Operationaler Umgang mit Sprache - Einsatz der „Proben“

 

Der Einsatz der „linguistischen Operationen“ (Glinz/Ingendahl/Wunderlich) bietet sowohl bei der Textre­zeption als auch bei der Textproduktion Möglichkeiten zur grammatischen Reflexion. Mit ihnen werden vor allem Reflexionsansätze in den Erarbeitungsphasen der induktiven Einführung (Phasen 4 - 6) bereitgestellt:

 

Ergänzungsprobe (Erweiterungsprobe)

  Das verrostete Rad liegt im Bach. Das verrostete Rad meines Opas liegt im Bach.

- vor allem zur Präzisierung, Detaillierung durch Attribute, freie Satzglieder, Adverbiale, Gliedsätze etc.

 

Streichprobe (Weglassprobe)

  Das verrostete Rad liegt im Bach. Das Rad liegt im Bach.

- zur Verknappung auf den Kernsatz hin; lässt Attribute und freie Satzglieder erkennen etc.

 

 Austauschprobe (Ersatzprobe)

  Das verrostete Rad liegt im Bach. Das gesuchte Rad liegt im Bach.

- vor allem zur Arbeit am Wortschatz, zur Variation innerhalb einer Wortart, einer Satzgliedfüllung etc.

 

 Umstellprobe (Verschiebeprobe)

  Das verrostete Rad liegt im Bach. Im Bach liegt das verrostete Rad.

- zur Feststellung des Prädikats (Prädikatskern, finites Verb) und der in einem Satzglied zusammengehöri­gen Wörter, zur Akzentuierung (z.B. Inversion) etc.

 

 Klangprobe (Akzentuierung)

  Das verrostete Rad liegt im Bach. z.B. Das verrostete Rad, es liegt im Bach.

- z.B. zur Hervorhebung durch Satzbruch; zur Feststellung der Satzart, des Sinnakzents etc.

 

 Umformungsprobe (Transformation ganzer Strukturen)

  Das verrostete Rad liegt im Bach. z.B. Wir haben Opas Rad im Bach gefunden. Da rostet es vor sich hin.

- besonders zur Variation der Syntax und Erarbeitung syntaktischer Regeln und Möglichkeiten

 

 Paraphrase (Übersetzen von Texten und Formulierungen in andere Codes, Textsorten, Sprachen etc.)

  Das verrostete Rad liegt im Bach. z.B. Die alte Karre von Opa vergammelt in der Brühe.

- zur Klärung des Inhaltsverständnisses, Variation im Ausdruck, Arbeit im semantischen Bereich

 

 Segmentierung (Binnengliederung von Sätzen)

z.B. Man soll sich mit der linken Hand am Griff festhalten. Man soll sich [mit der linken Hand] [am Griff] festhalten.

      Man ¦ soll ¦ sich ¦mit der linken Hand am Griff¦ festhalten.

      Man ¦ soll ¦ sich ¦mit der linken Hand¦ am Griff ¦ festhalten.

- zur Feststellung von Phrasen (in Verbindung mit der Klangprobe [...]) und Satzgliedgrenzen (in Verbin­dung mit der Umstellprobe: ¦...¦)

 

 W-Fragen-Probe

  Mutter entdeckte das Rad im Bach.

 Wer entdeckte das Rad im Bach? ¦Mutter¦

 Was entdeckte Mutter? ¦das Rad im Bach¦ oder nur ¦das Rad¦

 Wo entdeckte sie es? ¦im Bach¦

- zum Erfragen der Satzglieder; dabei wird zunächst mit der Umstellprobe (s.d.) das Prädikat ermittelt; dieses wird dann in den Fragen benutzt = möglichst „im ganzen Satz fragen“ (sonst entstehen Probleme bes. bei Präpositionalobjekten und Präpositionalgruppen als Attributen).

- Je nach Antwort auf die W-Fragen gibt es noch eine Differenzierung: hier im Beispiel ein Lokaladverbial oder ein präpositionales Attribut.

 

 Was für...?-Probe (die Frage wird auf ein Nomen gerichtet)

  Zwei Polizisten und ein verletzter Autofahrer ...

  Was für ein Autofahrer? ein „verletzter“

-  zur Ermittlung der Attribute

 

 Negationsprobe

  Das Rad ist sicher im Schuppen. Das Rad ist nicht sicher im Schuppen. / Das Rad ist sicher nicht im Schuppen.

- zur Unterscheidung von Modal- und Satzadverbien.

 

 Aber-Probe

  Wenn ich Millionär wär, würde ich ...aber ich bin es nicht!

  Wenn ich mehr essen würde, wäre ich ich tu es nicht, aber ich könnte es!

- zur Feststellung des irrealen Konjunktivs II; im Unterschied zum Potentialis

 

 Sondern-/Aber-Probe

  Das Rad ist nicht neu, sondern gebraucht. Das Rad ist nicht neu, aber benutzbar.

 - „Adjektive derselben Dimension und Begriffswörter derselben Gattung ... sind mit 'sondern', aber nicht mit 'aber' verbindbar.“ (Wunderlich) - Je nach Kopplung ergibt sich ein anderer Sinn (hier von: nicht neu).

 

 Infinitivprobe

  Die mit Opa plaudernde Frau entdeckte das Rad. /  das Rad entdecken   die mit Opa plaudernde Frau

  Die Frau deutet auf das verrostete Rad im Bach hin. /  auf das Rad hindeuten die Frau

- Zur Trennung des Prädikats (finites Verb + Objekte) von einem erweiterten Subjekt.

Die Infinitivprobe führt die Teile von zusammengesetzten Verben sowie die finiten und infiniten Teile der Satzklammer zusammen.

 

 und zwar-Probe

  Er verschloss die Truhe, und zwar mit Hammer und Nägeln.

* Er befasste sich, und zwar mit der Ritterzeit.

- zur Unterscheidung der adverbialen Bestimmung vom präpositionalen Objekt:  - Die freie Ergänzung lässt sich meistens mit der „und zwar-Probe“ anhängen, das präpositionale Objekt jedoch nicht.

 

 Lückenprobe

  Zwei ...... Kinder standen ...... auf dem Balkon und ....... .      > winken / klein / oben

  Sie gingen zur Schule, ....... sie gefrühstückt hatten.    > bevor / als / nachdem / weil

- hiermit lassen sich grammatisch korrekte semantische Kopplungen oder syntaktische Verbindungen erken­nen und thematisieren.

 

 Passivprobe

  Die Frau flickte den Reifen. Der Reifen wurde von der Frau geflickt.

- zum Wechsel der Perspektive: Aktiv vom Subjekt aus gesehen, im Passiv wird das Objekt zum Subjekt des Satzes.

 „Juso biss Hund“ ist gemeint: „Hund wurde von Juso gebissen.“ oder „Juso wurde von Hund gebissen.“ ?

- zur Identifikation von handelndem Subjekt und Objekt in Zweifelsfällen, spez. bei Inversion und in Schlagzeilen der Medien.

  Aus Bonn wird soeben gemeldet, dass...  XY. meldet soeben aus Bonn, dass...

- zur Herausstellung der Leerstelle bei Verschleierung der Handlungsträger (u.a. in Medientexten)

 

(nach: Einecke, Günther: Textanalyse und Grammatik. Stuttgart: Klett 21994, 68 ff.)

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