendes und problemlösendes Arbeiten, Phasen für Lernerautonomie und Weiträumigkeit in der Ge­staltung des Lernwegs, phasenweise Zurückhaltung der Lehrperson zur Unterstützung der Eigenaktivitäten der Schülerinnen und Schüler, bei kommunikativem Lernen Einsatz verschiedener Gesprächs-, Arbeits- und Sozialformen statt eines eng fragend-entwickelnden Gesprächsstils, Ergebnisorientierung, Ver­stehenstiefe und Durchdringung des Unterrichtsgegenstandes, kompetenter Umgang mit Lösungsvarianten der Schülerinnen und Schüler.

 

Fachdidaktische Innovationen

 

Die neueren Lehrplanrevisionen (z.B. NRW 1999) machen deutlich, dass Deutschunterricht in der gymnasialen Oberstufe nicht weiterhin vorrangig Literaturunterricht sein kann. Wäre wie bisher der Literaturunterricht „mit mehr als 70 Prozent der Stunden am Gesamtvolumen beteiligt“[3], so wäre  dies für den Deutschunterricht ein ernstes Problem. „Denn viele Untersuchungen der Unterrichtsforscher bestätigen die Vermutung, dass die angezielten ‚Qualifikationen’ enger mit ‚Sprache’ als Gegenstandsfeld als mit ‚Literatur’ korrelieren.“

Die Innovationen in der letzten Dekade sind vor allem folgende:

 

-            Deutschunterricht nicht vorrangig traditioneller Literaturunterricht

-            erweiterter Textbegriff - Texte aus elektronischen Medien und Film

-            produktionsorientierte und kognitiv-analytische Methoden

-            Arbeit am Kanon und an Kanonisierungsprozessen statt der Deutung kanonischer Werke im Epochen‑Kontext

-            Epochenumbrüche

 

-            freies Schreiben - Kreativität

-            Prozessorientierung des Schreibens

-            Formen der Visualisierung und Präsentation

-            Körperlichkeit: Spielen, Inszenieren, ästhetische Gestaltung

 

-            Sprachreflexion explizit

-            Beobachtung am Sprachgebrauch 

-            mehr Semantik ( und Rhetorik / Pragmatik) statt Grammatik (Syntax)

-            Arbeit an Begriffen

-            Aufbau der Sprachbewusstheit

-            Funktionalität für eigenes Schreiben

 

-            Projekte

-            fachübergreifende Aspektuierung

-            Weltliteratur

-            Schlüsselprobleme: Probleme der Lebenswelt

-            interkulturelles Lernen[4]

 

Die „Richtungsentscheidungen zur Weiterentwicklung der Prinzipien der gymnasialen Oberstufe und des Abiturs“ der KMK fordern zudem u.a. für das Fach Deutsch zur „Ausprägung der Studierfähigkeit“ die Hervorhebung von Kompetenzen:

„sprachliche Ausdrucksfähigkeit, insbesondere die schriftliche Darlegung eines konzisen Gedankengangs.

Angestrebt wird die Fähigkeit, sich strukturiert, zielgerichtet und sprachlich korrekt schriftlich zu artikulieren und die erforderlichen Schreibformen und -techniken zu beherrschen.

Hierzu gehören auch der angemessene Umgang mit Texten, insbesondere Textverständnis, Texterschließung, Textinterpretation sowie zeitökonomische Bearbeitung, das schriftliche und mündliche Darstellen komplexer Zusammenhänge und die Fähigkeit zur sprachlichen Reflexion.“ [5]

 

Und der neue Lehrplan in NRW fordert eine Gleichgewichtigkeit der Arbeitsfelder Sprechen und Schreiben, Umgang mit Texten und Medien, Reflexion über Sprache und Methoden unter Berücksichtigung relevanter Probleme der Lebenswelt sowie Formen der Integration dieser Teilbereiche.

Auch von daher muss die Überbetonung der Lektüre von Ganzschriften zurückgefahren werden.

 

© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de

 



[1] s. Baumert-Expertise „Steigerung der Effizienz des mathematisch-naturwissenschaftlichen Unterrichts“ - 1997 von einer Expertengruppe mit 18 Mitgliedern unter Vorsitz von Prof. Baumert, Berlin, verfasst für die Bund-Länder-Kommission „Innovation im Bildungswesen“ - http://www.ipn.uni-kiel.de/projekte/blk_prog/gutacht/index.htm

s. Franz E. Weinert: Lernkultur im Wandel - Chancen und Grenzen gymnasialen Lernens. In: Mitteilungen der Landeselternschaft der Gymnasien in NW Nr. 165, Mönchengladbach August 1998

[2] so: Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung: RdErl. „Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung...“ vom 9.12.1998 - 832.30-40/47-263/98

[3] Karlheinz Fingerhut: Wie verwandelt man die Vorgaben des Lehrplans Deutsch Sek. II NRW in Unterrichtsvorhaben. In: Der Deutschunterricht auf der gymnasialen Oberstufe nach dem neuen Lehrplan... Tagungsberichte Bonn 2000. Fachverband Deutsch im Deutschen Germanistenverband LV NRW (Hrsg.), S. 6

[4] vgl. Fingerhut, ebd., S. 5

[5] Beschluss der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland vom 30.11./1.12.1995 in Mainz unter Einbeziehung der Beschlüsse vom 24./25.10.1996 in Dresden