Funktionale Grammatik - Funktionen der sprachlichen Mittel (G. Einecke)

 

Ausgangspunkt ist die problematische Er­fahrung mit dem formalistischen, am System orientierten Grammatikunterricht, in dem die Schüler die grammatischen Begriffe lernen, die entsprechenden For­men in Sätzen und Texten benennen und ihre Begriffskenntnisse im Grammatik-Test nachweisen müssen. Eine Reflexion über Sprache, d. h. eine Konfrontation sogenannter grammatischer Normen mit der tatsächlichen Sprachpraxis, ein Nach­denken über die Tragweite und Funktion bestimmter Formen, eine Auseinanderset­zung mit der Variationsmöglichkeit in der Nutzung sprachlicher Elemente etc. findet zumeist nicht statt.

Zentral in diesem systematischen Gram­matikunterricht sind die Fragestellungen:

Wie heißt das sprachliche Element mit dem Fachbegriff? Wie wird die grammatische Form gebildet? Welche Stellung hat das grammatische Ele­ment im System der Sprache?

 

Die zentralen Fragestellungen der funktionalen Grammatik dagegen lauten:

    Welche Funktion hat das grammatische Element in diesem aktuellen Text und im medialen Verwendungskontext?

    Welche Funktionen kann dieses Element grundsätzlich übernehmen?

    Welche Funktionen haben bestimmte grammatische Elemente für mein Verstehen sowie für die Wirkung des Textes auf mich?

Dabei werden die grammatischen Formen und Fachbegriffe natürlich einbezogen, induktiv vermittelt und auch eingeübt. Das Ziel der Reflexion über Sprache ist aber: Die Schüler sol­len die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten und Verwendungen eines bestimmten gram­matischen Elements sowie den möglichen Einsatz verschiedener sprachlicher Formen für einen intendierten Ausdruck kennen lernen.

 

Die Funktionen eines grammatischen Phänomens - z. B. des Imperativs, des Kausalsatzes, der Konjunktion, des Adverbials, der Satzklammer, der Inversion etc. - können von ver­schiedenen Ansätzen her ermittelt und in verschiedenen funktionalen Zusammenhängen beobachtet werden; sie können so für den Unterricht geplant und für die Reflexion über Sprache vorbereitet werden. Dazu ist es sinnvoll, Fragestellungen zu formulieren, die auf die speziellen Funktionen gerichtet sind.

 

Sprachliche Funktionen nach den Zeichen-Dimensionen

 

Welche grundlegende Leistung zeigt ein grammatisches Element? Nach der Zeichentheorie von Charles W. Morris übernehmen Zeichen drei grundsätzliche Funktionen:

 

1. Semantische Funktion: Wie ist ein sprachliches Element beteiligt an der Vermittlung von Bedeutung? Wie wird mit der sprachlichen Form Realität wiedergegeben, reduziert, aus­geweitet, verändert, perspektiviert, gewertet etc.? Welche lexikalische oder aktuelle Bedeutung hat das sprachliche Element selbst? Welche Bedeutungsänderung erfolgt durch eine Formänderung?

Beispiel: Das alte, blaue Haus in der Augasse ist unser Ziel.

Die Attribute „alt“, „blau“ und „in der Augasse“ werten, beschreiben und differenzieren; sie schaffen eine präzise Vorstellung von „Haus“.

 

2. Syntaktische Funktion: Welche Rolle spielt das sprachliche Element im Satz? Welchen Anteil hat es an der Konstruktion von Äußerungen, an der Herstellung von Aussagezu­sammenhängen? Welche Rolle spielt es bei der Akzentuierung von Teilinformationen im Satz? Wie verbindet es Sätze zum Text?

Beispiel: Das alte, blaue Haus in der Augasse ist unser Ziel.

Es geht um ein Haus; der Numerus „Haus“ steuert den Numerus im Kopulaverb. Anders könnte es ja heißen: Die drei Häuser sind unser Ziel. Dabei bliebe der Gleichsetzungsnominativ „Ziel“ im Numerus erhalten. Die Attribute im Vorfeld sind eindeutig an das „Haus“ gebunden; das Präpositionalattribut im Nachfeld ist lockerer angebunden. Denn eine Verschiebung „Das alte, blaue Haus ist unser Ziel in der Augasse“ oder „Das alte, blaue Haus ist in der Augasse unser Ziel“ mit einer Veränderung zum Lokaladverbial ergibt vergleichbare Aussagen, während eine Anbindung der Adjektivattribute an „Ziel“ nicht möglich ist. Syntaktisch ist auch die Stellung flektierter Adjektivattribute im Vor­feld des Nomens festgelegt, so dass *Das Haus alte blaue* fehlerhaft wäre. Die syntakti­sche Funktion besteht also hier in der eindeutigen Zuordnung der Attribute zum Nomen. Die Sprache zeigt, dass die sprachlichen Elemente einer Regel unterworfen sind und nicht willkürlich aufeinanderfolgen. Jede Abweichung wäre fehlerhaft oder ein Hin­weis auf eine besondere Intention.

In der „Makrosyntax“ wird deutlich: Der bestimmte Artikel „das“ sowie das Possessiv­pronomen „unser“ signalisieren, dass der Satz aus einem Zusammenhang gerissen ist, dass der Gegenstand und die Personen schon eingeführt sein müssen.

 

3. Pragmatische Funktion: Welche Bedeutung hat das sprachliche Element im Verwendungszusammenhang? Welche hat es für die Verständigung zwischen den Kommunikationspartnern? Welche situativen Bezüge stellt es her? Wie wirkt es auf die Interaktion und Kommunikation? Welche sprachliche Handlung wird mit ihm vollzogen? Mit wel­chem Erfolg?

Beispiel: Das alte, blaue Haus in der Augasse ist unser Ziel.

Die Benennung des Hauses im Satzeingang zeigt, dass die Angabe des konkreten Ziels im Mittelpunkt steht, während die Tatsache, dass überhaupt ein Ziel angestrebt oder etwas gesucht wird, schon angesprochen sein muss. Die genauen Angaben dienen dabei einer klaren Ausrichtung der Beteiligten, es handelt sich um präzise sprachliche Informa­tionen als Voraussetzung für das Gelingen einer nichtsprachlichen Handlung, z. B. einer Suche, einer Wanderung oder eines Besuchs. Dabei kann je nach Kontext der Aussage­satz ohne weiteres auch die Funktion einer Aufforderungshandlung haben: „Lasst uns jetzt zu dem Haus gehen!“ Das „unser“ gibt an, dass in einer aktuellen Sprechsituation Sprecher und Adressat gleiche Handlungsinteressen haben. In einem literarischen Text könnte auch eine Perspektivübernahme der Leser gemeint sein, die einem erzählenden Ich folgen.

 

Die Beispiele machen deutlich, dass in der Regel eine isolierte Betrachtung eines einzelnen sprachlichen Phänomens nicht weit führt, dass vielmehr Interpretationshinweise aus dem weiteren Kontext erforderlich sind. Der Umgang nur mit Einzelzeichen, mit einzelnen sprachlichen Elementen kann also nicht das Ziel sein.

 

Sprachliche Funktionen nach dem Sprachfunktionen-Modell

 

Nach Karl Bühler, ergänzt durch Jacobson/Mukarovsky, sind die sprachlichen Elemente daran beteiligt, einer Äußerung bestimmte Bezüge zuzuweisen und diese sogar einem größeren Text insgesamt zuzuschreiben. Dabei wirken verschiedene Funktionen in Texten oft paral­lel miteinander; es zeigt sich jedoch in der Regel die Vorherrschaft einer Funktion in einem Text.

 

Wie ist ein grammatisches Phänomen daran beteiligt, dass ein sprachlicher Ausdruck, ein Text eine der folgenden Sprachfunktionen übernimmt?

 

l. Referentielle Funktion: Welche sprachlichen Elemente nehmen Bezug auf Sachverhalte, Gegenstände, Elemente der Wirklichkeit? Welche stellen also dar (daher auch: darstel­lende Funktion)? Ist die Form geeignet, die Aussage über einen Sachverhalt richtig aus­zudrücken, zu informieren, zu präzisieren, zu differenzieren?

Beispiel: Finster drohend stand der Tannenwald zu beiden Seiten des eingefrorenen Wasser­laufs.

Als Sachverhalte werden zwei Naturausschnitte durch zwei konkrete Nomen dargestellt. Gegenstand des Interesses ist das Subjekt „der Tannenwald“. Er wird durch die adver­biale Bestimmung in einen größeren lokalen Zusammenhang eingeordnet; dabei wird durch die Präpositionalfügung die Teilung des Waldes deutlich sowie durch das Genitiv­attribut die Ursache für die Teilung des Waldes. Im Attribut erscheint noch ein wider­sprüchlicher Eindruck: „eingefroren“ vermittelt einen Zustand, „-lauf“ vermittelt eine Bewegung; diese kann nur in der Erinnerung, also jenseits der aktuellen Wahrnehmung vorhanden sein. „Wasserlauf“ ist darüber hinaus auch eine neutrale geographische Bezeichnung, so dass hier ein Begriff eine Klasse von geophysikalischen Erscheinungen erfasst; der konkrete Wasserlauf wird nicht benannt. Es wird also auf ein Wahrnehmungs­schema angespielt. Mit „finster drohend“ werden emotionale Aspekte des Sachverhalts hereingeholt; die Sachverhalte sind als Gegenstände des Erlebens vermittelt. Der Hel­ligkeitswert „finster“ wird in seiner emotionalen Wirkung „drohend“ erfasst. Die Inver­sion mit der Spitzenstellung des erweiterten Adverbs, das in seiner Partizipialform einen gegenwärtigen Zustand anzeigt, macht deutlich, dass für ein erlebendes Subjekt der Ein­druck von dem Gegenstand, dem „Tannenwald“, im Vordergrund steht, nicht der Gegen­stand selbst.

Die Sprache stellt ganze „Realitätserfahrungskomplexe“ (Pauly, 30) zur Verfügung, etwa für die Wirklichkeits- und Erfahrungsausschnitte Gegenwart, Vergangenheit, Zukunft;

Tatform, Leideform; Sexus; Vergleich; Vorgang, Zustand; Identität; Bestimmtheit-Unbestimmtheit; Gegensatz-Gleichheit; Ort, Richtung, Abstand, Entfernung; Einheit-Vielheit etc. Und diese Komplexe werden grammatisch durch eine Fülle von Varianten repräsentiert: z.B. „Ort“ durch Nomen (Wald, Straßenkreuzung), durch Präpositionalgefüge als adverbiale Bestimmung (sie steht auf dem Platz) oder präpositionales Attribut (das Fenster am Hinteraus­gang), durch eine Fülle von lokalen Präpositionen (auf, über, hinter, vor, neben, unter. . .), durch Adverbien (dort), durch Pronominaladverbiale (dahinter), durch Lokalsätze (Wir sehen uns wieder, wo wir uns Dienstag getroffen haben), durch Relativ­sätze (der Tisch, auf dem ein Buch liegt. . .), durch Fragesatz und lokales Interrogativ­pronomen (Wo ist meine Tasche?), durch indirekten Fragesatz (Sie weiß nicht, wo ihre Tasche liegt) sowie durch komplexe Formulierungen, die diese grammatischen Ele­mente kombinieren.

 

2. Appellative Funktion: Wie wirkt ein sprachliches Element am Aufforderungscharakter einer Äußerung mit? Ist der Appell direkt oder indirekt? Wie wird ein Adressatenbezug hergestellt?

Beispiel: So gib doch endlich Ruh, und hör mit deinem Gejammer auf!

Die Imperative „gib“ und „hör auf“ lassen einen direkten Appell erkennen, der an jeman­den gerichtet ist, für den sich nicht die distanziertere Sie-Anrede eignet; dies wird durch das Possessivpronomen „deinem“ bestätigt. Der Appell wird noch verstärkt durch die Adverbien „doch endlich“. Auch das pejorative Nomen „Gejammer“ verstärkt die Forde­rung, indem es gleichzeitig Ablehnung anzeigt. Der Appell zeigt eine Ausgangslage an. Das Adverb „so“ stellt einen Bezug zu ihr her, und das Nomen actionis „Gejammer“ zeigt mit seinem Präfix „ge-“ die Vorstellung einer wiederholten lästigen Handlung an (vgl. Gebrüll, Geschluchze), zu deren Überwindung der Appell führen soll. Das Adverb „end­lich“ zeigt die zeitliche Terminierung an. Die verbale Forderung „Ruhe geben“ und „auf­hören“ soll also eine Verhaltensänderung bewirken. Das Gelingen ist abhängig von der Autorität des Sprechers, aber auch von den Handlungsmöglichkeiten des Adressaten. Über dies beides müsste der Kontext Auskunft geben.

 

3. Expressive Funktion: Wie wird die Ausdrucksseite einer Äußerung deutlich? Wie sind Affekte, Emotionen, Wertungen vermittelt? Welche Ich-Befindlichkeit kommt zum Aus­druck?

Beispiel: Toll, du kannst ja gehen!

In der modesprachlichen Wertung „toll“, in elliptischer Form aus „das ist toll“ oder aus der Ich-Aussage „ich empfinde das als toll“ gebildet, kommt Gefühlserregung zum Aus­druck, ebenso in dem Adverb „ja“. Freude mag sich zeigen, weil z. B. das Kleinkind gerade die ersten Schritte getan hat. Ebenso gut könnte das „toll“ aber auch ironisch gemeint sein, dann läge hier das expressive Element in verschlüsselter Form vor und müsste aus dem Kontext als solches erkennbar sein. „Du kannst ja gehen“ wäre in diesem Fall vielleicht nicht Ausdruck der Verwunderung, sondern z. B. nach der Beobachtung eines Sturzes ein hämischer Ausdruck gegenüber dem Gestürzten. Durch die Satzspal­tung hinter „toll“ kann aber auch nur dies erste Wort ironisch gemeint sein und die zweite Satzhälfte als eine Verabschiedung in zurückhaltender (empfehlender) Form. Z. B. wer­tet nach einem Streit jemand die Stimmung ironisch als „toll“ und weist daraufhin den anderen ab. Der Kontext muss also klären, welche Emotion der Sprecher zum Ausdruck bringt.

 

4. Ästhetische oder poetische Funktion: Während die darstellende Funktion die Ausrichtung auf die Wirk­lichkeit, die appellative die auf den Adressaten und die expressive die auf den Sprecher bewirkt, stellt die ästhetische Funktion einen Rückbezug auf die Sprache selbst und auf den Text her. Die Aufmerksamkeit eines Hörers oder Lesers wird auf die Form der sprachlichen Vermittlung gezogen, sein Interesse an der Komposition geweckt (vgl. Fin­gerhut, 1981, S. 24). Judith Macheiner hat speziell auf der Erfahrung der „schönen Sätze“ eine ganze deutsche Grammatik aufgebaut. (s. Macheiner) Auch H. Schildt will die grammatischen Eigenschaften der „schönen Form“ untersuchen (Schildt, l).

Wie ist ein sprachliches Element an der Gestaltung einer ästhetischen Form und der Ver­mittlung einer ästhetischen Wirkung beteiligt?

Beispiel: Ans Haff nun fliegt die Möwe; /und Dämmrung bricht herein; /über die feuchten Watten /spiegelt der Abendschein.

Der Leser wird bei diesem traditionellen Vierzeiler in einen auffälligen Rhythmuswech­sel der dreihebigen Verszeilen gezogen: Vers 1/2 jambisch, Vers 3/4 Trochäen mit dakty­lischer Aufrauung am Anfang; die Lichteffekte des feuchten Watts und des spiegelnden Scheins mögen die rhythmische Bewegung begründen. Es besteht also eine rhythmische Bindung der beiden ersten und der beiden letzten Verse; und der Wechsel zeigt, dass keine Strenge in der Gestaltung beabsichtigt ist. Die Reimbildung ist relativ frei; nur Vers 2 und 4 sind gereimt und verknüpfen so die beiden Verspaare. Die Inversion in der Syntax stellt die Landschaft als Ziel der Bewegungen ins Zentrum. Die Zeit wird durch die als Subjekte aktiven atmosphärischen Veränderungen bestimmt: Dämmrung bricht herein, Abendschein spiegelt. Der Ort wird durch Lokaladverbiale festgelegt, wobei es um Richtungsangaben geht: ans Haff, über die Watten, die also auch wiederum Bewe­gung anzeigen. Der Zeitpunkt, die Ortsangaben und der Aktualitätsbezug durch das Adverb „nun“ stellen eine lyrische Situation her, die ein lyrisches Ich im folgenden Text erwarten lässt. Im Mittelpunkt der vier Verse steht die optische Wahrnehmung. Dabei werden fast überzeitliche Sachverhalte - wie es sie immer wieder an der Küste gibt - vor­gestellt, was dem ganzen Text eine untergründige Ruhe gibt: Es geht nicht ums Nordstrander Watt oder das Kurische Haff. Dies wird unterstützt durch die Präsentation der Möwe mit dem bestimmten Artikel, obwohl es sich um eine unbestimmte Möwe han­delt, da sie nicht näher eingeführt oder gekennzeichnet ist. Es ist der Typus. Eine Abrun­dung der Strophe wird durch die a-Klänge in Vers l und 4 erreicht.

Speziell die Klangprobe wird die ästhetische Funktion vermitteln. Der Leser merkt, dass es nicht um einen biographisch darstellenden Text geht, nicht um einen informierenden Prospekttext und nicht um einen appellativen Werbetext, er spürt vielmehr, dass Klang, Bild und Komposition der Wirkung wegen gestaltet sind, und er kann sich auf diese Gestaltung einlassen.

 

Die ästhetische Funktion steuert einen bestimmten Ausdruckswert und eine Wirkung der sprachlichen Formen. So ist auch von „Wirkungsfunktionen“ die Rede (Antos, 47; Spang, 121). Und es wird darauf verwiesen, dass für den „Ausdruckswert“ das Zusammenspiel der sprachlichen Mittel wie auch die Dominanz bestimmter Mittel verantwortlich ist (Jahn, 4). Eine Überlappung der ästhetischen, stilistischen, rhetorischen und poetischen Funktionen ist zu sehen. Während die referentielle, appellative und expressive Funktion jedem sprach­lichen Element grundsätzlich zu eigen ist - in einer Äußerung natürlich auch bewusst her­ausgestellt werden kann -, ist die ästhetische Funktion generell intentional, sie unterliegt einer „Wirkungsintention“ (Kreft, 208 ff.).

 

Auch hier wird deutlich, dass die sprachlichen Funktionen z.T. unmittelbar aus den gram­matischen Elementen eines Satzes hervorgehen, z. B. der appellative Charakter einer Frage oder der ästhetische Charakter durch eine feste Zweierkopplung bei der Aufzählung von  ( Nomen (Himmel und Erde, Weh und Ach), z.T. aber auch erst aus dem weiteren Kontext genauer bestimmt werden können.

 

Kommunikative Funktionen der Sprache

 

Ausgangspunkt der Sprachbetrachtung sind nicht die sprachlichen Mittel, sondern die „intendierten kommunikativen Wirkungen“ (Schmidt, 12). Die sprachlichen Mittel, ihre Formen, ihre Bedeutung und ihr Zusammenwirken werden in ihrer Punktion für die Bewäl­tigung von Kommunikationssituationen gesehen. Sprache wird dabei als eine Form sozi­alen Handelns verstanden. Die grammatischen Phänomene wären auf ihre „Handlungsbe­deutung“ (Knobloch, 6) hin zu beobachten.

Eine Zeitlang wurde missverstanden, der Deutschunterricht müsse als eine neue Systematik neben das System der Sprache das System eines komplexen Kommunikationsmodells und das System einer Typologie der Sprechakte stellen. Darum kann es nicht gehen. Vielmehr bieten beide Aspekte nur neue Möglichkeiten, Sprache in Funktion zu sehen. Wenn im Zentrum des Unterrichts die traditionellen Inhalte der Grammatik (s. Basisgrammatik lateinischer Fachbegriffe) bleiben, so wäre nun zu beobachten, wie sie in verschiedenen Ausprägungen in den individuellen und gesellschaftlichen Kommunikationsprozessen vor­kommen. Dabei werden allerdings die Faktoren eines Kommunikationsmodells und die Bezeichnungen z. B. von Sprechakten in die Beschreibungssprache mit eingehen, jedoch fast wie alltagssprachliche Begriffe, die zur Metakommunikation bei der Rekonstruktion von Kommunikationssituationen eingesetzt werden (vgl. Nündel, 54): z.B. Kommunika­tion, Sprecher, Hörer, Erwartung, Absicht, Situation, Bedingung, Gelingen, Misslingen; Sprechakt, Zustimmung, Kommentar, Ratschlag, Kontakt, Warnung. . .; Inhaltsaspekt und Beziehungsaspekt.

Ist die grundlegende Bedeutung eines Satzes bereits durch die struktu­relle Analyse der beteiligten grammatischen Elemente zu ermitteln, so ist der „Verwen­dungssinn“ einer sprachlichen Äußerung nur kontextuell-situativ zu erfassen (Pauly, 22). Von den im Kommunikationsprozess sichtbaren zwei Teilen der Textproduktion und der Textrezeption wird hier der letztere in den Blick genommen. In Texten findet der Rezipient die Kommunikationsabsicht des Textproduzenten kodiert, für das Verstehen muss er den situativen Kontext berücksichtigen. Daher wird die kommunikative Funktion von Texten (gesprochenen wie geschriebenen) auch „Textfunktion“ (Schmidt, 42) genannt. Es finden sich verschiedene Vorschläge zur Einteilung von Texten, von Textklassen (z. B. informie­rende, aktivierende und klärende Texte) über Texttypen und Textarten bis zu Textsorten (ebd.). Auch der Begriff der „Textintention“ wird zur Klassifizierung herangezogen, z. B. informieren - argumentieren - appellieren - unterhalten. Der Begriff der „kommunikati­ven Funktion“ hat den Vorteil, dass Texte nicht losgelöst von den Personen verstanden wer­den, die an dem Kommunikationsprozess beteiligt sind.

Generell hat Sprache natürlich auch noch eine „heuristische Funktion“, wenn „erst mit Hilfe der Sprache und Sprechtätigkeit die Sachverhalte vollends erkannt und begrifflich voll erfasst werden“ (Baurmann/Hacker, 18). Dies würde bei kommunikativem Ansatz die intra­personale Kommunikation neben der interpersonellen als bedeutsam herausstellen.

 

Die sprachlichen Mittel haben Funktion

 

l. zur Lösung kommunikativer Aufgaben:

Kontakte herstellen, ein Problem lösen, Kooperation organisieren, Gespräche/Texte strukturieren, Arbeiten ausführen, Beziehungen klären, Rechte durchsetzen, Entspan­nung ermöglichen, Informationen einholen und verbreiten, die Aufnahme und Verar­beitung von Informationen steuern, ästhetische Wirkungen (Genuss, Entspannung, Unterhaltung) erzielen etc.

 

2. zur Unterstützung nichtsprachlicher Handlungen:

Einleitung, Bedingung, Voraussetzung, Vorbereitung, Eröffnung von Handlungen; Begleitung, Kommentierung, Sicherung von Handlungen; Fortführung, Prüfung, Folge­rung, Abschluss von Handlungen etc.

 

3. zur Äußerung bestimmter Sprechakte:

- durch Einsatz grammatischer Mittel spezifische Sprechakte bewirken - dabei ist oft­mals zu unterscheiden zwischen einer grammatischen Grundbedeutung und einer spezifischen Nutzung als Sprechakt, z. B. Aussagesätze, Fragesätze, Befehlssätze, elliptische Sätze, Infinitive, Nominalgruppen als Sprechakt „Auffordern“: „Das Fen­ster ist immer noch offen. - Könntest du das Fenster schließen? - Schließ sofort das Fenster! - Fenster zu! - Bitte das Fenster schließen. - Das Fenster!“

- partnerbezogene Sprechakte der Mitteilung wie: Zustimmung, Zurückweisung, Kom­mentierung;

- partnerbezogene Sprechakte des Ausgleichs: wie Dank, Entschuldigung, Billigung, Gratulation;

- partnerbezogene Akte der Festlegung wie: Versprechen (auf den Sprecher bezogen) -Ratschlag, Vorwurf, Warnung, Frage (auf den Hörer bezogen) - Angebot, Verabre­dung, Drohung, Vorstellung (auf Sprecher und Partner bezogen) - Wunsch, Vorschlag, Ankündigung (auf beliebige Personen bezogen);

- sprecherbezogene Sprechakte der Expression wie: Schimpfen, Resignation, Ausdruck der Freude, Trauer etc. (vgl. Engel, 36 ff.);

 

4. zur Vermeidung/Behebung/Erregung von Kommunikationsstörungen: Missverständnisse, Uneindeutigkeiten, Mehrdeutigkeiten, ungewollte Reaktionen, Unterbrechungen, Wortgewalt, Aggressivität, Vorurteilsbildung, Misserfolg etc.

 

5. zum Gelingen der Kommunikation: Ist ein grammatisches Phänomen dienlich, um fol­gende Kommunikationsziele zu gewährleisten?

 

Ist der sprachliche Ausdruck

- intentionsgemäß: Vermittelt die gewählte Form, was der Sprecher sagen will?

Beispiel: „Reden Sie ruhig weiter.“ - Wenn jemand einem Sprecher nicht mehr zuhören kann und mag, dies aber ironisch so verpackt, ist nicht sicher, dass er Ruhe bekommt. - „Ich bin empört (verärgert, traurig, aufgebracht, zutiefst verletzt, beschämt), dass...“ beginnt ein Leserbrief; und der Schreiber muss entscheiden, was er ausdrücken will.

- adressatenbezogen: Kann die sprachliche Form vom Hörer richtig verstanden, interpre­tiert, eingeordnet werden? Ist sie wirkungsvoll? Was stört ggf. die Rezeption?

Beispiel: „Fürwitz macht viel Toren.“ - Wenn ein zehnjähriges, sich immer vordrängeln­des Kind dies Sprichwort gesagt bekommt, wird es kaum reagieren, weil es die Begriffe nicht versteht und weil ihm der appellative Charakter des eher wie ein Kommentar wir­kenden Aussagesatzes nicht deutlich wird.

- sachadäquat: Erfasst die Sprache richtig, was an Information über einen Sachverhalt vermittelt werden soll?

Beispiel: „Am 7. 12. 1970 verabredeten die Deutschen und die Polen einen Warschauer Ver­trag.“  - Hier wird gegen eine feste semantische Kopplung in einem konventionellen semantischen Feld verstoßen, da Staaten „Verträge schließen“ und das Datum auf den Vertragsabschluss bezogen ist; „verabreden“ stünde allenfalls für die Eröffnung von Verhandlungen und läge nicht im Entscheidungsbereich der parlamentarischen Beschlussgremien, sondern in der Rolle von einzelnen Verhandlungspartnern. Fehler­haft ist auch der unbestimmte Artikel „einen“, da beide Staaten „den“ Warschauer Ver­trag zu jenem Termin schlossen, es also um ein bestimmtes Vertragswerk geht; „einen“ unterstellt eine Reihe von gleichartigen Verträgen gleichen Namens oder eine Gattungsbezeichnung, als gäbe es den Typus der Warschauer Verträge, wie der Pariser Ver­träge etc.

- situationsangemessen: Wird die sprachliche Form der Rollenverteilung, der Legitima­tion, der Konvention entsprechend benutzt? Berücksichtigt sie die Bedingungen des benutzten Mediums? Ist sie im Kontext sinnvoll eingesetzt?

Beispiel: „Mit 45 Jahren erhielt Fräulein W. den Literaturpreis.“ - Dies würde heute gegen die inzwischen zur Norm fortentwickelte neue Konvention verstoßen, dass erwachsene Personen weiblichen Geschlechts öffentlich nicht mehr als Fräulein bezeichnet werden.

 

Stilistische Funktionen der Sprache

 

Die traditionelle Stilistik ging von der gattungs- und zweckgebundenen „Stilprägung“ (Sowinski, 20 f.) aus und war normativ, so dass feste Rede- und Schreibmuster zum Vorbild dienten. Verwandt damit war die traditionelle Rhetorik, die den Einsatz bestimmter sprach­licher Mittel schematisch verlangte und unabhängig vom Verwendungszusammenhang wertete. So konnte eine „literarische Rhetorik“ entstehen, die die traditionellen rhetori­schen Stilmittel zusammenstellte und ihre Verwendung bei der Textproduktion vorsah, aber auch als Kategorien für die Interpretation literarischer Texte bereitstellte (Geißner, 55).

 

Die funktionale Stilistik geht dagegen davon aus, „dass in bestimmten Bereichen der Sprachverwendung bestimmte charakteristische Stilmerkmale dominieren“, dass aber eine größere Bandbreite an sprachlichen Varianten unterschiedliche Ausdrucksfunktionen erfüllen hilft. So gibt es z.B. einen Stil des öffentlichen Verkehrs, der Wissenschaft, der Publizistik und Presse, des Alltagsverkehrs sowie der schönen Literatur. Dabei wäre die schöne Literatur „weniger vom Vorhandensein spezifischer Stileigenheiten“ als vielmehr von der Funktion in der spezifischen Sprachverwendung bestimmt und stärker von Perso­nal-, Epochen- und Gattungsstilen geprägt als andere Textbereiche (Sowinski, ebd.). Lehr­bar erscheint diese Stilvariante kaum, wohl aber erfahrbar: „Wir kennen den Ausgang des Spiels mit den Variationen, aber nicht die Regeln, nach denen es gewonnen wird“ (Machei­ner, 8).

Für die „Stilarbeit“ hätte der funktionale Stil „eine mittlere Zielsetzung, die auf Qualifika­tion für verschiedene pragmatisch relevante Textsorten orientiert ist und doch auch den Ausdruck persönlicher Empfindungen, Auffassungen, Meinungen mit einschließt“ (Bleck­wenn, 18).

 

Grundsätzlich lässt sich fragen: Ist die verwendete sprachliche Form funktional für die gewählte Textsorte und Verwendungssituation, in der sie eingesetzt ist? Ermöglicht sie zugleich einen Individualstil? - Im einzelnen:

 

1. Verständlichkeit: Ist der sprachliche Ausdruck geeignet, einen Text verständlich zu machen? (vgl. Bayer, 2 ff.) Das sprachliche Element ist funktional für die Darstellungs­prinzipien:

- Einfachheit, aber hinreichende Redundanz: Handelt es sich um einfache oder komplexe Formen (kurze Sätze, wenig Gliedsätze, wenig Attribute, keine komplexen Wortbil­dungen), um geläufige oder ungewöhnliche Wörter und Konstruktionen etc.?

- Gliederung/Ordnung: Welche Formen helfen bei der Satzverknüpfung, bei der Thema-Rhema-Folge, bei der Abschnittbildung, bei der Führung des Lesers; welche stellen etwas heraus?

- Genauigkeit/Prägnanz: z.B.: Werden Relationen durch pronominale Bezüge oder Gliedsätze deutlich vermittelt? Dient der Nominalstil der angemessenen Kürze? Wer­den Adverbiale als Angaben genutzt etc.?

- Zusätzliche Anregung/Stimulanz: Welche Formen bewirken Anschaulichkeit, anre­gende Abweichung von der Regel, Emotionalität, erregen Aufmerksamkeit etc.?

 

2. Reliefgebung: Ist das sprachliche Element an der Reliefgebung des Textes beteiligt? (vgl. Ebner, 176 ff./ Sowinski, 31 ff.) Die sprachlichen Formen sind funktional für die Prinzi­pien der Textgestaltung:

- Kohärenz: Sie stellen den Zusammenhang zwischen den einzelnen Informationen, Wörtern, Sätzen und Abschnitten her.

- Folgerichtigkeit: Sie gewährleisten die korrekte sachlogische, gedanklich logische oder chronologische Abfolge.

- Gewichtung: Sie bewirken die Herausstellung von Wichtigem, die Unterscheidung von Haupt- und Nebenbedeutungen. Vor allem die Abweichung von der Grundstellung in der Syntax wird genutzt.

- Konsequenz: Sie lösen Reaktionen beim Leser/Hörer aus, steuern und beeinflussen sein Verstehen und Handeln.

 

3. Schönheit: Bewirken die sprachlichen Mittel die „Einheit der künstlerischen Gestaltung“ eines Textes (vgl. Sowinski, 16, 69 f./ Macheiner, passim)? Die Formen sind beteiligt an der

- Anschaulichkeit: Konkrete Sprache und Bildsprache regen das Vorstellungsvermögen und die Einbildungskraft des Lesers/Hörers an.

- Einheitlichkeit: Semantische Felder, syntaktische Bauformen, rhetorische Mittel etc. liegen auf gleichrangigen Stilebenen. Stilbrüche sind vermieden (z.B. unkontrollier­ter Wechsel von Sprachebenen oder vom Verbalstil zum Nominalstil) oder aber bewusst eingesetzt (z. B. zur Parodie, Ironie, Persiflage). Ton, Klang und Melodie der Sprache zeigen durchgängige Gestaltung.

- Variation: Die Möglichkeiten der Sprache zur Abwechslung werden genutzt, z. B. die Varianten des Passivs (grammatisches Passiv „Die Wand wird gestrichen .“/man-Passiv „Man streicht die Wand.“/lassen-Passiv „Die Farbe lässt sich gut streichen .“/reflexives Passiv „Die Tür öffnet sich.“ etc.). Das „Prisma der Möglichkeiten“ (Macheiner, 268 ff.) überwindet stereotype Wiederholungen, es sei denn, diese werden stilistisch gezielt eingesetzt, z. B. als Mittel zur Spannungssteigerung (Sie rannte. Sie rannte mit letzter Kraft. Sie rannte um ihr Leben. . .).

- Originalität und Kreativität: Sprachliche Formen werden in neuen Funktionen verwen­det. Ungewohntes und Unerwartetes wird formuliert. Assoziationsreichtum entsteht. Dazu zählen z. B. neue Kompositabildungen (Knabenmorgenblütenträume), neue Syntax (assoziative Ketten), neue Makrosyntax (stream of consciousness), Wortspiele (Albert will nach Albertville), Sprachexperimente (Ich bin der große Derdiedas, das rigorose Regiment. . .) etc.

 

Kontextuelle Funktionen der Sprache

 

Ein Ziel all derer, die die funktionale Grammatik wollen, ist es, die Grammatik und die Re­flexion über Sprache nicht mehr von unten, d. h. von den einfachsten Elementen ausgehen zu lassen und so von Lexemen/Phonemen/Graphemen über Wörter, Wortgruppen/Satz­glieder und Sätze endlich zu Texten zu gelangen. Sie gehen vielmehr von oben aus, d. h. von den Texten in tatsächlichen Verwendungskon­texten und fragen dann nach der Funktion der sprachlichen Elemente im Kontext, nach ihrem Anteil an der Verständlichkeit, der Wirkung und der Gesamtaussage von Texten (vgl. z. B. Heringer, Engel u. a.). Diese Reflexionsrichtung bereitet auch die Interpretation von Texten vor, da vom Gesamteindruck eines Textes ausgegangen wird und die Detailanalyse nachgeschaltet ist (s. u.).

 

Welche Funktion haben grammatische Elemente im aktuellen Kontext eines Textes, einer Äußerung? Was ist ihre Funktion in der „Makrosyntax“? (vgl. Scherner, Hölsken)

 

Die grammatischen Formen bewirken

 

1. eine Textstruktur: eine narrative Struktur durch Formen der „story grammar“ (vgl. Boueke/Schülein), z. B.: Orientierung, Eröffnung, Komplikation, Auflösung - mit Hilfe einer entsprechenden Zeitgestaltung, Wahl von Satzmustern, Angaben etc.; eine argumentative Struktur unter Verwendung von z. B. Kausal-, Konditional-, Finalsätzen, Konjunk­tionen, logischen Partikeln; eine temporale Struktur, gegliedert durch Temporalsätze, temporale Adverbiale etc.; eine Rahmung: z. B. durch Tempuswechsel und Wechsel der Erzählperspektive über einen Wechsel der Personalpronomen; eine Reihenbildung; eine kreisförmige Anlage; szenisch-dialogische Formen durch Sprecherwechsel, Anrede­signale; eine Textschichtung etwa durch Wechsel der Zeitebene oder der Sprach- und Stilebene; eine Einbettung: z. B. durch Redewiedergabe in der Form von eingeführter wörtlicher Rede, von indirekter Rede, von Zitaten etc.; eine Schnitttechnik; Collagefor­men; etc.

 

2. eine auffällige Herausstellung: eines Wortes, eines Gedankens, einer Aussage gegenüber den anderen Teilen des Kontextes, z. B. durch auffällige Mittel des Satzbaus: Inversion statt Normalstellung, hyperkomplexen Satzbau statt einfacher Sätze; durch Ausklam­merung auf der Basis der Verb-/Prädikatsklammer; durch ungewöhnliche Satzbaupläne; durch auffälligen Einbau des Gliedsatzes (Vordersatz, Zwischensatz, Nachsatz); durch verkürzte Nebensätze, Ellipse, Anakoluth etc.

 

3. Über- und Unterordnungen: Unterscheidung von Allgemeinem und Besonderem in Argu­mentationen; Oberbegriffsbildungen in Sachtexten; Begriff und Bedeutungselemente in definitorischen oder erklärenden Formulierungen.

 

4. Kontrastbeziehungen: Kontrastbegriffe, Kontrasthandlungen, temporale Kontraste, Opposition von Figuren, Argumenten etc.; z. B. die Opposition eines semantisch positi­ven und eines negativen Feldes von Adjektiven wie klar, hell, leuchtend, lustig, lebendig vs. düster, dunkel, müde, traurig.

 

5. Ähnlichkeitsbeziehungen: semantische Felder, Isotopien; Parallelismus in der Syntax;

Leitmotivbildung, etc.; z. B. die Äquivalenz von Nomen eines Textes in einem Sachbe­reich: Erholung, Erquickung, Labung, Entspannung.

 

6. Elaboration: Komponentenausweitung durch Benennung von Voraussetzungen, Ursa­chen, Gründen, Motiven, Zielen, Plänen, Folgen, Wirkungen; Konkretisierung durch Attribuierung, adverbiale Angaben; Formen der Kommentierung etc.

 

7. Reduktion: Formen der Verknappung, Verdichtung, z. B. durch Akkumulation von Ver­ben; Ellipsen, Andeutungen, Vereinfachung der Syntax, Nominalstil, Abstraktion; Aus­sparungen, die einen „Sog“ nach Informationen beim Leser bewirken (vgl. Klotz), z. B. durch vage Begriffe, pronominalen Stil, Unterschlagung von Angaben (Adverbialen), Verwendung von Passiv, etc.

 

8. semantische Festlegungen oder Öffnungen: Bedeutungsfixierung durch den „Ko-Text“, d. h. durch die aktuelle rein sprachliche Umgebung eines Satzes oder Wortes (vgl. Busse): z. B. unterschiedliche Bedeutung von „Fenster“ bei einem Gespräch über Putz­mittel oder über Computerprogramme, oder von „Gewalt“ bei Gesprächen unter „Normalbürgern“ oder Juristen (körperliche Gewalt, Nötigung, Gewalt gegen Sachen, Sitz­streik, Blockade. . .); semantische Einengung: z.B. durch Definitionen, Verwendung von Klischees etc.; semantische Öffnung: z. B. durch metaphorischen Sprachgebrauch, der vielfältigere Konnotationen und Assoziationen erlaubt (Bild, Metapher, Symbol, Redewendungen, Sprichwörter etc.).

 

Bei der Reflexion über Sprache wird man natürlich nicht systematisch diese Kataloge durch­gehen, um zu prüfen, welche Funktionen ein sprachliches Element in einem Text hat. Viel­mehr dienen diese Kataloge dazu, einen Blick dafür zu bekommen, worauf man bei funktio­naler Sprachbetrachtung achten kann.

Im Umgang mit einem konkreten Text und einem konkreten sprachlichen Element, das in Frage steht, wird man das Zusammenspiel von Teil und Ganzem beobachten und experimentierend damit umgehen; man wird sich fragen, warum man etwas versteht, gut, schlecht oder nicht versteht; man wird sich fragen, warum einem etwas gefällt oder nicht gefällt; man wird sich fragen, warum gerade eine bestimmte sprachliche Form in einem bestimmten Verwendungskontext eingesetzt wird. Und dabei ist das Wissen um mögliche Funktionen eine Hilfe im Hintergrund, die aktuell vorliegende Funktion eines sprachlichen Elements zu bestimmen.

 

[In: Einecke, Günther: Unterrichtsideen Textanalyse und Grammatik. Vorschläge für den integrierten Grammatikunterricht. Stuttgart: Klett (2) 1995, 12-24 / Literaturanmerkungen dort!]

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