Günther Einecke                            Phasierung im Literaturunterricht

 

Fachdidaktische Konzepte für einen Reihenaufbau - für einen Stundenverlauf

 

1 Von der Rezeption zur Analyse und Interpretation (Heinz Hillmann)

 

1. Phase:

Projektion ist ein notwendiges und unvermeidbares Moment des Textverstehens. Sie darf deshalb nicht etwa unterdrückt werden (z.B. durch ,,objektivistische" Verfahren), sondern muß im Gegenteil provoziert und auf die Spitze getrieben werden. (Das gilt auch für Texte der Vergangenheit, die auf diese Weise kraß enthisto­risiert werden!)

2. Phase:

Die so entstehende Diskrepanz zwischen der intentionalen Bedeutung des Textes und der deutlich ausfor­mulierten individuellen Aktualisierung, die interpretatorische Differenz - wie ich das nennen möchte - wird fruchtbar gemacht. Die unbewußt zur Entscheidung gekommene Subjektivität wird dem Leser jetzt bewußt gemacht, indem sie dem Text selbst bzw. einer 2.-n. Aktualisierung gegenübergestellt wird, wobei auch die intentionale Bedeutung des Textes greifbar wird. Dabei sind jetzt "objektivistische", nach bestimmten Re­geln ablaufende Verfahren brauchbar und notwendig.

3. Phase:

Der bis hierhin getriebene Prozeß wird explizit gemacht, d. h. der durchgemachte Lernvorgang wird auf die ursprüngliche Vorverständnisstruktur und die soziale Situation, aus der sie hervorging, zurückbezogen. Es wird in einer Art Simulation von Praxis gefragt, ob der Leser mit den vom Text angebotenen Denk- und Verhaltensalternativen etwas anfangen könnte.

      [Hillmann, Heinz: Rezeption - empirisch. In: Dehn, Wilhelm (Hrsg.): Ästhetische Erfahrung und literari­sches Leben. Frankfurt: Fischer-Athenäum 1974, 177 f.- kursiv von mir]

 

2 Der historisch-kritische Lernweg (Dietrich Steinbach)

                                                        

grundsätzlich:

Ziel: die literarischen (sozial-ästhetischen) Phänomene als Vermittlungsmomente des sozialen und ästhetischen Geschichtsprozesses auffassen.

In den bisherigen Untersuchungen haben sich deutlich drei methodische Operationen (Schritte) des litera­turanalytischen, d.h. des rezeptiven ästhetischen Erkenntnisprozesses herausgestellt, die zugleich auf die Operationalisierung der in ihnen implizierten Ziele hinweisen (natürlich ist immer zu bedenken, daß diese Operationen als Stufen der Erkenntnisentwicklung prozeßhaft ineinandergreifen):

1. Empirische Text-Feststellung: Erfassen des Textes in seiner (scheinbaren) Phänomenalität ersten Grades

[die Gegebenheiten, das Faktische feststellen - genaue Anschauung];

2. Historisch-kritische Text-Analyse: Erfassen des Textes in seiner (realen) Phänomenalität zweiten Grades

a) Vermittlung [des literarische Einzelphänomens] mit dem gesellschaftlichen Geschichtsprozeß

b) Vermittlung mit dem sozialen Geschichtsprozeß

c) Vermittlung mit dem Geschichtsprozeß der Überlieferung

3. Text-Destruktion: Eingreifen in den Text vom Standpunkt der Gegenwart aus, d. h. Erfassen des Textes in seiner (real möglichen) objektiven Antizipation und Konkordanz mit dem Bewußtsein der Gegenwart.

[Vermittlung von Objekt-Reflexion und Selbstreflexion]

 

didaktisch:

A) Motivation und vorläufige Text-Destruktion [mit partikularem Erkenntnisinteresse]

B) Empirische Text-Feststellung

C) Historisch-kritische Text-Analyse

D) Text-Destruktion

[Steinbach, Dietrich: Die historisch-kritische Sozialtheorie der Literatur. Stuttgart: Klett 1977 (1973)]

 

3 Von der Konkretisation zur Interpretation  (Harald Frommer)

 

prinzipielle Unterscheidung:

Konkretisation

Interpretation

Vorstellungstätigkeit

Verstrickung in den Text

 

Text als "Partner"

Interaktion mit dem Text

subjektive Unverbindlichkeit

 

Privatcharakter

Beliebiges Herausgreifen eines einzelnen Anhalts­punktes

 

Erweiterung des Textes

 

Appellstruktur > Ausschnittverdeutlichung

Reflexion

Distanz zum Text

 

Text als Gegenstand

Diskurs über den Text

,,intersubjektiver" Geltungsanspruch

 

Öffentlichkeit

Verantwortung gegenüber dem Text als Ganzes, Verankerung des Textes in einem Bezugsrahmen

 

Reduktion durch Abstraktion

 

 

 

didaktisiert im Ablauf:

 

1.

2.

3.

    Textergänzungen

    Betroffenheit - die eigene Lesart

    Veröffentlichung der Konkre­tisationen:

    Leseprotokolle

    innerer Monolog

    literar. Rollenspiel

    schematisierte Ansichten

 

    Gegenüberstellung verschie­dener Lesarten

    Störfälle

    Unbestimmtheitsstellen

    Spiegelung des erreichten Verstehens durch den Lehrer

    Impulse zum Weitersuchen

    Aufwerfen von Fragen

 

    Rückfragen an den Text

    Untersuchung

    Analyse und Interpretation

 

 

[Frommer, Harald : Lesen im Unterricht. Hannover: Schroedel 1988, 112]

 

4  Phasen im literarisch-emanzipatorischen Bildungsprozess

 

4.1 Übersicht-Schema zum vierphasigen Standardtyp einer LU-Sequenz (Jürgen Kreft)

 

1. Phase der bornierten Subjektivität - 'textimmanent' 

    Phase der Darbietung des Textes, der (ersten) Begegnung mit ihm, der Verstrickung in ihn;        

    Phase der Motivation, der Assoziation, der Inkubation;

    Phase der Entwicklung eines (ersten) Interpretationsentwurfs.

2. Phase der 'Objektivierung' - wahrheitsbezogen, textbezogen, texttranszendierend

    Phase der korrigierenden Abarbeitung am Text;

    Phase der gegenseitigen Korrektur durch andere Interpreten und Interpretationen;

    Phase der Diskussion; - Hinblick auf das vom Text intendierte Problem, die >Wahrheit<.

3. Phase der Aneignung

    Phase der Rückwendung des Subjekts (des Rezipienten, Interpreten) auf sich selbst;

    Phase der Selbstkorrektur und neuen Selbstinterpretation;

    Phase der bewussten, aber >kontemplativen< Anwendung auf die eigene Situation und Existenz.

4. Phase der Applikation

    Phase der allgemeintheoretischen Applikation (Gesellschaftsanalyse, Geschichtsverständnis, literaturwissenschaftliche

    Bedeutung);

    Phase der praktischen Applikation (auf reale Interaktionskonflikte usw. [Rollenspiel]);

    Phase der Ausarbeitung neuer Fragestellungen (für neue Sequenzen) als Konsequenz.

 

[Kreft, Jürgen: Grundprobleme der Literaturdidaktik. Heidelberg: Quelle & Meyer 1977, 379]

 

4.2 In den Phasen dominierende Leseweisen (Werner Ingendahl)

 

I.     eine wahrnehmende Lektüre, in der Leser versuchen, den mitgeteilten Inhalt des Textes und seine besondere

       Erscheinungsform zur Kenntnis zu nehmen;

II.   eine erarbeitende Lektüre, in der sie die bisher dunkel gebliebenen Aussagen und die besonderen Formmerkmale zu deuten

       versuchen;

III.  eine aneignende Lektüre, in der Leser aus persönlichem Interesse das zu formulieren versuchen, was die Arbeit am Text in

       ihnen selbst bewirkt haben könnte;

IV. eine anwendende Lektüre, in der sie alte und neue 'Fälle' mit Hilfe der Textaussage diskutieren.

 

[Ingendahl, Werner: Umgangsformen. Frankfurt: Diesterweg 1991, 8]

 

4.3 In den Phasen dominierende sprachliche Beobachtungen (Günther Einecke)

 

1) Bei der Textwahrnehmung würde der Leser bestimmte auffällige oder typische sprachliche Darstellungsmittel entdecken.

2) Bei der Texterarbeitung würde der Leser sich einerseits auf die im aktuellen Text besonders auffälligen sprachlichen Mittel, andererseits auf die in der vorliegenden Textsorte stark repräsentierten, natürlich vorkommenden, typischen grammatischen Elemente konzentrieren und ihre Formen und Funktionen analysieren.

3) Beim aneignenden Lesen würde der Leser sich damit auseinandersetzen, welche Rolle die sprachlichen Mittel für sein Verständnis spielen, ob sie ihm gefallen, inwiefern sie seine Sicht der Sprache und sein Wissen von ihr erweitern etc.

4) Bei der anwendenden Lektüre kann der Leser die neuen sprachlichen Einsichten rückwärts und vorwärts verknüpfen, indem er sie mit Vorkenntnissen und früheren grammatischen Problemen verbindet oder indem er für seine weitere Arbeit neue grammatische Fragestellungen und Untersuchungsaufgaben aufwirft oder neue sprachliche Varianten beim eigenen Schreiben erprobt oder indem er sie beim Lesen in weiteren Texten überprüft.

[Einecke, Günther: Unterrichtsideen Textanalyse und Grammatik. Vorschläge für den integrierten Gramma­tikunterricht.

Klett: Stuttgart 1993 (21995)]

 

5 Phasen im produktionsorientierten Literaturunterricht (Günter Waldmann)

 

Didaktisches Phasenmodell:

 

Vorphase:  Spielhafte Einstimmung in literarische Texte

1. Phase:  Lesen und Aufnehmen literarischer Texte

2. Phase:  Konkretisierende subjektive Aneignung literarischer Texte

3. Phase:  Textuelles Erarbeiten literarischer Texte

4. Phase: Textüberschreitende Auseinandersetzung mit literarischen Texten

 

[Waldmann, Günter: Produktiver Umgang mit Literatur im Unterricht (Baltmannsweiler 1998)]

 

 

 

Diese Gliederungen und Phasierungsvorschläge beziehen sich sowohl auf die Sequenzplanung wie auch auf die Stundenplanung: In beiden Ebenen spielen sich in hermeneutischer Folge ähnliche Prozesse ab, zum einen auf der Makroebene einer Unterrichtsreihe, zum anderen auf der Mikroebene der Stunde. Die faktische Realisierung wird dann u.a. durch zeitökonomische Fragen, den Vorbereitungsgrad, die Geübtheit des Kurses, die Intention etc. beeinflußt.

 

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