Rolf Bachem: Polysemie und die Unschärfe der Wortinhalte

 

Unsere Schulen haben unter anderem die Aufgabe, junge Menschen für sprachbedingte Probleme sensibel zu machen. Eine solche Sensibilität erhöht die Bereitschaft zu notwendigen Rückfragen, Rückversicherungen, Neu-Interpretationen von Äußerungen, wenn man mit komplizierterer Kommunikation zu tun hat, z. B. mit poetischer oder solcher mit ideologisch Andersdenkenden. Daher ist es sinnvoll, die polysemische Strukturierung unseres Wortschatzes bewußt zu machen. Jedes einigermaßen brauchbare Lexikon jeder natürlichen Sprache verzeichnet unter einem großen Teil der Stichwörter jeweils mehrere Bedeutungen: vgl. ,,Netz“: ,,. . . Maschenwerk als Fanggerät, . . . zum Schutz. . . zum Befestigen, als Hindernis, ... Gespinst der Spinne, ...Gesamtheit vieler... Bahnlinien, Straßen..., System elektrischer Leitungen...“ (aus: G. WAHRIG: Deutsches Wörterbuch, 1968)

Diese Bedeutungen werden von den Sprechern (aufgrund von Ähnlichkeitsbeziehungen bzw. gemeinsamen Merkmalen) als verwandt empfunden; z.T. handelt es sich um Exmetaphern. (Davon unterscheidet sich der Fall der Homonymie (z. B. ,,Schloß''l = Gebäude, ,,Schloß2 = Verschluß) bei dem die Verwandtschaft nicht (mehr) empfunden wird. (Homonymie spielt in persuasiver Hinsicht kaum eine Rolle und wird hier vernachlässigt.)

Die Polysemie der Lexeme ist ein bequemes, ökonomisches Mittel natürlicher Sprachen, den Sprachspeicher zu entlasten, und sie macht es möglich, auf die Veränderung der Umwelt flexibel zu reagieren. Sie führt selten zu Kommunikationsstörungen, weil die natürliche Mehrdeutigkeit der Zeichen kompensiert wird durch einen Vereindeutigungsmechanismus (s. ,,Disambiguierung): anders als bei Metaphern wählt der Dekodierende aufgrund seiner Kenntnis des Kontextes eine von mehreren fest konventionalisierten Bedeutungsmöglichkeiten des Wortes aus, und zwar die, die im Zusammenhang am sinnvollsten ist:

,,Das Netz der nordrhein-westfälischen Schienenwege ist dichter als das Niedersachsens.“

Schon der unmittelbare Satzkontext schließt hier die ,,Netz-Varianten <zum Fischfang>, <für Elektrizität>, etc. aus; es kommt nicht zu Mißverständnissen.

 

Anders verhält es sich mit der ,,ideologischen Polysemie (vgl. W. DIECKMANN). Vom isolierten Satz ,,Wir brauchen eine demokratische Universität! her läßt sich nicht erkennen, welches der im Geltungsbereich der deutschen Sprache vorkommenden Demokratieverständnisse gemeint ist: das einer (real-)pluralistischen parlamentarischen Demokratie, das einer formalpluralistischen ,,Diktatur des Proletariats nach SED-Muster, das des ,,Kommunistischen Bundes Westdeutschland oder das irgendeiner anarchistischen Splittergruppe von Direktdemokraten. Erst wenn man aus dem Gesamtzusammenhang erschlossen hat oder zufällig weiß, wes Geistes Kind der Sprecher ist, kann man die ideologische Polysemie disambiguieren (,,vereindeutigen). Für den politisch Gebildeten ist es deshalb nicht rätselhaft, wenn eine Formel über die ,,Wiedervereinigung in Freiheit ,,auf demokratischer Grundlage in beiden deutschen Staaten volle Zustimmung findet, aber tatsächlich nicht die geringsten Aussichten auf eine Wiedervereinigung bestehen. Ideologisch polysem sind ,,die Wörter, die verschiedenen Ideologien gemeinsam sind und deren verschiedene Bedeutungen nebeneinander in einer Sprache auftauchen (W. DIECKMANN, 1975, 71). Ideologisch polysemische Ausdrücke gibt es im sozialpolitischen Bereich in großer Zahl. Je genauer die Analyse, um so größer ihre Menge. Jede Gruppe entwickelt ihre eigenen Interpretationen der sozialen und politischen Gegebenheiten und damit unterschiedliche Konzepte. Selbst bei Verhandlungen auf Staatsebene kann es dadurch zu Mißverständnissen und falschen Erwartungen kommen. Zu Ost-West-Verträgen waren oft Zusatzerklärungen notwendig, um solche auszuschließen. ,,Friedliche Koexistenz, ,,Friedenssicherung, ,,Freiheit und einige Hundert andere Wörter erfahren unterschiedliche Definitionen in Ost und West (s. Kap. 4.2.), und es fragt sich, ob das gemeinschaftskundliche Wissen des Normalbürgers überhaupt in der Lage ist, die eingeschliffenen gruppeneigenen Konnotationen und Assoziationen zu unterdrücken. Selbst führende Politiker waren sich in Fernsehdiskussionen gelegentlich nicht über die ideologische Polysemie der von ihnen und ihren Diskussionsgegnern benutzten gleichen Ausdrücke im klaren. ,,Sozialismus im Mund Willy Brandts und Helmut Kohls, ,,Solidarität in Flugblättern der ,,Bewegung 2. Juni und in einer Rede Kurt Biedenkopfs bedeuten nicht dasselbe. Auch zu diesen Beispielen kann eine Komponentenanalyse im oben demonstrierten Sinn die Verhältnisse deutlicher machen und eine solidere Basis für die Reflexion und Diskussion von Sprache in der Politik liefern (und vielleicht auch Diskussionspartner dazu führen, zuzugestehen, daß sie zwar mit gleichlautenden Ausdrücken, aber doch verschiedenen Begriffen operieren).

 

Ideologische Polysemie kann in manipulativer Absicht verwendet werden Man läßt die Adressatengruppe über die abweichenden Definitionen der benutzten zugkräftigen Schlüsselwörter im unklaren und beschwört Solidarität und Einheit der Aktion. Die Mitmarschierer merken erst später, für was sie angetreten sind. Wörter wie ,,Repression“ und ,,Emanzipation“, ,,frei“ und ,,demokratisch“ eignen sich ausgezeichnet dazu.

 

Ideologische Polysemie ist in einer offenen pluralistischen Gesellschaft eine ganz natürliche, unvermeidbare Spracheigenschaft. Politischen Gegnern Sprachmißbrauch und Unredlichkeit vorzuwerfen, wenn sie einen gängigen Begriff ideologisch anders definieren, ist unwissenschaftlich. Wörter bedeuten das, was eine bestimmte Sprechergruppe mit ihnen assoziiert, und unterschiedliche Konzepte zu entwickeln ist ein menschliches Grundrecht. Böswillige Irreführung, subjektive Täuschungsabsicht stecken meist nicht dahinter (sind aber möglich). Wohl haben alle Parteien ein Interesse daran, ihre eigene ideologische Polysemieversion möglichst allgemein durchzusetzen, was praktisch einem Durchsetzen der eigenen Weltanschauung gleichkommt.

 

Nicht nur Polysemie macht den sprachlichen Ausdruck zu einem problematischen Instrument politischer Kommunikation. Viele Wörter der natürlichen Sprache (und auch der politischen) tragen ihrem Wesen nach eine relative oder eine unscharfe Bedeutung und erfüllen eben dadurch gewisse Ausdrucksbedürfnisse am besten. So gibt es in der Gemeinsprache Adjektive wie ,,schnell / langsam, ,,heiß / warm / kalt, deren Inhalt nicht physikalisch objektiv beschrieben werden kann, da er ein relativer Wert ist, der sich ergibt aus erfahrungsbestimmten Erwartungsnormen für den Gegenstand, dem die attribuierte Eigenschaft gilt. Ein ,,kaltes Bügeleisen (relativ zur Bügeltemperatur) kann wärmer sein als ein ,,kalter See (relativ zur angenehmen Badetemperatur), ein ,,heißer Herd hat in der Regel höhere Temperaturen als ein ,,heißer Tag. Bei Adjektiven sozialpolitischen Inhalts liegt die Sache ähnlich wie bei den räumlichen Richtungsangaben ,,links / ,,rechts und ,,vorne / ,,hinten oder den Zeitangaben ,,gestern, ,,morgen usw. Sie machen eine konkrete subjektive Orientierung aus der Sicht des Sprechers möglich (Ich-jetzt-hier-Perspektive).

 

,,links“ (räumlich)

Eigenschaft von konkreten Objekten Lage oder Richtung relativ zur Blickrichtung des Sprechers bei gerader Kopfhaltung (bei Teilen: Perspektive des zugehörigen Ganzen: ,,sein linker Arm“) Seite, auf der das Herz liegt

 

,,links“ (politisch)

Eigenschaft der politischen Orientierung Tendenz der Zustimmung zu... relativ zu einer vom Sprecher angenommenen ,,Mitte“ (bei Teilen: Perspektive des zugehörigen Ganzen: ,,der linke Flügel der SPD“) Zustimmung zu stärkerer Sozialisierung und Beteiligung der sog. ,,Proletarier“ an der Herrschaft (bis zum Extrem der Anarchie oder der Etablierung neuer Herrschaft durch Funktionärseliten)

 

(Auf die Auflistung gruppenspezifischen Konnotats sei hier verzichtet.) Entsprechend sind die sozialpolitischen Adjektive ,,rechts“, ,,liberal“, ,,konservativ“, ,,reaktionär“ etc. nur als subjektive Angaben vom Sprecherstandpunkt her zu verstehen, relative Begriffe, nicht etwa ,,Schwammwörter“. (Dieses Phänomen läßt sich auch als gruppenbedingte Polysemie verstehen. )

[Rolf Bachem: Einführung in die Analyse politischer Texte. München: Oldenbourg 1979, 54 ff.]