Unterrichtsideen Integrierter Grammatikunterricht

 

[aus: Günther Einecke: Unterrichtsideen Integrierter Grammatikunterricht. Textproduktion und Grammatik. 5. - 10. Schuljahr. (Hauptband u. Materialien). Stuttgart: Klett (1991) (5) 1998, 31 ff. - leicht verändert]

 

 

Varianten der Integration

 

Neben der didaktischen Reduktion auf einen Minimalkatalog hin bedarf es also einer Sichtung der Handlungsmöglichkeiten auf der Planungsebene. Deshalb sollen hier zuerst Varianten der Integration vorgestellt werden, die über die einzelnen Stunden hinausgreifen:

 

A) An andere Stoffe anbinden

 

Hiermit ist die Verknüpfung der Teilbereiche als wichtigste Planungsaufgabe für den Lehrer angesprochen. Die anstehenden Unterrichtsstoffe sind zu sichten und an geeigneten Stellen mit den grammatischen Themen zu verbinden.

 

B) Induktiv einführen

 

Mit dieser Variante betritt man Neuland; man führt die Schüler mit geregelten Schritten in unbekannte Sachverhalte ein.

 

 

C) Situativ aufgreifen

 

Grammatik wird dann aufgegriffen, wenn ein aktueller Sprechanlass es nahe legt; man sollte etwas aufgreifen, jedoch nur kurz und aktuell und nicht jedes Mal eine Sisyphusarbeit daraus machen.

 

D) Begriffe wiederverwenden

 

Wenn ein grammatisches Phänomen einmal eingeführt ist, sollte man es nicht links liegen lassen, sondern wiederaufgreifen, wiederholen, anwenden, in neue Kontexte bringen, weiterführen.

 

E) Im Exkurs ergänzen

 

Wenn es im Unterricht um irgendeinen anderen Unterrichtsgegenstand geht, z. B. in der Aufsatzerziehung, in der mündlichen Kommunikation o. ä., und in diesen Zusammenhängen aktuell ein grammatisches Problem oder eine Lücke in den eigentlich vorauszusetzenden Grammatikkenntnissen auffällt, dann sollte in einem Exkurs oder einer kurzen "Schleife" darauf eingegangen werden.

 


Diese Varianten werden im folgenden einzeln dargestellt.

 

A) An andere Stoffe anbinden

 

 

Beispiel Jg. 7: Umgang mit Texten (Zeitung)

                Anbindung: Passiv - indirekte Rede - Konjunktiv I

 

                Aus Kiel wird berichtet, der Minister wolle ...

                Informierte Kreise behaupten, es gebe ...

 

 

 

An andere Stoffe anbinden - Mögliche Methodenschritte

 

1. Planung der Anbindung vor Beginn der Unterrichtsreihe.

 

2. Durchführung der Reihe: Stunden mit Arbeit an Texten im Vorfeld der grammatischen Thematisierung. Hinführung auf einen Kerntext, in dem das angezielte grammatische Phänomen authentisch, funktional und gehäuft vorkommt.

 

3. Fokussierung am Kerntext auf das für die Anbindung vorgesehene grammatische Phänomen hin und Thematisierung desselben, und zwar an den für den Verstehens-, Schreib- oder Verständigungsprozess entscheidenden (oft strittigen) Stellen, den Umschaltpunkten.

 

4. Kurze Verselbständigung der Arbeit am grammatischen Phänomen zur Erarbeitung der Formen und Funktionen.

 

5. Rückbindung der gewonnenen grammatischen Einsichten und Kenntnisse an die vor dem Umschaltpunkt gegebene Ausgangslage zur Vertiefung des Verstehens, zur Verbesserung des Schreibens und zur Metakommunikation über die Gesprächsabläufe.

 

6. Fortführung der Unterrichtssequenz mit Texten und Schreibaufträgen unter Anwendung der Erekenntnisse aus der Phase der Sprachreflexion.

 

  B) Induktiv einführen

 

 

Beispiel Jg. 8: Einführung Konjunktiv II

                Kontextuierung Literatur: 

                Eugen Roth, "Der eingebildete Kranke"

 

                Eine Griesgram denkt mit trüber List,

                Er wäre krank. (Was er nicht ist!)

 

 

 

Induktiv einführen - Mögliche Methodenschritte  

Grundmodell: Induktiv einführen

1. Kontextuierung: Kerntext (Text, Szene, Situation) als Teil einer kurzen Unterrichtssequenz präsentieren; zunächst die inhaltliche Seite thematisieren.

 

2. Fokussierung: bei genauerer Untersuchung des Textes, bei Verständigungs- und Verstehensproblemen, an inhaltlich, stilistisch oder grammatisch auffälligen Stellen auf die sprachlichen Mittel hinlenken.  

3. Beispiel: eine Textstelle aufgreifen, die das angezielte grammatische Phänomen umfasst und mehrere andere Textstel­len repräsentiert = Beginn der Operationen am Text. 

4. Beobachtung / Reflexion: der sprachlichen, grammatischen Darstellungsmittel und Beschreibung des Beobachteten: zur Form und Funktion; in der Regel im Unterrichtsgespräch.

 

5. Isolierung: das gram. Phänomen herausstellen; durch Vergleich, Kontrastierung, Nachschlagen und Verknüpfung mit Bekanntem, sowie durch Operationen untersuchen: Ergänzungs-, Streich-, Austausch- und Umstellprobe, Paraphrase, Klangprobe etc.

6. Systematisierung: Erweiterung des ersten Beispiels um andere parallele Textstellen, analoge Beispiele; Ausschluss von Gegenbeispielen etc.; zur Erkenntnis der Regelhaftigkeit; Bildung weiterer Fälle; Klassifizierung, Generalisierung des Beobachteten.

7. Benennung: mit dem lat. Fachbegriff; ggf. Erläuterung des Fremdworts (etymologisch, Rohübersetzung etc.); in der Regel durch die Lehrerin oder den Lehrer.

8. Definition / Regel: Fixierung der Erkenntnisse in einem Merksatz, definitorisch als Regel (Teilregel):

              a) Begriff

              b) Regel zur Bildung der Form

              c) Regel zur Funktion des grammatischen Phänomens in Äußerungen

              d) Beispiel (Satz - Grafik - Schaubild)

 

9. Reflexion / Rückblick: Analyse und Betrachtung der Funktion / Rolle / Bedeutung des grammatischen Elements im Satz / Text / Kontext, in der Verwendungssituation = auf den Kerntext zurückgreifende Synthese des Form- und In­haltsaspekts; vertiefendes Unterrichtsgespräch.   

10. Anwendung/Übung: an weiteren Textabschnitten, Beispielsätzen, Texten der Unterrichtssequenz; untersuchen, selbst bilden, ermitteln, in Kontexte einbauen, sprachlich im thematischen Rahmen der Sequenz gestalten...;  vielfältige Übungen.

 

11. Kontrolle: Prüfung durch Anwendung, (s.10); Überprüfung der Regelkenntnis durch Abrufen der Regel (8), der Benennung durch Zuordnung von Fachbegriffen zu Textstellen (7), der Beobachtung durch Aufspüren entsprechender Stellen in Texten (4), der Reflexion durch Erklärungen (9); etc.

 

Für den Kerntext und damit für das eigentliche sprachliche, grammatische Thema ist die Feinplanung nach der Methode „induktiv einführen“ vorzunehmen. In dem Text werden also entsprechende Sätze mit dem angezielten grammatischen Phänomen beobachtet. Dabei ist zu betonen, dass die hier dargestellten elf  Schritte den Unterricht nicht in isolierte Elemente zerlegen sollen. Vielmehr lassen sie sich in größeren Gesprächs- und Arbeitsblöcken mit fließenden Übergängen als ein durchgehender, wenn auch gegliederter Erkenntnisweg gestalten.

 

 

C) Situativ aufgreifen

 

 

Beispiel Jg. 5: Morgens an der Tafel:

 

                Stühle hoch!!

 

Aufgreifen: Sprachhandlung Aufforderungen -             

                    Imperativ-Varianten

 

 

 

Situativ aufgreifen - Mögliche Methodenschritte

 

1. Permanente, latente Erwartungshaltung gegenüber "grammatikträchtigen Situationen" (Boettcher/Sitta).

 

2. Umschalten im Unterricht und Aufgreifen der Beispielfälle.

 

3. Thematisierung des sprachlichen Aspekts.

 

4. Klärungsprozesse unter Einbeziehung der grammatischen Fachsprache.

 

5. Reflexion zur Sprachkritik oder Ableitung von Konsequenzen für die weitere Interaktion oder die sprachliche Produktion.

 

6. Wiederaufnahme des verlassenen Unterrichtsstoffes.

 

 

 

D) Begriffe wiederverwenden

 

 

Beispiel Jg. 9: Inhaltsangabe (Korrektur)

 

Schocker ist das schwarze Schaft, da                     G                   

er noch sechs Geschwister hat.                      Relativsatz! 

             

 

                Wiederholung: Gliedsätze

 

 

 

Begriffe wiederverwenden - Mögliche Methodenschritte

 

1. Der Lehrer macht sich selbst für den Gebrauch der grammatischen Begriffe (mindestens im Richlinien-Umfang) kompetent bis zu völliger Geläufigkeit.

 

2. Er entwickelt die Sprachgewohnheit, die wesentlichen Begriffe in entsprechenden Unterrichtssituationen zu verwenden.

 

3. Er ist nicht enttäuscht oder aufgebracht, wenn Schüler einen grammatischen Begriff noch nicht kennen, sondern nutzt solche Situationen zum Erklären und Nachschlagen.

 

4. Er achtet auf Wiederverwendung der wesentlichen Begriffe durch wiederholte Überprüfung seiner unterrichtlichen Sprachgewohnheiten.

 

5. Er verstärkt das fachsprachliche Sprechen der Schüler.

 

6. Er bezieht explizite oder implizite Wiederholungen ein.

 

 

 

E) Im Exkurs ergänzen

 

 

Beispiel Jg. 9: Erörterung (Pro und Contra Kabelfernsehen)

 

  Ich finde die Verabredung gut, weil ich will ja ...

 

Exkurs: Argumente,

       Kausalsatz,

           Gliedsatz,

              Konjunktion,

                   finites Verb  

                        Ersatzpartikel (nämlich, ja...)

 

 

 

Im Exkurs ergänzen - Mögliche Methodenschritte

 

1. Feststellen eines Fehlerproblems oder einer Lücke in den Grammatikkenntnissen, bzw. Festlegung des Erweiterungsziels im Rahmen einer laufenden Unterrichtseinheit.

 

2. Wechsel auf die grammatische Ebene, in der Regel explizit.

 

3. Rückgriff auf bereits gelernte Einzelphänomene und Kenntnisse.

 

4. Erarbeitung des Richtigen oder des Vergessenen oder des Neuen durch Einzelanalysen, Vergleich mit den schon bekannten Phänomenen, Anknüpfen an die Vorkenntnisse bis hin zur Erkenntnis der Regelhaftigkeit und Verwendung des entsprechenden Fachbegriffs.'

 

5. Ggf. Querverbindung des Neuen mit verwandten Phänomenen zur Einordnung in vorhandene Systemkenntnisse.

 

6. Ggf. Einübung an Beispielen aus der Materiallage, die vor dem Exkurs bestand.

 

7. Ende des Exkurses.

 

 

Zusammenfassung

 

Deutschlehrerinnen und -lehrer beschreiten den Weg zur integrierten Grammatik,

 

didaktisch:

 

- wenn sie sich für die funktionale Grammatik entscheiden und einzelne grammatische Phänomene auf ihre Funktion in ihren sprachlichen Kontexten und ihren außersprachlichen Verwendungszusammenhängen hin betrachten, also vom Grammatikunterricht zu Formen der Reflexion über Sprache übergehen;

 

- wenn sie für die Reflexion über Sprache eine langfristige, mindestens auf ein Halbjahr bezogene Planung durchführen und grammatische Themen in Unterrichtsreihen einplanen;

 

methodisch:

 

- wenn sie grammatische Beobachtungen, Untersuchungen und Übungen an die Unterrichtsgegenstände, Themen und Prozeduren in den anderen Lernbereichen des Deutschunterrichts gezielt anbinden (Verknüpfung);

 

- wenn sie bei der induktiven Erarbeitung die grammatischen Phänomene in sinnvollen, funktionalen Zusammenhängen angehen (Kontextuierung);

 

- wenn sie grammatische Phänomene zur Reflexion über Sprache in aktuellen unterrichtlichen oder öffentlichen Zusammenhängen situativ aufgreifen (Sensibilität);

 

- wenn sie selbst grammatische Begriffe im Unterricht gebrauchen, häufig wiederverwenden und somit einüben (Unterrichtssprache);

 

- wenn sie an Fehlerstellen, bei sichtbar werdenden Lücken oder an geeigneten Verzweigungsstellen Kenntnisse im Exkurs ergänzen und Zusammenhänge zwischen bekannten oder vergessenen und neuen grammatischen Phänomenen herstellen (fachliche Reaktion).

 

© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de