Günther Einecke (1994/2002/2010)

 

Planung und Methodisierung einer Grammatiksequenz nach dem Prinzip der Integration

 

Sequenzplanung: anbinden Stundenplanung: induktiv einführen Phasenplanung: fokussieren

 

1. Sequenzplanung zum Konjunktiv II: Die Sequenz soll heißen:

 

„Alles nur Einbildung? - krank oder nicht?“

 

Anbindung

 

Ausgangspunkt einer Unterrichtssequenz im 8. Jahrgang soll die Zielvorgabe der Richtlinien sein: Konjunktiv II. Dieses grammatische Phänomen ist in seinen Formen und Funktionen einzuführen. Die Unterscheidung von Indikativ und Konjunktiv I wird als bekannt vorausgesetzt: Sie ist in der Regel in vorhergehen­den Jahrgangsstufen im Rahmen der Redewiedergabe zur Kennzeichnung der indirekten Rede eingeführt worden.

- Als Funktion des Konjunktivs II soll im Mittelpunkt stehen: „Hinweis auf Nicht-Faktisches“ nach nicht-faktitiven Verben (s.u. Lottmann 48 / Ludwig: „’Denken’ gehört – wie glauben, hoffen, meinen und auch sagen – zu den nicht-faktitiven Verben. Diese Verben setzen nicht unbedingt die Wirklichkeit des Ausgesagten voraus. Durch die Verwendung der Konjunktivmorpheme im Komplementsatz wird auf diesen Umstand noch einmal aufmerksam gemacht, eine implizite Voraussetzung wird expliziert. Der Hörer oder Leser wird aufgefordert, den Inhalt der Komplementsätze nicht schon für die Wirklichkeit zu nehmen. Dazu wird in Komplementsätzen außerhalb der indirekten Rede überwiegend der Konjunktiv II verwendet, jedoch ist auch der Konjunktiv I anzutreffen.“).

 

- Andere Funktionen des Konjunktivs wären durch andere Unterrichtssequenzen der Sekundarstufe I in einem Spiralcurriculum zu erarbeiten: z.B. Konjunktiv I (mit Ersatzform II) und Indikativ bei der indirekten Rede, in: „Wettangeln - Indirekte Rede“/Jg.7 ▪ Konjunktiv II zur Markierung der Distanzierung bei der Redewiedergabe (indirekte Rede), in: „Ex und hopp: Einwegflasche - Die Wiedergabe fremder Standpunkte.“/Jg.9 ▪ Konjunktiv II in der Verwendung bei Gedankenexperimenten (konditionale Gefüge), in: „Wenn ich ein Junge wär...“/Jg.8/9 ▪ Konjunktiv II bei der Erstellung von Träumen, Wünschen, Utopien, in: „So könnte es sein.“/Jg.10.

 

Kerntext der geplanten Sequenz soll Eugen Roths Text „Der eingebildete Kranke“ sein, da er die Funktion des Konjunktivs II explizit verdeutlicht.

 

        Der eingebildete Kranke

 

1    Ein Griesgram denkt mit trüber List,

2    Er wäre krank. (was er nicht ist!)

3    Er müsste nun, mit viel Verdruss,

4    Ins Bett hinein. (was er nicht muss!)

5    Er hätte, spräch der Doktor glatt,

6    Ein Darmgeschwür. (was er nicht hat!)

7    Er soll verzichten, jammervoll,

8    Aufs Rauchen ganz. (was er nicht soll!)

9    Und werde, heißt es unbeirrt,

10  Doch sterben dran. (was er nicht wird!)

11  Der Mensch könnt, als gesunder Mann,

12  Recht glücklich sein. (was er nicht kann!)

13  Möcht glauben er nur einen Tag,

14  Dass ihm nichts fehlt. (was er nicht mag!)

                                                      Eugen Roth

 

Als Kerntext soll der Text bezeichnet sein, an dem das angezielte grammatische Phänomen im Unterricht eingeführt werden soll. Für diesen Text ist somit die Feinplanung nach der Methode „induktiv einführen“ vorzunehmen. In dem Text werden also entsprechende Sätze mit dem grammatischen Phäno­men beobachtet. Um diesen Text herum ist eine sinnvolle thematische Sequenz aufzubauen, die sowohl dem inhaltlichen Interesse der Schüler an der „eingebildeten Krankheit“ Raum gibt als auch das grammatische Thema mit weiterem Übungs- und Anwendungsmaterial stützt; darüber hinaus müssen Möglichkeiten zur Verknüpfung der Teilbereiche Umgang mit Texten, Reflexion über Sprache und Textproduktion entwickelt werden.

Für die Kontextuierung kann von einer aktuellen Berichterstattung über das „Versagen“ von Sportlern (z.B. bei der Olympiade – hier: Seoul 1988 - , bei Weltmeisterschaften ...) ausgegangen werden. Simulation von Unpässlichkeit ist nicht nur bei schlechtgelaunten, griesgrämigen Menschen erfahrbar. Sie dient gerade bei Sportlern dazu, sich dann und wann von dem ungeheueren Leistungs- und Erwartungsdruck zu entlasten. Andererseits fallen in den Medien auch ungerechtfertigte Vorwürfe gegen Sportler wegen angeblicher Simulation auf, gegen Sportler, die versagen oder an einem Wettbewerb aus tatsächlichen Krankheitsgründen nicht teilnehmen können. Hier schlägt die Enttäuschung des Publikums, der Sportfunktionäre etc. in Angriff um.

 

Materialangebot - Texte vor und nach dem Kerntext (s. unten, am Ende):

1. Gabriele Wohmann: Der Knurrhahn-Stil (Erzählung)

2. „Arzt glaubt Blöcher nicht“ (Zeitungstext/Ausschnitt)

3. Eugen Roth: Der eingebildete Kranke (Gedicht)

3 a. Folie zur Situation im Gedicht

4. „Unternehmen Gold gescheitert“ (Zeitungstext/didaktisiert)

5. „Verletzt - Auch Wentz droht Aus“ (Zeitungstext)

6. „Zu wenige wollen sich quälen“ (Kommentar einer Zeitschrift)

7. evtl. „Olympiasieger Michael Groß“ (autobiographischer Hintergrundtext)

 

Sequenzbeginn: Kontextuierung

 

Mit Text 1 wird das Problem der Simulation von Krankheit zunächst aus der Schülerperspektive inhaltlich angegangen. Das Vorgehen des Jungen, der Eltern, des Arztes, Lehrers etc.; der Zweck der Simulation, die Motive, die Umstände etc. wären aufzuarbeiten. Je nach Gesprächsklima in der Klasse kann als Erlebniserzählung (Ich-Erzählung oder Er/Sie-Erzählung in fingierter Rolle) eine Textproduktion angeschlossen werden mit der Auswahl aus folgenden Themen: „Mir tat wirklich alles weh“ oder: „Ich fühlte mich so schlecht, und keiner reagierte“ oder „Nun stell dich nicht so an!“ oder: „Ich hab nur so getan“. - Die Sequenz beginnt also problemorientiert. -

Text 2 ist ein Ausschnitt aus einem längeren Text. Er endet da, wo die skeptische Perspektive des Bundestrainers ins Spiel kommt. Aus dieser Perspektive soll nun ein Rollentext erstellt werden (mündlich als Rollenspiel oder als Fortsetzungstext schriftlich): Der Trainer kommentiert Verhalten und Krankheitssymptome des Hockeyspielers. Dabei muss nach der Rollenvorgabe im Zeitungsausschnitt das Misstrauen des Trainers sprachlich deutlich werden. Dies ist bei der Besprechung der Rollenspiele oder -texte zu beachten. Stellen mit Konjunktiv oder kritischen Partikeln in den Schülertexten werden hervorgehoben. - Text 2 bereitet also Text 3 vor: Ein Beobachter stellt die Faktizität eines Vorgangs oder Verhaltens infrage.

 

2. Feinplanung zum Kerntext 3: Induktion und Fokussierung

 

Eugen Roth: Der eingebildete Kranke (Gedicht)

Die zentrale Stunde zur Reflexion über Sprache folgt hier dem Modell des „erarbeitenden Unterrichts“.

Text 3 macht explizit auf die Verwendung des Konjunktivs II aufmerksam. Die Schüler beobachten im Unterrichtsgespräch die zwei Figuren: Griesgram und kritischer Kommentator. Sie stellen fest, dass das Faktische und das Nicht-Faktische konfrontiert werden. Dabei ist die gesamte Entwicklung aller Einbildungen von dem übergeordneten Verb „denkt“ abhängig. Sie gehen auf die Art und die Motive eines Griesgrams ein und konfrontieren diese Figur mit Sportlern, die sich ihre Wehwehchen aus ganz anderen Gründen einbilden.

Zur Erarbeitung des grammatischen Phänomens wird auf Vers 2 gezielt. Es wird erschlossen, dass mit dem Verb „denken“ etwas eingeleitet ist, das nicht unbedingt der Fall sein muss, und dass dies in den abhängigen Sätzen mit dem Konjunktiv II verdeutlicht wird. Die Schüler können zur ersten Übung selbst weitere Sätze bilden: Was der Griesgram noch so denkt...

Die Ableitung des Konj. II („wäre“) aus dem Präteritum („war“) wird ermittelt; dies wird mit anderen Verbstellen des Gedichts verglichen. Mit Ersatzproben werden die Konjunktiv II - Stellen durch Indikativ- oder Konjunktiv I- Formen verändert: Es steht fest,...er ist krank; Sie sagen,...er sei krank etc. Über den Vergleich mit den vorliegenden Formen wird die Funktion des Konjunktivs II erkannt und formuliert: Er macht deutlich, dass ein Sachverhalt nicht unbedingt tatsächlich sein muss.

Es kann die „aber-Probe“ eingeführt werden: Jemand denkt, er wäre..., aber er ist nicht... Mit der Probe lässt sich überprüfen, ob der Gegensatz zwischen dem Faktischen und dem Nicht-Faktischen stimmig ist. Schließlich schreiben die Schüler einen Text nicht über einen eingebildeten kranken Griesgram, sondern  über einen „eingebildeten kranken Sportler“: Sie nehmen die Perspektive des Beobachters ein, der die Einbildung (in den Klammerteilen) aufdeckt.

Zum Beispiel:        Ein Sportler denkt nach schwerem Schlaf,

                   Er könnt' einfach liegen bleiben. (Was er nicht darf.) etc.

- Es muss sich nicht reimen, kann auch Prosa sein.

 

 

Induktion:

 

1. Präsentation des Textes als Vortrag durch den/die Lehrer/in - Der Titel des Gedichts wird zunächst weggelassen. - Text liegt auf OHP-Folie vor, so dass die Schülerinnen und Schüler mitlesen können.

2. Behandlung des Textes als Kontext des grammatischen Phänomens im freien Unterrichtsgespräch: Zunächst wird die inhaltliche Seite thematisiert. Die Schüler geben Eindrücke wieder, gehen auf die Rollen (Griesgram - Beobachter) ein, stellen sich einen Griesgram vor, beobachten ggf. eine Verallgemeinerung ab Z. 11, erkennen evtl. die Rolle des Rauchverbots mit Todesdrohung Z.8-10 als mögliche Ursache für besonders griesgrämiges Verhalten (s. Abweichung vom Konjunktiv II!). Sie kommen auf die (auch grafische) Zweiteilung durch die Klammern zu sprechen. Hieraus kann ein Hinweis für veränderte Stimmlage beim Gedichtvortrag abgeleitet werden. - Es folgt ein zweiter Textvortrag durch einen Schüler. - Zur Kontrolle des inhaltlichen Verständnisses sollen die Schüler nun einen Titel für das Gedicht formulieren. Er müsste in der Nähe des Originals liegen. - Der Originaltitel wird preisgegeben.

 

Fokussierung:

 

3. Mit der Frage „Wie wird im Text sprachlich deutlich gemacht, dass der Griesgram sich alles nur einbildet?“ werden die sprachlichen Mittel thematisiert. - Die Schüler verweisen auf den Kontrast der klammerfreien Teile und der eingeklammerten Teile; auf die Einleitung, dass er sich alles nur „denkt“; auf die Verbformen „wäre“, „müsste“...

 

4. Beispiel: Z.2 wird als repräsentative Textstelle herausgegriffen und an die Tafel geschrieben.

5. Beobachtung der sprachlichen, grammatischen Darstellungsmittel = Wechsel auf die formale Ebene: Die Schüler erschließen, dass der Eindruck des Unglaubhaften durch die Form „wäre“ hervorgerufen wird. - Auftrag: „Formuliert den Anfang des Gedichts so um, dass man nicht mehr von „Einbildung, sondern von „Tatsache“ sprechen kann.“: „Er stellt fest, er ist krank...“ oder „Er bemerkt, dass er krank ist.“ o.ä. Durch die Ersatzprobe wird die Funktion von „wäre“ deutlich.

6. Isolierung: Die Schüler klären, dass „wäre“ unter Umlautung vom Präteritum des Verbs „sein“ abgeleitet ist. Durch Vergleich und Ersatzprobe mit „ist“ oder „sei“ wird die Form von „wäre“ gesichert.

7. Systematisierung: Die Schüler erweitern das Beispiel „wäre“ an der Tafel um die analogen Stellen im Text. Tafel:

wäre

abgeleitet aus dem Präteritum

war

müsste

hätte

spräch

könnt

möcht

 

...

...

...

...

...

 

8. Benennung (mit dem lat. Fachbegriff): links unter den Tafeltext wird „Konjunktiv II“ geschrieben.

9. Definition (3 Teile: a-c!) - Übernahme ins Heft.

a) zur Form: „Konjunktiv II ist eine Verbform, die vom Präteritum eines Verbs abgeleitet ist; z.B. ‚wäre’ von ‚war’ (Prät. von ‚sein’).“

b) zur Funktion: „Der Konjunktiv II zeigt an, dass das Ausgesagte nicht unbedingt tatsächlich sein muss.“

c) Beispiel: Der Schwimmer klagt, ihm wäre schlecht.

10. Anwendung: Die Schüler schreiben nun einen Paralleltext, in dem ein Sportler der eingebildete Kranke ist. Vorgabe an der Tafel: Ein Sportler denkt, ... und Ersatzproben zu „denkt“ an der Tafel: Er meint, vermutet, befürchtet .... Statt „Sportler“ kann auch „Turner, Schwimmerin...“ eingesetzt werden.

11. Kontrolle: Durch Überprüfung der Texte, die als Hausaufgabe durchgeführt werden können. Die Mitschüler identifizieren nach dem Zuhören jeweils die Konjunktiv II - Formen.

 

Diese Schritte bedeuten keine Zerlegung des Unterrichts in 11 Phasen - vielmehr erfolgen sie in Beobachtungs-, Nachdenk- und Gesprächsphasen im Verbund: 1.-3., 4.-8., 9 und 10 oder 11!

 

Alternativen/Verzweigungen

- Die Stunde kann auch eröffnet werden mit der Folie M3 a), die die Situation des Textes visualisiert: Ein griesgrämiger älterer Mann sitzt im Sessel und wirkt krank; Denkblase mit Thermometer und Medizin o.ä. Daneben steht ein Arzt mit Stethoskop. -  Die Schüler beschreiben die Figuren, die Denkblasenebene und den kommentierenden Arzt. Sie erfassen vorprägend die Atmosphäre um einen „Griesgram“; ggf. Klärung des Begriffs. Sie unterscheiden schon Gedachtes und Tatsächliches.

- Bei Schritt 7 fällt den Schülern evtl. auf, dass nicht alle analog stehenden Verben die Form Konjunktiv II haben: s. Z.7-10. Die für das Verständnis von Lyrik bedeutsame Rolle der Abweichungen vom formalen Schema eines Gedichts kann dann als Aspekt des Teilbereichs „Umgang mit Texten“ thematisiert werden: Warum wird im Zentrum des Gedichts vom Konjunktiv-Muster abgewichen? In welchem Aussagezusammenhang geschieht das? Welche Bedeutung mag das Rauchverbot haben? etc. - Formal ist zu sehen, dass das Modalverb „soll“ und die auch modal zu verstehende Futurform „werde“ die Funktion des Konjunktivs II übernehmen können.

- Bei Schritt 10 kann die Ersatzprobe dazu dienen, die den Komplementsätzen übergeordneten Verben genauer zu betrachten: nicht-faktitive Verben erzeugen Aussagen, die wahr oder falsch sein können.

- Weitere Anwendungen des eingeführten Konjunktivs erfolgen dann in der Fortführung der Sequenz.

 

3. Fortsetzung der Sequenz: weitere Nutzung des Kontextes

 

Text 4 dient dazu, dass die Schüler Konjunktiv II-Stellen identifizieren. Neu zu thematisieren ist das Problem, dass oftmals die Pluralform des Konjunktivs II nicht vom Präteritum Plural zu unterscheiden ist und dass in diesem Fall die „würde-Ersatzform“ angewandt wird. Dies geschieht oft auch zur Umgehung ungebräuchlicher Umlautformen. Entsprechende Stellen werden beobachtet, an die Tafel gebracht, umgeformt etc.:         Noch glaubt alle Welt, Trainer und Schützling pokerten...

                                      ........ , ...... würden ......... pokern.

                  Der Trainer meinte, sie benützten...

                                     ........ , sie würden ....... benutzen.

Dieser Text bietet inhaltlich die Möglichkeit, auf das Problem einzugehen, dass die Öffentlichkeit einem tatsächlich erkrankten Sportler nicht glaubt. Die Skepsis ist hier durch die enttäuschte Medaillenerwartung bedingt. Andererseits kann ein Sportler unter dem Stress, eine Goldmedaille tatsächlich holen zu müssen, psychosomatisch erkranken und somit seine tatsächliche Erkältung bekommen.

Text 5 soll eine Gestaltungsmöglichkeit zur Anwendung des grammatischen Phänomens bieten: Die Schüler schreiben auf der Grundlage der Textvorlage ein Interview, in dem ein Sportreporter den Sportdirektor, den Bundestrainer, den persönlichen Trainer und den Physiotherapeuten misstrauisch zur Form der Leichtathleten befragt. Reporter: „Herr Blattgerste, in Reporterkreisen heißt es, Harald Schmidt wäre nicht in Form.“ etc. Die Schüler wenden bei der Umformung des Zeitungstextes den Konjunktiv II an geeigneter Stelle an.

Mit Text 6 werden nun Hintergründe für Simulation oder Flucht in Krankheit oder tatsächliche Erkrankung inhaltlich erarbeitet. Konjunktiv-Stellen können ermittelt werden. Die „aber-Probe“ wird im Text explizit vorgeführt. Das Thema Einbildung wird erweitert um die „vorab bereitgelegte Ausrede“. Zur Reflexion über Sprache gehört hier das Gespräch über den Wahrheitsgehalt von Aussagen und die Einschätzung, was als „Einbildung“, als „Simulation“ oder gar als „Lüge“ zu bezeichnen wäre. Der Standpunkt des zahlenden Publikums lässt sich bei letzterer Einschätzung einbeziehen. - In einem Rollenspiel könnte der Reporter ein Gespräch mit dem Sportler führen und nachfragen, warum er bei dem Zehnkampf nicht weiter antreten mag/kann. Der Rollenspieler des Sportlers kann einmal eher glaubwürdig antworten, einmal eher nach Ausreden suchend. - Der letzte Satz des Textes kann eine mündliche und/oder schriftliche Erörterung der Frage eröffnen: „Angesichts des Versagens der Sportler muss man sich fragen, ob denn allein sie dafür verantwortlich sind.“

Text 7 dient dazu, aus der Perspektive des Siegers die Sicht des Sportlers einzubringen, andererseits aber auch die Abhängigkeit dieser Sportler von Sponsoren, Fernsehanstalten zu verdeutlichen. Konsequenzen des Versagens beim Sport können gefolgert werden: der Geldhahn wird zugedreht. Die allgemeine Fragestellung zur olympischen Idee kann mit dem Impuls eröffnet werden: „Groß glaubt, Olympia stünde allen offen, - alle Sportler hätten gleiche Chancen.“ Aktuelle Fälle aus dem Sport ließen sich in die Erörterung des Problems einbeziehen.

 

Didaktischer Zugriff: Integration der Teilbereiche

In der Sequenz kommt es zur Textrezeption von literarischen Texten (1, 3) und Sachtexten (2, 4, 5, 6, 7); d.h. zur Problem- und Textanalyse.

Bei der Textproduktion geht es um problemverarbeitende Erlebniserzählungen oder Rollentexte (1), um perspektivische Fortsetzungstexte (2), um einen Paralleltext zu einem vorgegebenen Text unter Veränderung der Textfigur (3), um ein Interview (5) und um Erörterungen (6, 7).

Reflexion über Sprache erfolgt zum Wortfeld Tatsache-Einbildung-Simulation-Täuschung-Lüge (1-6); zu Form und Funktion des Konjunktivs II nach nicht-faktitiven Verben (3-6); dabei wird mit der Ersatzprobe und der „aber-Probe“ gearbeitet (3, 6).

Mündliche Kommunikation entwickelt sich bei der Erörterung von Handlungen und Reaktionen (1), im Anschluss an die Rollentexte (1), in Rollenspielen (2, evtl. 5, 6), bei der Beschreibung der Situation (Folie: 3), bei den Problemerörterungen zum Sport (1,6,7) und bei dem Gedichtvortrag (3).

 

Varianten zum Sequenzverlauf:

- Varianten des Einstiegs: sofort mit Eugen Roths Gedicht beginnen und dann erst auf den Sportbereich wechseln; oder mit Material 8 und mit den Ursachen für die Probleme von Sportlern beginnen, mit 7 ergänzen und die Perspektive der Sportler als Sieger, Versager und Medienhelden einnehmen;

- aktuelle Veränderungen der Sequenz durchführen; die Schüler selbst entsprechendes Material einbringen lassen;

- sich mit den eigenen Erfahrungen und Einstellungen zum Sportunterricht konfrontieren;

- Zusammenhang zwischen den verba dicendi (sagen, erklären sprechen etc.) und den Verben des „Denkens“ (denken, meinen, glauben, vermuten...) herstellen: Gesamtbereich der nichtfaktitiven Verben, die „nicht unbedingt die Wirklichkeit des Ausgesagten“ voraussetzen (K. Lottmann, S.48). In der indirekten Rede wie bei der Wiedergabe von nur Gedachtem ist Konjunktiv I oder II möglich; die Verwendung von Konj. II erfolgt in der Regel mit Bedacht (Funktionen kontrastieren); s. Text 3, Z.9;

 - Anschluss zu Sequenzen Konjunktiv II (irreal./potent.); Ausgangspunkt evtl. bei Text 4: „Wenn Henkel noch einmal 10 Jahre alt wäre, würde er wohl nicht mehr Leistungsschwimmer werden.“ - „Wenn er keine Medaille bekäme, würde er viel Geld verlieren.“

- Einschub von Übungs-/Arbeitsblättern zu den Formen bei Text 3 oder 4: Identifizieren, Selektieren, Sortieren der Formen aus gegebenen Sätzen; Umformungen von Konjunktiv II - Stellen in Indikativ und umgekehrt; Sätze aus dem Themenbereich Sport!

 

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Material:

M 1)

 

 

M 2)

 

M 3) s.o.  

M 3a)

 

M 4)

 

M 5)

 

 

M 6)

 

 

M 7)

 

 

 

Quellenangabe zum Material

1) aus: G.Wohmann, Ländliches Fest. Darmstadt: Luchterhand 1968, (SL 204/1975), S.106-111 – Und in: Arbeitstexte für den Unterricht. Deutsche Kurzgeschichten II. 7.-8. Schuljahr. Hrsg.: Lange, Günter. Reclam-Verlag – ISBN: 978-3-15-015008-5

2) aus: (Blöcher) Kölner Stadtanzeiger, 21.9.1988

3) aus: E.Roth, Der Wunderdoktor. München: Hanser 1950, S.72

3a) Grafik: Sabine Volmer-Falcman

4) nach: (Henkel) Kölner Stadtanzeiger, 24.9.1988

5) aus: (Wentz) Kölner Stadtanzeiger, 21.9.1988

6) aus: (Hingsen) Vorwärts Nr.37, 12.9.1987, S.40

7) aus: (Groß) Stern 34/1984

 

Literatur zum Thema

Ludwig, Otto: Könnten wir uns abfinden mit einer Sprache ohne Flügel? Zum Konjunktiv. In: PD 71/1985, S.16-24

Lottmann, Klaus: Der eingebildete Kranke und der Konjunktiv. In: PD 71/1985, S.48-50

Becker, Peter (Hg.): Sport und Höchstleistung. Reinbek: rowohlt

Blödorn, Manfred (Hg.): Sport und Olympische Spiele. ebd.

Franke, Elke (Hg.): Sport und Gesundheit. ebd.

Molière, Jean-Baptiste: Der eingebildete Kranke. Stgt.: Reclam

 

 

Neuere Fassung einer Sequenzplanung, s.:

Einecke, Günther: Fokussieren - auf die sprachliche Ebene lenken. In: DU 6/1996, 10 ff. -

und in: Ders.:  Auf die sprachliche Ebene lenken. Gesprächssteuerung, Erkenntniswege und Übungen im integrierten Grammatikunterricht. In: Albert Bremerich-Vos (Hrsg.): Zur Praxis des Grammatikunterrichts. Freiburg: Fillibach 1999, 125-191

 

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 Eigene Planung einer Kurzsequenz

 

Thema/Material/Texte

 

Ziele/Lernstoff

Material:   

verschiedene Medien,

offene Folge / Pool

 

 

zentrales grammatisches Phänomen in den Texten:

natürlich, stark repräsentiert, funktional

zentrale Textsorte,

Kontext, Kerntext

 

Formen: Abklärung des gram. Sachverhalts

 

Inhaltsebene / Sachthema

 

Funktionen: semantische, syntaktische, pragmatische / kommunikative, stilistische

 

 

Schülerbezug zum Thema

Lernbereich der

 

Lernstoff zur Textsorte

Anbindung

 

ggf. didakt. Reduktion

 

 

 

Weg/Methode

 

 

Unterrichtsschritte für einige Stunden

 

 

Phasen der Sequenz - Materialfolge - Teilziele

 

 

Arbeit in der Inhaltsebene und an der Textsorte

 

 

Festlegung der Stunde für die Induktion

 

 

Art der Fokussierung

 

 

induktive Erarbeitung des grammat. Phänomens und Reflexion

 

 

Merksatz zur Form und Funktion

 

 

Arten der Übung und Kontrolle

 

 

Zurückführung zur Arbeit an der Textsorte

 

Methodisierung im einzelnen: Arbeits- und Sozialformen

 

 

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