G. Einecke:  Zur Methodik der Behandlung einer Ganzschrift:  Beispiel „Drama“

 

1. Alternativen des Zugriffs auf den Text

 

1.1 Chronologischer Aufbau: Die Unterrichtsreihe folgt streng der Szenenfolge des Dramas; dies wird oft verbunden mit einer Lesechronik, d.h. einer Übersicht über den Textablauf während des Lesens. aus den Szenen werden die zu behandelnden Themen unmittelbar entnommen. Die Abfolge der Szenen wird selbst zum Unterrichtsgegenstand. 

 

1.2 Linearer Aufbau: Die Unterrichtsreihe folgt analog dem Dramenverlauf, aber nicht Szene für Szene, sondern:

a) nach Knotenpunkten der Konfliktentwicklung,

b) nach Schwerpunktthemen mit entsprechenden Kernstellen in den einzelnen Akten/'Bildern; die Themen­folge wird aus der Textanalyse selbst ermittelt.

 

1.3 Konzentrischer Aufbau: Nach der Erstlektüre/dem Theaterbesuch wird das Hauptthema des Textes vorläufig angesprochen; danach vertiefende Begegnung mit einzelnen Textteilen; Ausgangspunkt ist z.B. eine herausragende Szene; dann allmählich Einbeziehung des weiteren Textes zur Behandlung des Haupt­themas aus verschiedenen Richtungen z.B. Personen, Gruppen, Motivkomplexe) 

 

1.4 Problemorientierter Aufbau: Im Vordergrund steht die Leseerfahrung der Rezipienten Aus ihrer Lektüre heraus werden die Grundthemen des Textes bestimmt. Die Arbeit am Text erfolgt vor allem an Kernstellen, die für die gewählten Themenkreise/Problemstellungen von Bedeutung sind. Problemkreise können durch Gruppenarbeit oder Schülerreferate arbeitsteilig angegangen werden. Die Handlungsfolge des Textes be­stimmt nicht die Unterrichtsstruktur. 

                

1.5 Poetologisch orientierter Aufbau: In der Regel textvergleichend und mehrere Texte übergreifend. Unter­suchung der Entwicklung von Strukturelementen einer Gattung z.B. in verschiedenen Epochen im Kontext entsprechender poetischer Programme. Z.B. dramatische Formen wie dramatischer Raum, Konfliktformen, dramatische Sprache, Spannungsregie; geschlossene/offene Form; Motivtraditionen; das Tragische, Komi­sche, Absurde, Dokumentarische etc.; Theater und Publikum; Theaterkritik und Wirkungsgeschichte. 

 

1.6 Dramaturgisch-praktischer Aufbau: Ziel ist die Inszenierung des Ganzen oder von Teilen;   gemein­same Regiearbeit verbindet das Erspielen  mit der Textanalyse und Interpretation Erproben von Varianten  schauspielerischer Technik, Kulissentechnik, Kostümierung, Maske, Sprache, Raumgliederung, Bewegungs­führung, Rollenbesetzung 

 

2. Drei grundlegende Methoden

 

2.1 Methode der schöpferischen Kunstaufnahme/Lektüre:

Werkaufnahme in Form von Hören und Sehen; umfassenderes Aktivwerden der Schüler in der Phase der Erstrezeption; vertieftes Literaturerlebnis durch wiederholende Aufnahme; Möglichkeiten zur Rückkopplung in der Werk-Leser-Beziehung.

 

2.2 Die analysierend-interpretatorische Methode:

Diese untersuchende Methode dient vor allem dem tieferen Eindringen in das Werk in der zweiten Phase der Auseinandersetzung mit einem Werk. Die methodischen Tätigkeiten des Ermittelns, Vergleichens, Beurtei­lens, Erfassens, Verknüpfens etc. dienen der Interpretation von Schlüsselstellen und in ihrer Verbindung der Werkinterpretation.

"Die zu dieser Methode gehörenden Verfahren umfassen alle Operationen beim problemorientierten Vorge­hen, die Kombination von analytischen und synthetischen Fragen zu den verschiedenen Komplexen, wie sie besonders im Unterrichtsgespräch auftreten. In den Anfangsphasen eines Gesprächsabschnittes überwiegen synthetische Fragen, die oft Orientierungsfunktion haben, wie auch bei Zusammenfassungen, während bei der direkten Textarbeit analytische Fragen dominieren... Mit der Betonung heuristischer Elemente hilft die untersuchende Methode eine Unterrichtsqualität zu erreichen, durch die nicht nur die Tendenz 'strukturlosen Abfragens' (Tenzer) überwunden wird, sondern die jedem Schüler die Möglichkeit einräumt, seine Gedanken und Gefühle zu äußern. Damit entspricht sie dem individuellen Erkenntnisprozeß und schafft die Möglich­keit, die individuelle Rezeption auf das Niveau der kollektiven zu heben, die vor allem infolge der führenden Funktion des Lehrers als Vermittlers zum Bindeglied zwischen individueller und gesellschaftlicher Rezep­tion wird. Damit wird gleichzeitig die Selbständigkeit in der Auseinandersetzung mit Literatur erhöht. Sie steigt systematisch im Unterricht und bei den Hausaufgaben; die Arbeitsschritte werden größer, und infolge­dessen betreffen Kontrollen und Ergänzungen durch den Lehrer immer größere Teile der Erkenntnisprozes­ses." (W. Bütow u.a., Methodik Deutschunterricht-Literatur, Berlin 1979, S.145)

 

2.3 Die synthetisierende Methode:

Die Ergebnisse der Rezeption und Analyse werden unter verschiedenen Aspekten in größere Zusammen­hänge eingeordnet: Reihenzusammenhänge, Kursfolge der Sek.Il, frühere Lektüren...; sozialpolitische, historische, philosophisch-weltanschauliche, ästhetische, literaturwissenschaftliche Zusammenhänge; Be­ziehungen aufdecken aus Kenntnissen und Assoziationen. Höherer Schwierigkeitsgrad durch größere Kom­plexität der Fragestellung und der theoretischen Quellen. "Es werden literaturspezifische geistige Tätigkeiten organisiert, die vom einzelnen Werk ausgehend einen hohen Grad der Verallgemeinerung erreichen. Die Ergebnisse der Rezeption eines Werkes oder eine Werkgruppe werden unter bestimmten Leitideen, Motiven usw. zusammengefaßt, neu geordnet, bereichert, gewertet und damit dialektisch auf ein höheres Niveau gehoben. Auf diese Weise verbindet die synthetisierende Methode die Aneignung eines Werkes mit der Befähigung zu immer selbständigerer Aneignung.

...Sie hat eigene methodische Subklassen, d.h. Verfahren, durch die sie realisiert wird, zum Beispiel das Vergleichen auf hoher Verallgemeinerungsstufe; das Systematisieren, bei dem infolge der Umstrukturierung der einzelnen Wissenselements eine höhere Qualität erreicht wird; das Kommentieren durch den Lehrer; den Lehrer- oder Schülervortrag; das heuristische Gespräch, das vom ganzen Werk oder der Werkgruppe ausgeht und sehr stark synthetisiert," (Bütow u.a.,a.a.0. S.147)

 

3. Einzelne Methoden beim Umgang mit dramatischen Texten - analytische wie produktive

 

         Lesen mit verteilten Rollen, szenisches Lesen/Darstellen

         Vermittlung durch Medien (Video, Audio, Theater...)

         Grafik zur Personenkonstellation, zur Konfliktkette

         Szenenbild entwerfen: Grundriß der Bühne, Kulis­sen...

         Text als Hörfassung auf Kassette aufnehmen

         Textanalyse: beim Drama bes. Situationsanalyse, Handlungsund Konfliktanalyse, Diskursanalyse, Struk­turanalyse

         Rezensionen zum Stück schreiben

         an Entscheidungssituationen die Handlungsbedingungen zurückverfolgen (Psychogenese, Soziogenese), Handlungsalternativen erkennen, Handlungskonsequenzen ermitteln

         Alternativszene entwickeln in der ein Protagonist eins Handlungsalternative ergreift, die nicht im Text vorkommt, dialogisieren

         in "Schreibkontakt" mit Textfiguren treten: z.B. einen Brief an einen Protagonisten schreiben, einen Gedankengang parallel zum Dialog verfassen (innerer Monolog)

         über Protagonisten "zu Gericht sitzen": in einem Gerichtsverfahren Konfliktlage und Schuldfrage klären

         aus der Exposition (I. Akt) in Unkenntnis des ganzen Textes den zu erwartenden Handlungs­gang/Konfliktverlauf entwerfen

         Arbeit mit Querverweisen im Text, Stellensammlung zu einem Thema

         Informeller Test zur Kontrolle der häuslichen Lektüre (reine Sachfragen zum Textinhalt> vor Behandlung des Textes im Unterricht

         Steuerung der häuslichen Lektüre/Erstrezeption durch Leitfragen

         offene Erstrezeption durch die Schüler

         Vergleich verschiedener dramatischer Texte, Vergleich eines dramatischen Textes mit einem themenver­wandten Prosatext

         Zusammenstellung von Hintergrundinformationen (histor., soziolog., psycholog., biographisch...)

         Herstellung eines Features über das Stück: Originalpassagen aus dem Stück, Hintergrundinformationen zur Epoche/zum Autor, interpretierende Kommentare zum Stück (eigene/von Fachleuten), Berichte von Aufführungen

         Aufgabenstellungen für eine Klassenarbeit: z.B. Analyse eines Monologs, einer Szene nach eingeübtem Analyseverfahren: Argumentation, semantische Felder in der dramatischen Rede; Bedeutung der Szene im Konfliktverlauf; Vergleich der Positionen eines Protagonisten in zwei verschiedenen Szenen; Analyse der rhetorischen Mittel;

         Analyse eines expositorischen Textes: Theaterrezension; Erörterung im Anschluß an eine fachspezifische Textvorlage: Theaterrezension mit anschließender Aufgabenstellung; Charakterisierung einer Person nur auf der Grundlage einer ausgewählten längeren Textstelle, als Verknüpfung analytischer und synthetisie­render Tätigkeiten der Schüler: keine vorurteilshafte Beurteilung der Person, sondern Analyse der Her­kunft und Entwicklung, des Auftretens, der Aussagen, des Entscheidens und Handelns der Person selbst der Motive, der Einschätzung durch andere Figuren im Text, der besonderen Behandlung/Kommentierung der Person durch den Autor; beschreibende, mit Textstellen begründende vergleichende, erörternde, ver­knüpfende und wertende Passagen im Schülertext.

         Vorübungen (gestuft im Umfang) zur Klassenarbeit mit gleicher Aufgabenrichtung zu anderen Perso­nen/Szenen im Text.

 

4. Typische Szenenanalyse

 

z.B. Lessing, Emilia Galotti, V 7 / (IV 7):

 

(1) Situationsanalyse: Umstände, Handlungs-/Entscheidungsträger, Handlungsbedingungen, Atmosphäre

(2) Konfliktanalyse: Konfliktpunkte, Entscheidungsrichtungen, Handlungsmöglichkeiten, Konfliktparteien

(3) Argumentations-, Motiv- und Handlungsanalyse: Argumente für oder gegen eine Entscheidungsrichtung, Handlungsvarianten, Ausschluß oder Rechtfertigung einer Entscheidung, Arten der Handlungen, Handlungs­folgen, begleitende Handlungen

(4) Gesprächs- und Sprachanalyse: Herausstellung, Kommentierung und Wertung der Sprache der Personen, der Argumente, der Sprachstile der Figurenreden, der Verknüpfung von Handlungen und Sprachhandlungen

(5) erweiterte Situationsanalyse: Verknüpfung der Szene nach hinten und vorne

 

5. Literatur

Abiturwissen Drama. Stuttgart: Klett 929504

Beilhardt, K.u.a.: Formen des Gesprächs im Drama. Stgt. 1976

Bütow, W. u.a.: Methodik Deutschunterricht-Literatur. Berlin 1979,

Ebert, G./Penka, R.: Schauspielen. Berlin (Ost) 1981

Eggert, H.: Literarische Rollenspiele. In: DU 4/80 S. 80 ff.

Eggert, H.E /Rutschky, M . (Hrsg.): Literarisches Rollenspiel in der Schule. Heidelberg: Quelle & Meyer 1978

Esser, Josef: Unterrichtsideen Drama in den Klassen 7-10. Stuttgart: Klett 2001

Fischer, D. u.a.: Spiele - Hörspiele. Hannover: Schroedel 1970

ders., Spiele - Fernsehspiele. ebd.

Gierlich, Heinz: Drama: Individuum und Verantwortung. Berlin: Cornelsen 2002

Göbel, K.(Hrsg.): Das Drama in der Sekundarstufe. Kronberg 1977

Klewitz/Nickel: Kindertheater und Interaktionspädagogik. Stgt. 1972

Lermen, B.H.: Das traditionelle und neue Hörspiel im Deutschunterricht. 1983 (UTB 506)

Müller, H.: Dramatische Werke im Deutschunterricht. Stgt. 1971

Popp, H.: Strukturelemente des Dramas. Mn. 1980

Renk, H.-E.: Dramatische Texte im Unterricht. Stgt.: Klett

Rinsum , A.u.W.van: Interpretationen - Drama. Mn. 1978

Schau, Albrecht: Szenisches Interpretieren. Stuttgart: Klett

Schuster, K.: Drama - Theater - Kommunikation. Bamberg: Buchners

Spittler, H.: Struktur dramatischer Texte. Bamberg: Buchners

Stankewitz: Szenisches Spiel als Lernsituation. Mn. 1977

Steinbach, D. (Hg.): Dramen in ihrer Epoche. Stuttgart: Klett

Drama der Gegenwart. Themenheft DU 3/84

Zeitgenössisches Theater. Themenheft. Mitteilgg. d. dt. Germanistenverbandes 3/2001

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