Ist das noch Deutsch?
Tendenzen der Gegenwartssprache
http://www.deutsch-forum-klett.de/sprachkritik/


"Denglisch", die Vermischung des Deutschen mit englischen oder auch nur englisch klingenden Vokabeln, wie z. B. "Handy", "Talkmaster" oder "Wellness", erobern die Alltagssprache immer mehr. Ein Ortsgespräch heißt inzwischen "Citycall", die Bäckerei ist über Nacht zum "Brot-Shop" mutiert, "Seilspringen" ist nur "hype", wenn es als "Rope-Skipping" daherkommt, und wenn die "Handouts" vom letzten "Meeting" im "Backoffice" verschwinden, fällt es manchem schwer, noch "cool" zu bleiben. Andererseits sind viele dieser englischen Begriffe - in den Medien stets gern als "Neudeutsch" bezeichnet - oft auch völlig selbstverständlich Teil der deutschen Umgangssprache geworden, wie z. B. der Pullover, die Jeans, das Make-up, das Spray, die Software und der Workshop. Oder auch das französische Portemonnaie und die Cousine.
 
Ebenso sind auch die aktuellen öffentlichen Äußerungen zum Sprachwandel, vom Leserbrief über die Glosse bis zur Stellungnahme von Institutionen, keinesfalls einheitlich: So kritisierte Walter Krämer, Vorsitzender des Vereins für Deutsche Sprache e. V., Münster, Anfang August die vermehrte Aufnahme von Anglizismen wie "chatten", "downloaden", "Smiley" und "Trash" in den neuen "Duden": Diese hätten in deutschen Wörterbüchern nichts zu suchen. Zur gleichen Zeit äußerte der Wörterbuch-Experte Ulrich Heid auf dem internationalen Lexikografen-Kongress "Euralex" in Stuttgart die Ansicht, dass die vielen englischen Vokabeln, die verstärkt in unsere Sprache strömten, nicht an deren Grundfesten rüttelten: "Der Stamm der Sprache bleibt fest und bestehen", so Heid am 8. August in "Spiegel online".
 
 
Im Fokus: Sprachwandel in Schule und Unterricht
 
Unter besonderer Einbeziehung des Sprachwandels in Schule und Unterricht befasst sich nun der Ernst Klett Verlag mit diesem Thema. Unter dem Motto "Ist das noch Deutsch? Tendenzen der Gegenwartssprache" veranstaltet der Programmbereich Deutsch im Herbst 2000 eine Veranstaltungsreihe, die das Thema "Gegenwartssprache" ins Zentrum rückt und in vier großen Veranstaltungen Fragen des öffentlichen Sprachgebrauchs nachgeht: Ausgewiesene Vertreter der Sprachkultur, Wissenschaftler, Journalisten, Schüler und Lehrer sind aufgerufen, ihre Meinungen und Fragen zum Thema zu äußern.
 
Folgende Fragen sollen auf dem "Klett Forum Deutsch" diskutiert werden: Wie äußert sich der feststellbare "lexikalische Wandel" in der Schulöffentlichkeit? Gibt es "vorbildliche" Normen für den Sprachgebrauch, bzw. sollte es solche Nomen geben und wer bestimmt, welche Normen dies sind? Was kann und sollte der Deutschunterricht dazu beitragen, dass gegenwärtiger Sprachgebrauch angemessen zu Sprache kommt? Wie verarbeitet man in anderen Ländern, z. B. in den USA, Schweden oder Frankreich, sprachliche Globalisierungstendenzen in der Schule?
 

 

zu „Denglisch“ s. auch (G.E.): http://vds-ev.de/literatur/texte/index.php

 

Deutsch und Englisch
 
In der Öffentlichkeit werden zur Zeit drei Sprachthemen besonders wichtig genommen:

Die Gesellschaft für deutsche Sprache hat sich in den letzten Jahrzehnten immer wieder mit dem fremdsprachigen Einfluss und auch mit den Anglizismen befasst: in Artikeln im Sprachdienst und in der Muttersprache, in Vorträgen und auf Tagungen, durch Empfehlungen und vor allem in der täglichen Sprachberatung. Wir werden uns auch weiterhin mit diesem Thema beschäftigen, vor allem auch in der Aktion »Besseres Deutsch«. Im Folgenden machen wir mit der Stellungnahme bekannt, welche die GfdS am 17. Dezember 1999 in einer Pressekonferenz in Wiesbaden abgegeben hat.
 
Am 3./4. Juni dieses Jahres hat der Deutsche Germanistenverband zusammen mit der Evangelischen Akademie Tutzing Thesen erarbeitet, die dazu beitragen sollen, die Sprachenvielfalt auf unserem Kontinent zu sichern. Es ist das Ziel, eine europäische Sprachenkonferenz einzuberufen und dort eine Sprachencharta zu erarbeiten.
 
Die Gesellschaft für deutsche Sprache unterstützt die »Tutzinger Thesen« und hat das durch Unterschrift ihres Vorsitzenden bestätigt. Auch diesen Text drucken wir hier ab.

(Rudolf Hoberg)

 

Stellungnahme der Gesellschaft für deutsche Sprache zum englischen Einfluss auf die deutsche Gegenwartssprache

Fremdwörter - und das heißt heute fast ausschließlich Wörter aus dem Englischen (Anglizismen) - sind für viele Menschen ein Ärgernis, und sie sollten für alle, die an der weiteren Entwicklung der deutschen Sprache interessiert sind, ein Gegenstand des Nachdenkens sein. Daher hat die Gesellschaft für deutsche Sprache eine Kommission gebildet, die sich mit dieser Frage befasst und der Öffentlichkeit folgende Stellungnahme vorlegt.

A. Was ist zu bedenken?
Die Bewertung des gegenwärtigen Einflusses des Englischen auf das Deutsche sollte von folgenden Überlegungen ausgehen:

1. Das Deutsche war nie eine »reine« Sprache, sondern hat im Laufe seiner Geschichte Wörter aus zahlreichen Sprachen übernommen, vor allem aus dem Lateinischen, Griechischen, Französischen und Englischen. Quantitativ spielen die Fremdwörter eine große Rolle in der heutigen Sprache: Bei der Auszählung von Zeitungstexten kam man auf einen Fremdwortanteil von 8 bis 9 %. Berücksichtigt man nur die Hauptwortarten (Substantive, Adjektive, Verben), so sind es sogar 16 bis 17 %, wobei sich unter den Substantiven die meisten Fremdwörter finden. Es gibt auch Schätzungen, die davon ausgehen, dass - unter Einbeziehung der Fachsprachen - ein Viertel des Wortschatzes fremden Ursprungs ist. Allerdings scheint, wie etwa Wörterbuchvergleiche zeigen können, der Fremdwortanteil in den letzten hundert Jahren nicht wesentlich zugenommen zu haben, da zwar immer neue Fremdwörter aufgenommen werden, aber fast ebenso viele nach relativ kurzer Zeit wieder verschwinden. Die Zahl der Wörter aus dem Englischen hat zwar in den letzten Jahrzehnten erheblich zugenommen, ist aber im Vergleich zu anderen Fremdwörtern noch gering.

Fremdwörter gibt es natürlich nicht nur im Deutschen, sie finden sich auch in anderen Sprachen. Und das Deutsche hat nicht nur Wörter fremden Ursprungs aufgenommen, sondern war selbst auch »Wortspender« für andere Sprachen. Fremdwörter gibt es in allen Sprachschichten, besonders groß ist jedoch ihr Anteil in den Fachsprachen, deren Termini häufig aus Fremdwörtern bestehen; allerdings unterscheiden sich die einzelnen Fachsprachen in dieser Hinsicht erheblich.

2. Das Besondere der Wörter aus dem Englischen ist,

B. Was ist zu tun?
Ganz gleich, wie man die Dominanz des Englischen beurteilt, sie wird, so weit wir das heute übersehen können, nur schwer einzuschränken sein und wahrscheinlich in den nächsten Jahrzehnten noch zunehmen. Das bedeutet:

1. Englisch wird überall dort, wo es nicht als Muttersprache gesprochen wird, immer mehr zur »Zweitsprache« werden, also auch im deutschen Sprachgebiet. Diese Entwicklung sollte von allen Verantwortlichen, besonders in den Schulen und in der Erwachsenenbildung, gefördert werden, denn eine Welt, die auf allen Gebieten - politisch, wirtschaftlich, wissenschaftlich, kulturell - auf Zusammenarbeit angewiesen ist, braucht ein geeignetes Mittel für die überregionale und internationale Verständigung. Dies darf aber keinesfalls dazu führen, dass die Zweitsprache die Erstsprachen immer mehr verdrängt. Alle Menschen und besonders die politisch Verantwortlichen müssen sich Tendenzen zu einer Einheitssprache widersetzen. In dieser Welt und vor allem in Europa muss die sprachliche Vielfalt erhalten bleiben, und in der europäischen Union kommt dem Deutschen schon deswegen ein besonderes Gewicht zu, weil die Deutschsprechenden hier die größte Sprachgemeinschaft bilden.

2. Die Dominanz des Englischen hat dazu geführt und wird weiter dazu führen, dass diese Sprache das Deutsche - wie auch andere Sprachen - beeinflusst. Wie weit dieser Einfluss geht, entscheiden die Deutschsprechenden selbst.
Anglizismen sind keine bösen Bazillen, die in die gute deutsche Sprache eindringen und sie krank machen oder gar zerstören, und die Deutschen werden nicht von Amerikanern sprachlich »kolonisiert«. Es hängt von der Sprachgemeinschaft - von uns - ab, welche Fremdwörter wir im Deutschen heimisch werden lassen. Wir selbst sind für die Entwicklung unserer Muttersprache verantwortlich.

Diese Verantwortung sollten wir ernst nehmen und alles tun, um das Besondere unserer Sprache zu erhalten, nicht aus nationalistischen oder gar chauvinistischen Erwägungen, auch nicht in erster Linie aus kommunikativen Gründen, sondern weil es in Zukunft darauf ankommt, bei aller Globalisierung und bei aller Notwendigkeit des Englischen das Eigengepräge der Einzelsprachen zu erhalten. Denn Sprache, Denken und Wahrnehmung stehen in einem engen Zusammenhang, und die einzelnen Sprachen beeinflussen unser Denken und unsere Wahrnehmung in unterschiedlicher Weise. Verschiedene Sprachen ermöglichen uns verschiedene Zugänge zur »Welt«, sie bieten uns verschiedene Perspektiven, verschiedene »Brillen« an, und diese Vielfalt sollte nicht verloren gehen.

Das heißt zunächst, dass jeder Einzelne verantwortlich entscheiden muss, wie er mit Fremdwörtern umgeht. Zwar gibt es vor allem in der fachbezogenen Kommunikation einen gewissen Zwang zur Fremdwortverwendung, aber in den meisten Fällen steht uns die Entscheidung frei.

Der Einzelne braucht aber Argumentationshilfen von kompetenten Personen und Institutionen. Hierzu gehören natürlich Germanisten, Sprachwissenschaftler, Sprachdidaktiker, Schulen und Universitäten, die sich keineswegs, wie oft behauptet wird, dieser Aufgabe entziehen, deren Einfluss in der Öffentlichkeit aber offensichtlich nicht allzu groß ist. Daher kommt Institutionen wie der Gesellschaft für deutsche Sprache eine besondere Bedeutung zu. Sie wird zusammen mit der Dudenredaktion Bewertungskriterien für »Besseres Deutsch« erarbeiten, bei denen es - neben vielen anderen Sprachfragen - auch um Anglizismen geht, vor allem darum, ob sie der Bereicherung und Differenzierung der eigenen Sprache dienen, in welchen Textsorten (z. B. Mediensprache, Werbesprache, Jugendsprache) sie vorkommen und warum und wie sie sich lautlich, orthographisch und grammatisch integrieren lassen.

Aber auch der beste Richtlinienkatalog kann nicht mechanisch angewandt werden, sondern lediglich Entscheidungshilfen liefern. Deshalb wird die Gesellschaft für deutsche Sprache - ebenfalls in Zusammenarbeit mit der Dudenredaktion - in Zukunft auch verstärkt Empfehlungen für die Bewertung und den Gebrauch einzelner Wörter und Wendungen geben.

 

 

Tutzinger Thesen zur Sprachenpolitik in Europa

 

»Unter Bekräftigung des Grundsatzes der Gleichrangigkeit aller Sprachen der Union (soll) über Instrumente nachgedacht werden, mit deren Hilfe sich der Unterricht und der Gebrauch dieser Sprachen verbessern lassen, so daß jedem Bürger der Zugang zu dem in der sprachlichen Vielfalt wurzelnden kulturellen Reichtum der Union möglich wird.«

(Ministerratsentschließung der Europäischen Union vom 31. März 1995)


 1. Lingua franca und Sprachenvielfalt
Die gegenwärtige Diskussion um die europäische Sprachenpraxis wird nahezu ausschließlich von den Kriterien der Effizienz und der Praktikabilität bestimmt. Die Praxis und die sie begleitende theoretische Argumentation zielen auf die möglichst weit greifende Durchsetzung einer »Lingua franca«, auf die Durchsetzung des Englischen. Die Ausbreitung des Englischen unterliegt einer erheblichen Eigendynamik, die durch den Vereinheitlichungsdruck im Gefolge der Währungsunion noch verschärft wird. Es liegt aber im besonderen Verantwortungsbereich der Philologen, das Neben- und Miteinander der europäischen Sprachen richtig auszubalancieren und für den »kulturellen Reichtum« (s. o.), den die Sprachenvielfalt bietet, Verständnis zu wecken. Die europäische Sprachenvielfalt ist eine der wichtigsten Ressourcen des Kontinents und keineswegs eine »babylonische Sprachverwirrung«. Das Bewusstsein für die Möglichkeiten, dieses Potential auszuschöpfen, ist bisher wenig entwickelt. Hier besteht ein großer Nachholbedarf.

2. Europäische Sprachenkonferenz
Die Verwendung der »Lingua franca« hat Grenzen. Sie sollte als Verständigungsmittel hilfreich sein, nicht aber die Sprachlandschaften flächendeckend überbetonieren. Es ist erforderlich, die Grenzen ihrer Brauchbarkeit zu bestimmen. Es ist erforderlich, eine Struktur sprachlicher Verständigung auszuarbeiten, worin die Sprachenvielfalt als produktiver Faktor, nicht als Störfaktor wirken kann. Vorgeschlagen wird die Einrichtung einer langfristig arbeitenden europäischen Sprachenkonferenz, die aus Politikern sowie Sprach- und Literaturwissenschaftlern zusammengesetzt ist. Sie hätte einen Problemkatalog zu erstellen und Handlungsmodelle zu entwickeln, die sich in der Kulturpolitik der einzelnen Länder umsetzen lassen (Schul- und Hochschulunterricht, wissenschaftliche Kommunikation, Alltagskommunikation, Themenfelder der sog. sprachgebundenen Kulturleistungen und der sprachkulturellen Identität). Die Arbeitsgrundsätze der Konferenz wären in einer Sprachencharta festzulegen.

3. Demokratieprinzip
Das Nebeneinander von Englisch und Landessprache darf das Demokratieprinzip nicht verletzen. Alle Bürger müssen sich über sämtliche Bereiche des öffentlichen Lebens in ihrer Muttersprache informieren, müssen diskutieren und entscheiden können. Es wird voraussichtlich stets nur einer kleinen Funktionselite gelingen, Englisch ebenso perfekt zu beherrschen wie die eigene Muttersprache. Gerade im Zuge der zunehmenden Kompetenzerweiterung der EU-Behörden wäre es fatal, die Möglichkeiten zur Partizipation auf eine kleine Kaste von Sprachbeherrschern der »Lingua franca« zu beschränken. Es wäre fatal, wenn etwa die ca. 90 Millionen Bewohner der deutschsprachigen Regionen sich nur »auf Englisch« als »Europäer« verstehen und verständigen könnten. Europa bliebe für sie etwas Fremdes. Neuen Ressentiments, neuen Nationalismen und Separatismen wäre der Boden bereitet.

4. Sprachkulturelle Identität
Die europäischen Nationen beziehen einen wesentlichen Teil ihres Selbstverständnisses aus ihren Sprachen. Es sind durchweg alte Kultursprachen mit einem reichen Bestand an Schriftzeugnissen. Ihre nationale Eigenart zeigt sich in ihrer sprachbildenden Kraft. Der permanente sprachkulturelle Austausch zwischen den einzelnen Regionen, die produktive Rezeption von literarischen, geistlichen, philosophischen, rechts- und naturkundlichen Texten, Handelsdokumenten etc. dürfte wesentlich den »kulturellen Reichtum« hervorgebracht haben, den die Sprachgemeinschaften in je verschiedenen Ausprägungen nun vorweisen können. Die Kultur der sprachlichen Differenz, die Vielfalt der Gedanken- und Ausdruckspotentiale ist eine wichtige Ressource, vielleicht die wichtigste des an Rohstoffen sonst nicht sonderlich reichen Kontinents.

5. Sprachnachbarschaften
In den Grenz- und Übergangszonen zweier Sprachräume hat schon immer die jeweilige Nachbarsprache den privilegierten Status der wichtigsten, weil nächstgelegenen Fremdsprache gehabt. Es wäre wahrscheinlich weder für die Menschen noch für ihre Kultur gut, wollte man etwa im Oberrheingraben die Deutsch- und die Französischsprachigen dazu konditionieren, künftig vorrangig oder gar ausschließlich auf Englisch miteinander zu kommunizieren. Eine Option wäre die Erlernung der Nachbarsprache als erster und des Englischen als zweiter Fremdsprache.

6. Wissenschaftssprache
Die meisten europäischen Sprachen sind leistungsfähige Wissenschaftssprachen mit einer ausgebauten Terminologie und unterschiedlichsten sprachlichen Ausdrucksformen. Würde die wissenschaftliche Verständigung, wie jetzt in Deutschland massiv propagiert, aufs Englische festgelegt, dann ließe die Leistungsfähigkeit der anderen Sprachen nach. Riesige Bestände nichtenglischer Fachliteratur kämen weitgehend außer Gebrauch und näherten sich der Museumsreife, die die lateinischen Buchbestände schon lange haben. Wissenschaftssprache als Erkennungspotential würde entwertet. Gerade in den Geisteswissenschaften spielt für die angemessene Darstellung eines Gegenstands auch die Beherrschung stilistischer Nuancen eine entscheidende Rolle. Der Vorrat an Sprachbildern, geflügelten Worten, literarischen Anspielungen, über den die Wissenschaftler in ihrer Herkunftssprache verfügen und damit Sprachatmosphäre schaffen können, ließe sich schwerlich ins Englische adäquat hinübernehmen. Das gilt erst recht für die Stilmittel der Ironie und der Parodie.

7. Gestufte Sprachkenntnisse
Nicht Perfektion in einer Fremdsprache, sondern weniger perfekte Mehrsprachigkeit sollte Leitziel einer europäischen Sprachenkompetenz sein. Jeder soll sich in seiner Sprache mitteilen können, und jeder andere soll die Möglichkeit haben, ihn zu verstehen. Das Prinzip des Sprachenlernens sollte nicht auf die möglichst perfekte Beherrschung einer Koiné, des Englischen, angelegt werden, sondern auf die leichter erwerbbare Fähigkeit, möglichst viele Sprachen wenigstens passiv zu können. Aktive Sprachkompetenz wäre v. a. durch Auslandsaufenthalte zu fördern.

8. Arbeitssprachen
Eine tatsächliche und effiziente Mehrsprachenregelung, die zumindest die größten Sprachgruppen (Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch) um- fasst, hätte den Vorteil, dass es der absoluten Bevölkerungsmehrheit der EU (ca. 300 Millionen) möglich wäre, bei den EU-Behörden direkt in ihrer Muttersprache vorstellig werden zu können und ohne Dolmetscher verstanden zu werden.

 

Gerhard Stickel: Englische und andere Neuheiten im heutigen Deutsch und was die Leute davon halten (Notizen zum Vortrag)
 
1) "Mit dem immer wachsenden Einfluß englischen Wesens mehren sich neuerdings in bedenklicher Weise die aus dem Englischen stammenden Fremdwörter. Auch in dieser Spracherscheinung treten die alten Erbfehler des deutschen Volkes wieder hervor: Überschätzung des Fremden, Mangel an Selbstgefühl, Mißachtung der eigenen Sprache".
(aus: Dunger1899/1909,Vorwort)
 
2) alte Anglizismen: Boiler, Film, Partner, Pudding, Safe
 
3) veraltete Anglizismen: Luncheon, Supper, Dinner, Grillroom, Garden-Party, Five o'clock tea, Drawingroom, Shares; Havelock, Ulster, Ribbon Tie, Mackintosh, Fronts, Knickerbockers, ReeferDogcarts, Gig, Break, Tilbury, Brougham; Two step, Sir Roger, Cake walk; Hotchpotch, Mockturtelsoup.
 
4) ersetzte Anglizismen: back (Verteidiger), center (Mittelstürmer), drawn (unentschieden), free-kick (Frestoß), half-time(Halbzeit), off side (abseits), penalty-kick (Strafstoß), score (Spielstand); Außenseiter (outsider), Buchmacher (book-maker), Gardinenpredigt (curtain-lecture), Gemeinplatz (common place), Hinterwäldler(backwoodsman), Jungfernrede (maiden speech), Rollschuh (roller-skate), Selbstverwaltung (self-government), Warenhaus (warehouse), Wolkenkratzer (sky-scraper)
 
5) "Damit wir aber reine reden mögen / sollen wir uns befleissen deme welches wir Hochdeutsch nennen besten vermögens nach zue kommen / und nicht derer örter sprache / wo falsch geredet wird / in unsere schrifften vermischen ... So stehet es auch zum hefftigsten unsauber / wenn allerley Lateinische / Frantzösische / Spanische und Welsche wörter in den text unserer rede geflickt werden ..."
(Martin Opitz, Deutsche Poeterey, 1624, zit. nach Kirkness 1975, 20)
 
6)

(aus Stickel/Volz 1999, 21)
 
7) "Durch die inflationär vermehrte Aufnahme von angloamerikanischen Wörtern und Wen-dungen droht sich insbesondere die deutsche Sprache in einem Maße zu verändern, das weit über das hinausgeht, was sie in ihrer Geschichte durch Übernahme z.B. aus dem Lateinischen und Französischen erfahren hat. Darum messen wir der Eindämmung der Sturzflut von überflüssigen Anglizismen, die über unsere Sprache hereingebrochen ist und hereinbricht, die höchste Priorität zu" (Verein zur Wahrung der deutschen Sprache / Verein Deutsche Sprache: Leitlinien 1998).

8) Neologismen der 90-er Jahre:

9)  Sind Anglizismen gefährlich? Soll man sie bekämpfen?

 
Literatur

Das X-Mas Projekt
Ersetzungsübung
Füllen Sie die Lücken mit möglichen Übersetzungen der vorangehenden
Ausdrücke aus und drücken Sie dann auf "Prüfen".
Klicken Sie auf "Tipp", wenn Sie einen weiteren Buchstaben sehen möchten.
Bitte beachten Sie: Wenn Sie Tipps und Hinweise benutzen, verlieren Sie Punkte.

 

Es ist höchste Zeit mit der Weihnachtspost zu beginnen - Verzeihung: das diesjährige Weihnachts-Roll-out zu starten und die Christmas-Mailing-Aktion vorzubereiten.

Nachdem die Kick-off-Veranstaltung (früher: 1. Advent) für das diesjährige SANCROS (SANta Claus ROad Show) bereits am 29. November stattgefunden hat, wurde das offizielle Come-Together des Organizing Committees der Organisatoren unter Vorsitz des CIO (Christmas Illumination Officers ) abgehalten. Erstmals wurde ein Projektstatus-Meeting vorgeschaltet, bei dem eine in Workshops entwickelte "To-Do-Liste" Arbeitsplans und einheitliche Job Descriptions erstellt wurden. Dadurch sollen klare Verantwortungsbereiche, eine zufriedenstellende Performance der Kundenevents und eine optimierte Geschenk-Allocation geschaffen werden, was wiederum den Service Level erhöht und hilft "Weihnachten" als Brandname zu implementieren .

Dieses Meeting diente zugleich dazu, mit dem Co-Head Global Christmas Markets (Knecht Ruprecht) die Ablauf-Organisation abzustimmen, die Geschenk-Distribution an die zuständigen Private Schenking Center sicherzustellen und die Zielgruppen klar zu definieren. Erstmals sollen auch sogenannte Geschenk-Units über das Internet angeboten werden. Die Service-Provider (Engel und Rentiere) wurden bereits via Conference Call informiert und die Core-Competences vergeben. Ein Bündel von Incentives und ein separater Team-Building-Event sollen die Motivation erhöhen und helfen, eine einheitliche Corporate Culture zu entwickeln.

Der Vorschlag, jedem Engel einen Coach zur Seite zu stellen, wurde aus Kostengründen zunächst verschoben. Statt dessen wurde auf einer zusätzlichen Client Managment Conference beschlossen, in einem Testbezirk als Pilotprojekt eine Hotline für kurzfristige Weihnachtswünsche einzurichten, um den Added Value für die Beschenkten zu erhöhen. Durch ein ausgeklügeltes Management Information System (MISt) ist auch ein eigenes Controlling für jedes Private Schenking Center möglich. Nachdem ein neues Literatur-Konzept und das Layout-Format von externen Consultants definiert wurde, konnte auch schon das diesjährige Goldene Buch (Release 99.1) erstellt werden. Es erscheint als Flyer , ergänzt um ein Leaflet und einen Newsletter für das laufende Updating . Ferner wurde ein Konsens über das Mission Statement gefunden. Es lautet "Let's keep the candles burning" und ersetzt das bisherige "Frohe Weihnachten". Santa Claus hatte zwar anfangs Bedenken angesichts des Corporate-Redesigns , akzeptierte aber letztlich den progressiven Consulting-Ansatz und würdigte das Know-how seiner Investor Relation Manager .

 

 

 

"Es gibt kein richtiges Deutsch im falschen Englisch."

Es ist in aller Munde: Der Wortschatz der deutschen Sprache entwickele sich in Richtung "denglishem" Sprachgebrauch, erzeugt von zeitgeistigen Phrasendreschern in Werbeagenturen und Redaktionen, angeheizt durch die Anglisierung der Fachsprachen und am Kochen gehalten durch deren Abklatsch – einem Design-Deutsch – im Medien- und Computerjargon. Wer das beklagt oder einfach albern findet, beeilt sich vorab zu sagen: Nein, hier geht es nicht um sprachpuristische Aversionen gegen das Fremdwort. Worum aber geht es dann?
 
Es scheint sich eher um eine Frage der Nervenstärke zu handeln – sehen wir einmal ab von den professionellen Erkundern des Sprachwandels, den Sprachwissenschaftlern. (Doch selbst diese ver-sammelten sich jüngst anlässlich der diesjährigen Jahrestagung des "Instituts für Deutsche Sprache" zum Thema: "Neues und Fremdes im deutschen Wortschatz – Aktueller lexikalischer Wandel.") Es liegt etwas in der Luft. In Reportage und Feature, in Hohlspiegeln und Glossen von Tageszeitungen wird zunehmend Unmut laut über den aktuellen lexikalischen Wandel: "Was zu viel ist, ist too much".
 
"InTeam" zum "Open-air-Gottesdienst"

Der Ton der Kritik am "Anglogerman", diesem Gemisch aus Englisch oder auch nur englisch klingenden Wörtern/Phrasen und Deutsch (Filmtitel: "Zwei Girls in Love"; Orientierungstafel in einem Kaufhaus: 3. Stock: "Fantasy & Sience Fiction Store"), wird aufgebrachter, manchmal auch schrill. Dass öffentlich-rechtliche Rundfunksender inzwischen "Jump" heißen, Sportnachrichten "News center" und Berichte über die Bundesliga "InTeam", das schockiert Bundesbahn gewohnte Reisende, die sich lässig zwischen "Ticket-Schalter", "ServicePoint" und "fly and drive" bewegen, nur mäßig. Wenn dann aber zum Beispiel die Jugendabteilung im Bistum Limburg mit dem Text: "Freier Eintritt für events: future pool…" nachzieht und "als Highlight" den "Open air-Gottesdienst" anpreist, dann platzt auch Gelassenen der Kragen. Im Länderreport von DeutschlandRadio Berlin konnte man verfolgen, wie dem Autor einer Reportage über "Die Sprachhüter von Königstein. Vom Kampf gegen das wuchernde deutsch-englisch Gemisch" nach und nach die Ironie abhanden kommt, mit der er die in Vereinen organisierten "Sprachpatrioten" und ihr Anliegen betrachten wollte.
 
Ähnlich ist es wohl zwei Lesern unseres letzten "Doppelpunktes" (Nummer 27) ergangen. Ihre Empörung richtet sich auf den Text des so genannten Umhefters, der das Magazin wie ein zweiter Umschlag ummantelt. Dort steht: "Das Schülermäppchen der Zukunft? Infotainment, Edutainment, Kindersoftware, Lernspiele, Sprachprogramme - Lernsoftware ist auf dem Vormarsch."
 
An der Aussage kann man wohl ernstlich keinen Anstoß nehmen, aber – so müssen wir uns vorwerfen und fragen lassen: "Sicherlich ist die gewählte Sprache nicht die deutsche. [...] Halten Sie wirklich Fremdwörter (Infotainment – wenn es denn eins ist), sich modisch gebende Wortneubildungen (Edutainment – natürlich auch auf nicht deutscher Basis) und Sprachgemische (Kindersoftware und Lernsoftware) für so vorbildlich, dass sie im Unterricht verwendet werden sollten?"
 
Wir könnten uns nun leicht mit dem Hinweis aus der Affäre ziehen, dass der Gebrauch wie auch immer zu bemängelnder Wörter auf Umschlägen eines Magazins noch keinesfalls bedeutet, dass man deren Verwendung im Unterricht als vorbildlich einschätzt. Wir wollen es aber nicht dabei belassen, keine Fragen abweisen, sondern sie aufgreifen und ihnen auf den Grund gehen.

 

Quelle am 17.2.2003: http://www.deutsch-forum-klett.de/sprachkritik/