Anbinden - Planungsansätze für integrierte Unterrichtssequenzen

     

Der Unterricht soll im Rahmen einer Sequenz über eine Reihe von Stunden hinweg den Schülern eine Lern­perspektive geben, und die Behandlung einzelner Texte, Themen, Situationen, grammatischer Phänomene etc. soll in einer Lernpro­gression zu abschließenden Ergebnissen einer Lernsequenz führen, so dass die Schüler erleben können: Wir haben auch im Deutschunterricht etwas geschafft! Wir haben die Sequenzziele erreicht!  -  Innerhalb der Sequenzen müssten die verschiedenen Arbeitsbereiche des Faches Deutsch - Spre­chen und Schreiben, Umgang mit Texten und Reflexion über Sprache - auch bei einer Integration der Teilbe­reiche wechselnd die Stimmfüh­rung übernehmen; an „Gelenkstellen“ würde den Schülern dieser Wechsel explizit deutlich gemacht, indem Zwischener­gebnisse festgehalten und neue Zielausrichtungen vorgenom­men wer­den.

Die konkrete Planung von integrierten Unterrichtssequenzen erfolgt in der Regel unter Anwendung der Planungsmetho­den „an andere Stoffe anbinden - induktiv einführen“ Bei der Wiederaufnahme und Übung früherer grammatischer Kenntnisse käme die Methode „Begriffe wiederverwenden“ zum Zuge; unter Ab­schweifen von der aktuellen Textarbeit und dem gerade thematisierten grammatischen Phänomen hin zu weiterer grammatischer Arbeit würde die Methode „im Exkurs ergänzen“ einbezogen, weil etwa Lücken festzustellen sind, die das Verständnis blockieren.

Im Unterschied zur Planung von einzelnen Grammatikstunden, Aufsatz- oder Literaturstunden und ihren einzelnen Stundenentwürfen ergibt sich so für die Planung von mehrstündigen Sequenzen mit der Integration von Textrezeption, Textproduktion und Grammatik eine komplexere Anlage der Sequenzplanung.

Wesentlich an der Sequenzplanung ist die Kontextuierung  des grammatischen Themas und des Kerntextes, damit Grammatik funktional behandelt werden kann. Unter „Kerntext“ ist dabei jener Text aus der Reihe von verschiedenen Texten der Sequenz zu verstehen, mit dem die induktive Erarbeitung des grammatischen Phänomens vorgenommen wird. An anderen Texten vor ihm konnte zwar auch schon dasselbe Phänomen entdeckt werden, und an weiteren Texten nach ihm würde es ebenfalls beobachtet und in der Anwendung geübt, am Kerntext aber wird es zentral. Wichtig ist zum anderen die Planung der Aufgaben und Aktivitäten der anderen Teilbereiche im Rahmen der Sequenz, damit die Integration der Teilbereiche stattfindet und in der Sequenz nicht nur Reflexion über Sprache, sondern auch Textrezep­tion, Textproduktion und Mündliche Kommunikation methodisiert werden.

Nach Möglichkeit erhält eine integrierte Sequenz einen alle Texte und Aktivitäten übergreifenden Titel: So wird ein be­stimmter Sachverhalt oder Wirklichkeitsausschnitt für einige Zeit in den Mittelpunkt gerückt und die Texte handeln dasselbe Themas in Variationen ab, so dass die Schüler inhaltlich nicht ständig springen müssen und sich auf die Ziele der Lernbereiche konzentrieren sowie dabei den Sachverhalt angemessen vertiefen können. - In der Sekundarstufe I handelt es sich dabei in der Regel um ein motivierendes, z.B. problemorientiertes Thema. - Kontext und Sachthema dürfen nicht als „Verpackung“ des grammatischen Themas verstanden oder missbraucht werden. Texte und Sachthemen haben zunächst ihren eigenen Aussage­wert; die Inhalte von Texten sind als Teilaussa­gen zum Sachthema der gesamten Sequenz von Belang und sollen auch für sich jeweils thematisiert werden.

Bei der Kombination von Materialien werden sowohl Bilder und Grafiken als auch literarische Texte oder Sachtexte (Zeitung, Lexika, Sachbuchtexte...) einbezogen. Im individuellen Zuschnitt des Materials für eine Klasse kann es schon einmal zu Kürzungen oder überarbeiteten, didak­tisierten Fassungen speziell der „Kerntexte“ kommen. Wesentlich dabei ist allerdings, dass Aussage, Gesamtanlage und Textsortentypus des Textes beibehalten werden und dass die Intention nicht verfälscht wird. Dieser Zuschnitt kann zur Pointie­rung der Texte oder zur Betonung des grammatischen Themas erfolgen.      

Die Planung integrierter Sequenzen kann nun von verschiedenen Ausgangspunkten her erfolgen:

 

1. Der Planungsansatz: grammatische Phänomene

z.B. Jg. 7

Sequenztitel:    „Schauerliches um Mitternacht“

grammatisches Phänomen        

typische Texte / Situationen

Inhaltssätze, indirekte Rede, Konjunktiv I/II,

Gespenstergeschichten - Spukgeschichten; Inhaltsangabe

 

Bei diesem Ansatz sind bestimmte grammatische Phänomene, die in einem Jahrgang zu erarbeiten sind, Ausgangspunkt für die Konstruktion integrierter Sequenzen. Nach der Methode „an andere Stoffe anbinden“ werden nun für die gram­matischen Phänomene inhaltlich relevante Stoffe, d.h. Texte und Verwendungssi­tuationen, in denen die grammatischen Phänomene möglichst typisch, natürlich und stark repräsentiert vorkommen sollen, ausgewählt. Die grammatische Re­flexion ist dann im Rahmen der integrierten Unter­richtssequenz eine Thematisierung neben anderen.

Bei diesem Ausgangspunkt muss beachtet werden, dass die Unterrichtsgegenstände aus den anderen Teil­bereichen nicht nur dienende Funktion für die Erarbeitung der grammatischen Phänomene haben, sondern dass im Gegenteil die Erarbei­tung der grammatischen Phänomene funktional ist für die Prozeduren der Textrezeption und -produktion; ebenso sind die grammatischen Begriffe das Instrumentarium zur Verständi­gung dabei.

 

2. Der Planungsansatz: Kommunikationssituationen / Themen

z.B. Jg. 6

Sequenztitel:  „Häuptling Seattle und Karl May“

Kommunikationssituation          

typische Texte / grammatische Phänomene

Stadtbücherei - Buchhand­lung: Lesen  /  Videothek: Videos

Indianerbücher, -filme; Buchempfehlun­gen / beschreibende, wertende Adjektive, Adverbien     

 

Mit dem Blick auf die Lebenspraxis und den Erfahrungshorizont der Schüler  kann man rele­vante Sachthe­men und Si­tuationen finden, die sie jetzt und in Zukunft sprachlich bewältigen müssen. Unter ihnen kom­men sprachliche Verwen­dungssituationen zusammen, die im Unterricht durch Texte und Materialien präsen­tiert werden. In diesen Situationen sind wiederum bestimmte grammatische Phäno­mene von Belang, die typisch für die Situationen sind. Ausgangspunkt sind also solche Kommunikationsbereiche und -situationen, und ihnen sind die grammatischen Themen zuzuordnen.

 

3. Der Planungsansatz: Sprachfunktionen - Sprachhandlungen

z.B. Jg. 5

Sequenztitel:        „Zu Hause wohnen“

Sprachhandlungsmuster          

typische Texte / gram. Phänomene / Situation

Handlungsanweisungen: das Zimmer aufräumen!

Funktion „Auffordern“; sprachl. Varianten

Alltagsdialoge, Regelungen, Wünsche / Befehle

im Imperativ, Befehlssatz, Konditionalsatz, Infinitiv.../ Arbeitsverteilung zu Hause

 

Hier wird von der sprachtheoretischen Überlegung der Pragmatik ausgegangen, dass es Gruppen sprachlicher Handlun­gen mit abgrenzbaren Funktionen und jeweils typischen sprachlichen Handlungsmustern gibt, z.B. auffordern - regeln, fragen - antworten, behaupten - in Frage stellen, Gefühle ausdrücken - unterhalten etc.: Man  wählt nun für eine Sequenz bestimmte relevante Sprachhandlungsmuster; man  überlegt, in welchen Textsorten und konkreten Texten sowie in wel­chen  umfassenderen Verwendungssituationen die betreffen­den Sprachhandlungen häufig vorkommen.  Diesen  Sprachhandlungsmustern ordnet man typische gramma­tische Varianten  zu,  die dann in der Unterrichtssequenz erarbei­tet werden können.

 

4. Der Planungsansatz: Textsorten

z.B. Jg. 5/6

Sequenztitel:          „Von großen und kleinen Tieren“

Umgang mit Texten

   

 Grammatik

Textproduktion

Mündl. Kommunikation

z.B.  Fabeln“ - Erzählerrede, Figurenrede/Dialog, Typisierung/Pointe, Bildsprache/Kontrast   

Hauptsatz, Gliedsatz, Satzgefüge, wörtl. Rede, Adjektive

Nacherzählung, Fortsetzung eines Textanfangs, Umweltgeschichte   

Nacherzählung; szenisch darstellen; Übersetzung in alltägl. Konflikte

 

Man ermittelt für eine Jahrgangsstufe aus dem Lehrplan die wichtigsten Unterrichtsgegenstände in den verschiedenen Lern-/ Kompetenzbereichen und ordnet sie in einer Synopse einander zu. Dabei lässt man sich von den zentralen Textsorten leiten und analysiert, welche grammatischen Phänomene in ihnen ganz natürlich, stark repräsentiert und typisch vorkommen. Und man überlegt, wie man in einer thematischen bzw. problemorien­tierten Unterrichtssequenz die verschiedenen Unter­richtsgegenstände integrieren kann. 

 

(nach: G. Einecke: Unterrichtsideen Textanalyse und Grammatik. Stuttgart: Klett 1993)

 

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