Joachim Riehme:

                                                                                                                                                                                                                                          

Induktives und deduktives Vorgehen

 

Es ist unserem Gegenstand angemessen, in der Methode bei der Erkenntnisgewinnung ein induktives und ein deduktives Vorgehen zu unterscheiden (zu diesem Abschnitt vgl. FUHRMANN 1980, S. 61 ff.). Die Wahl dieser beiden Termini soll nicht so sehr die strenge Logik der geistigen Tätigkeit bezeichnen als vielmehr das pädagogische Handeln, die methodischen Hauptwege beim Lehren und Lernen.

 

Der induktive Weg ist charakterisiert durch das schrittweise Vordringen vom Einzelnen und Besonderen zum Allgemeinen. Die Einzelerscheinungen werden untersucht, indem ihre Merkmale erkannt, bezeichnet, verglichen, geordnet und abstrahiert werden. Das Ergebnis ist die Verallgemeinerung in der Form der Begriffsbildung, der Erkenntnis- und Regelgewinnung. Durch Anwenden und Konkretisieren wird das Erkannte auf seine Richtigkeit bzw. Eignung überprüft, es wird zum geistig Konkreten „aufgestiegen“. Für unseren Gegenstand bedeutet dieses Vorgehen gewöhnlich, daß ein Sprachmaterial analysiert wird. Die in ihm enthaltenen Erscheinungen („Fälle“) des Unterrichtsstoffes (etwa Infinitive mit zu oder substantivierte Adjektive) werden im Text erkannt, dann herausgelöst, indem sie unterstrichen oder herausgeschrieben werden. Diesem Eliminieren folgt gewöhnlich ein Klassifizieren, indem die stofflichen Sachverhalte - Wörter, Wortgruppen oder Sätze - nach gleichen Merkmalen geordnet werden. Dabei spielen das Abstrahieren und das Vergleichen eine wesentliche Rolle. Ausgehend von dem Material, das nach gemeinsamen Merkmalen geordnet wurde, kann dann unter Benutzung des vorhandenen Begriffs- und Regelwissens die Verallgemeinerung vorgenommen werden (z. B. Erkennen und Bezeichnen des Begriffs oder Formulieren der Erkenntnis, des Merksatzes, der Regel). Unmittelbar anschließende Konkretisierungen und Anwendungen auf weiteres Sprachmaterial dienen der Überprüfung der Richtigkeit der Erkenntnis und leiten den Übungsprozeß ein.

 

Der deduktive Weg geht vom Allgemeinen aus und schreitet zum Einzelnen und Besonderen voran. Eine allgemeine Aussage, ein Begriff, ein Modell werden reaktiviert, wenn sie bereits erarbeitet wurden, oder vorgegeben, wenn sie noch nicht bekannt sind. Begriff, Erkenntnis oder Regel werden dann inhaltlich erschlossen und mit konkreten Entsprechungen verbunden. Der allgemeine Satz wird an Beispielen bewiesen, seine Gültigkeit wird überprüft. Es wird also die Übereinstimmung des Allgemeinen mit dem Besonderen hergestellt. Auf dieser Grundlage ist es dann möglich, neue Begriffe oder weitere Aussagen zu gewinnen und zur Sicherung durch Üben überzugehen.

 

In bezug auf unseren Sachverhalt beginnt das deduktive Vorgehen gewöhnlich mit der Reaktivierung bzw. mit der Bekanntgabe eines grammatischen Begriffs, eines Merksatzes oder einer grammatischen (orthographischen) Regel. Sie werden (beispielsweise an der Wandtafel) vom Lehrer vorgegeben oder - in den meisten Fällen - dem Sprachbuch als Lehrtext („Rahmentext“) entnommen. Der Lehrtext wird gelesen und anschließend am Beispielmaterial interpretiert. Die Schüler werden veranlaßt, die Richtigkeit der Aussage am Sprachmaterial zu überprüfen. Dieses wird untersucht, und dabei erfolgt der Vergleich zwischen Sprachregel und Sprachbeispiel: es werden Wörter, Sätze, Muster gefunden, die die Richtigkeit der Erkenntnis oder Regel bestätigen.

 

Das induktive Vorgehen hat den Vorteil, daß die Schüler den Verallgemeinerungsprozeß selbst vollziehen, wodurch er sich bei ihnen fester einprägen kann. Die Schüler werden vom Lehrer nach und nach zur Erkenntnis geführt, der Denkprozeß vollzieht sich in kleinen und überschaubaren Schritten. Er kann dabei so gelenkt werden, daß der Lehrer infolge der Rückkoppelungsvorgänge den Erkenntnisfortschritt der Schüler beobachten und das Vorwärtsschreiten darauf einstellen kann. Auf diese Weise wird gesichert, daß alle Schüler dem Vorgehen des Lehrers zu folgen vermögen und daß sie den Stoff wirklich verstehen.

 

Die Grenzen des induktiven Vorgehens liegen darin, daß manche Schüler geistig unterfordert und durch Kurzschrittigkeit des Vorgehens zu sehr gegängelt werden, daß die Selbständigkeit von Schülern bei zu starker geistiger Führung durch den Lehrer zu gering ist. Überhaupt besteht die Gefahr des Stehenbleibens bei der nur empirischen Verallgemeinerung, da diese Arbeitsweise die Schüler nicht tief genug in die theoretischen Zusammenhänge eindringen läßt. Hinzu kommt, daß das induktive Vorgehen meist zeitaufwendiger ist als das deduktive.

 

Demgegenüber hat das deduktive Vorgehen den Vorteil, daß der Systemzusammenhang der Erkenntnisse besser gewahrt werden kann. Die Begriffe und Erkenntnisse werden unverzüglich und in der richtigen Weise an die Schüler herangebracht, es entstehen weniger sachliche und terminologische Unsicherheiten als beim induktiven Vorgehen. Die Möglichkeit der theoretischen Verallgemeinerung ist in stärkerem Maße gegeben, die Schüler werden zum deduktiven Schlußfolgern befähigt.

 

Das deduktive Vorgehen erfordert aber bestimmte Voraussetzungen. So stellt es beispielsweise höhere Anforderungen an die fachlichen Kenntnisse der Schüler, und auch ihre geistigen Fähigkeiten müssen in höherem Maße entwickelt sein.

 

Für unseren Gegenstand möchten wir keinem der beiden Wege den absoluten Vorrang geben. Ohnehin wird es nicht möglich sein, ein rein induktives oder rein deduktives Vorgehen zu realisieren. Der komplizierte und zugleich immer auch von anderen als den logischen Determinanten abhängige Unterrichtsprozeß führt meist zur Kombination beider Wege. Die hier dargestellten Vorzüge und Grenzen des induktiven und des deduktiven Vorgehens machen deutlich, daß für die geistige Entwicklung der Schüler beide wichtig sind und fördernden geistigen Einfluß ausüben. Auch im Muttersprachunterricht müssen die Schüler sowohl zum empirisch­-induktiven Arbeiten als auch zum deduktiven Schließen befähigt werden. Darum sollten individuell begründete Einseitigkeiten vermieden werden. Für die Entscheidung des Lehrers in der einzelnen Unterrichtsstunde für den einen oder anderen Hauptweg können verschiedene Gründe maßgebend sein, so zum Beispiel

-  die Spezifik des Stoffes,

-  die aktuellen Ziele,

-  die Voraussetzungen der Schüler und

-  der individuelle Lehrstil des Lehrers.

Die Entscheidung des Lehrers für das induktive Vorgehen kann davon bestimmt sein, daß sich Lücken in den Voraussetzungen der Schüler gezeigt haben, die am besten durch den Gang der empirischen Erkenntnis abzubauen sind. Andererseits kann das Bemühen des Lehrers, mehr Zeit für das Üben zu gewinnen, das Bewußtsein, daß die Schüler über ausreichende Voraussetzungen zum raschen Erfassen der Erkenntnis oder der Regel verfügen, zur Entscheidung für das deduktive Vorgehen führen. Auch die geistige, Reife der Schüler kann den Lehrer veranlassen, in der einen Klasse den induktiven, in der anderen den deduktiven Weg zu bevorzugen.

 

Geht man von den methodischen Hauptformen aus, die für die Funktion der Kenntnisvermittlung und Erkenntnisgewinnung bestimmend sind, so dürfte die erarbeitende Lehrform, vor allem das Unterrichtsgespräch, eine dominierende Rolle spielen. Im Unterrichtsgespräch kann der Lehrer erfassen, wie der Denkweg des Schülers verläuft, welche Lücken vorhanden sind, wie rasch die Schüler in der Lage sind, den Sachverhalt zu verstehen. Geschickte Fragestellungen und Impulse lenken den Erkenntnisprozeß des Schülers. Durch die ständigen Rückkoppelungen beim Gespräch ist eine optimale Steuerung der Denkprozesse der Schüler möglich. Wichtig ist allerdings auch das Demonstrieren durch den Lehrer. Er wird die Methoden und Verfahren der Analyse des Sprachmaterials meist optisch an der Wandtafel vorführen, die Schüler verwenden sie dann später in ihren Übungstätigkeiten. Dazu gehören zum Beispiel:

 

- Das optische Sichtbarmachen der Morphemanalyse, in der nacheinander Flexionsmorpheme, Suffixe und Präfixe durch Schrägstriche abgegrenzt werden. Zum Beispiel entsteht die Morphemanalyse un/er/freu/lich/e in der Reihenfolge: unerfreuliche; Endung: unerfreulich/e; Suffix: unerfreu/lich/e; Präfix1; un/erfreu/lich/e, Präfix2: un/er/freu/lich/e; Stamm: freu.

 

- Das Demonstrieren der Umstellprobe, um die finite Verbform zu erfassen, die näheren Bestimmungen des Verbs abzugrenzen, die relative Unselbständigkeit der näheren Bestimmungen des Substantivs zu erfassen

 

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Am Morgen / gingen / viele Einwohner / zum Sportfest.

 

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Viele Einwohner / gingen / am Morgen / zum Sportfest.

 

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Zum Sportfest / gingen / am Morgen / viele Einwohner.

 

- Das Demonstrieren einer Regel zu den Phonem-Graphem-Beziehungen durch ein Schema:

 

Wechsel von ss und ß:

Regeln:

ss steht immer zwischen zwei                                      Am Ende des Wortes und vor

Vokalen, von denen der erste                                      Konsonanten wird ss zu ß

kurz gesprochen wird.

                        essen                                                                        ißt

            Vokal              Vokal                                                  Vokal              Konsonant

            kurz                                                                            kurz

 

Ob das methodische Vorgehen induktiv oder deduktiv, durch Erarbeitung, Lehrerdemonstration oder selbständige Schülerarbeit erfolgt - immer ist es erforderlich, Sprachmaterial einzubeziehen (siehe Abschnitt 5.3.3.). Hat es beim induktiven Vorgehen die Funktion der Induktionsbasis, die von den Schülern als materielle Grundlage für die Untersuchung genutzt wird, so dient es beim deduktiven Vorgehen der Konkretisierung und Demonstration. Das Sprachmaterial ist in jedem Fall erforderlich, um die Einheit des Konkreten und Abstrakten herzustellen.

 

[In: Joachim Riehme: Grammatik / Orthographie. Zur Theorie und Praxis des Unterrichts. Berlin: Volk und Wissen 1986, S. 91-94]