G. Einecke               Probleme der Lese-Rechtschreibschwäche

 

Grundlage: KM-Erlass vom 19.7.91

 

1. Umfang des Problems "LRS": In der Grundschule werden LRS-Schüler ab der 1. Klasse erfasst. Dabei wird deutlich, dass es nur um max. 10% eines Jahrgangs geht. - Nach einer Erhebung der Uni Aachen im 4. Schuljahr sind es sogar nur noch 3,4% (Klauer; Zschr.f.Entw.psych.u.Päd.Psych. 1/92).  -  Von diesen Schülern geht wiederum nur ein geringer Teil aufs Gymnasium. - D.h.: Man kann in Jg. 5 ebenfalls nur mit einer sehr geringen Zahl LRS-Schüler rechnen: z.B. max. 3%, also nicht einmal 1 Schüler bei 30 Kindern in einer Klasse oder 0,75 Schüler bei 25 Schülern einer Klasse.  (Ein amtlicher "Persilschein" für Legastheniker existiert nicht mehr.)  -  Die LRS-Probleme rühren wohl aus Schwierigkeiten beim Erstlese- und -schreib-Lernprozess, speziell aus den Teilschwierigkeiten, Phonemgruppen auditiv und visuell wahrzunehmen und zu unterscheiden sowie Graphemgruppen zuzuordnen. - Die Leseschwäche als Ausgangspunkt für Schreibschwäche ist bei den erfassten LRS-Schülern wichtig; sie können die Repräsentation von Wirklichkeitselementen durch Symbolgruppen beim Eingang in den Kurzzeitspeicher meist nicht ausreichend  bewältigen.

 

2. Allgemeine Rechtschreibschwäche: Alle anderen Schüler mit Rechtschreibproblemen sind nicht dieser speziellen Gruppe zuzurechnen. Für ihre Fehler gibt es verschiedene Ursachen:

 

a) Unzureichende Anpassung des Rechtschreibprogramms im 5. Schuljahr an die Eingangsvoraussetzung: "1000 Wörter Grundwortschatz trainiert". Gezielte Erweiterung am Gymnasium wäre nötig; dazu benötigt man die Listen mit dem Grundwortschatz der verschiedenen Zubringer-Grundschulen! Auf ihnen wäre aufzubauen. Neue Anforderungen wären erstmals einzuführen, z.B. Nominalisierung von Verben, Unterscheidung von "das-dass" etc. Die Fachkonferenz Deutsch hat dazu für die Orientierungsstufe Entscheidungen zu treffen.

 

b) Unspezifisches Training: Der RS-Unterricht wäre nicht nur mit Diktaten und Übungsblättern, also schriftlich zu gestalten, sondern deutlich mit auditiver Diskrimination von Phonemgruppen, kombiniert mit semantischer und grammatischer Analyse: funktionaler RS-Unterricht, der den Bedeutungswechsel bei Phonem-/Graphemwechsel analytisch angeht und thematisiert (Ei - Eis - Eid; Lied - Leid; Wind - winden - gewunden / Wunde - verwunden / Wunder - sich wundern; essen - zum Essen).

 

c) Allgemeine Angstreaktion durch den Schulwechsel: Sie wäre durch eine zugewandte, motivierende, bestätigende Lehrerreaktion aufzufangen: positive Lernatmosphäre.

 

d) Allmählich zurückgehendes Lernverhalten und Üben: Dies ist oft dadurch bedingt, dass manche Schüler das Entlassen-Werden in den "Freiraum größerer Selbständigkeit" am Gymnasium beim Lernen nicht schaffen: in der Grundschule von wenigen Lehrerinnen direkter, individueller, auch mehr kontrollierend und nachhaltend betreut - dagegen am Gymnasium doch stärker mit der Erwartung nach Selbstorganisation und selbständigem Lernen sowie mit geringerer Kontrolle (aller schriftlichen Produkte) und mit geringerer methodischer Führung konfrontiert. - Am Gymnasium wären evtl. die Schülerprodukte regelmäßiger durchzusehen.

 

e) Überforderungssyndrom aufgrund falscher Schulwahl beim Wechsel auf das Gymnasium: Besonders in den Fällen mit insgesamt schwachem Notenbild müsste dies untersucht werden. Die Überforderung zeigt sich dann erst recht in einer Verunsicherung einer schon halbwegs gelungenen Rechtschreibung. Ursache für die Ausbreitung der allgemeinen Überforderung: Verstärkter Zugang von Schülern zum Gymnasium mit geringer häuslicher Bildungsorientierung, aber hohen Abschlussansprüchen, konkret: mit hohem Fernseh- und Videokonsum und zugleich geringem Lese- und Schreibkontakt. Ebenso mehren sich die Fälle von Schülern mit geringeren Lernvoraussetzungen, die trotz eines "vielleicht" oder "nicht geeignet" im Grundschulgutachten das Gymnasium wählen. Dabei muss man wissen, dass die Grundschullehrerinnen unter hohem Druck durch die Eltern stehen und dass ein "vielleicht geeignet" schon ein Warnhinweis ist. Da inzwischen die Mehrheit eines Grundschuljahrgangs zum Gymnasium will (in Bergheim 1992 z.B. 46% der Eltern von Grundschülern mit dem Ziel Abitur für ihr Kind), muss die Beobachtungs- und Zeugniskonferenz frühzeitig im 5. Schuljahr eine deutlichere Laufbahnberatung ggf. mit dem Ziel einer Korrektur der Schulwahl in Einzelfällen angehen; im 6. Schuljahr muss sie endlich tatsächlich Entscheidungen für das Ende der Erprobungs-/ Orientierungsstufe treffen. Dabei muss deutlich sein, ob eine allgemeine Leistungsschwäche vorliegt oder nur ein Versagen in der Rechtschreibung oder eine spezielle LRS. Das müsste frühzeitig vor der letzten Zeugniskonferenz diskutiert werden.

 

3. Bewertung der Rechtschreibleistungen: Für die allgemeine Rechtschreibschwäche gibt keine besondere Erlassregelung für die Benotung. Nur bei den am Gymnasium äußerst wenigen festgestellten LRS-Schülern (s.o.) nimmt der Erlass die RS-Note aus der Note für die schriftliche Leistung heraus.

 

4. Therapie: Die wenigen tatsächlichen LRS-Schüler müssten eine zusätzliche Fördermaßnahme erhalten, wenn es die verfügbare Lehrerpauschale zuließe. Dabei hat eine Gruppengröße über 4 Schüler keinen Sinn, und für jeden Schüler wäre noch ein individuelles Lernprogramm zu erstellen. - Die allgemeine Rechtschreibschwäche ist bis zu einem gewissen Grad im normalen Deutschunterricht anzugehen. Rechtschreibunsicherheit baut sich andererseits bei vielen Schülern in den weiteren Jahrgängen ab.