Textüberarbeitung - sprachaufmerksame Textrevision / SII  (G. Einecke, 2001)

 

„Halt, mein Text ist noch nicht fertig, ich muss ihn noch überarbeiten...“

 

Der Schreibprozess:

► Textplanung (Aufgabenstellung, Situation und Schreibintention, mind-map, Gliederung, Textsorte,

     angemessener Stil...) 

► Textniederschrift (großzügig, mit Platz zum Überarbeiten)  

Textüberarbei­tung

► Textreinschrift

 

Die Textüberarbei­tung - unmittelbar während des Schreibens oder gezielt in zeitlichem Abstand:

         Korrekturen - Nachträge (sprachliche Normen: Rechtschreibung, Zeichensetzung, Grammatik)

         Verbesserungen (vor allem inhaltlicher und stilistischer Art: Ausdrucksmängel, Wortwahl...)

         Umsetzungen (Änderungen in der Textorganisation, Gliederung, Absätze...)

         Reformulierungen (neue Ausformulierung ganzer Teile)

 

Überarbeitungshinsichten:

 

Die ESAU-Regel:

ERGÄNZEN

         wo eine Lücke auffällt, ein Wort, ein Satz, ein Abschnitt, ein Gedanke fehlt

STREICHEN

         wo etwas überflüssig erscheint

AUSTAUSCHEN

         wo ein Wort, Ausdruck, Satz, Textteil, Gedanke nicht passt - umformulieren

UMSTELLEN

         wo die Reihenfolge der Satzglieder, Gliedsätze, Sätze, Gedanken oder  Textabschnitte unstimmig ist

 

Die vier Verständlichmacher (nach: Schulz von Thun):

1. EINFACHHEIT  - Gegensatz: Kompliziertheit

2. GLIEDERUNG   - Gegensatz: Unordnung

3. PRÄGNANZ       - Gegensatz: Weitschweifigkeit

4. STIMULANZ     - Gegensatz: keine zusätzlichen Reize

 

Gegen die darstellungsbedingte Schwerverständlichkeit kann man im Prüfgang gezielt angehen:

 

1. Einfachheit: kurze, anschauliche Sätze - weniger Nebensätze, Partizipien und Attribute - weniger Pas­siv und komplizierte Zeitformen - weniger kompliziert gebilde­te Wörter – geläufige Wörter sind leichter lesbar als komplizierte Sätze und Wörter;

 

2. Gliederung: Texte, die durch äußere Abschnitte, Zwischenüberschriften, Leerzeilen, Nummerierung, Spiegelstriche usw. über­sichtlich gemacht sind - in denen die Aussagen nach Teilthemen geordnet und folge­richtig angeord­net sind - in denen Wesentliches gut hervorgehoben ist - die einen „roten Faden“ erkennen lassen, sind leichter lesbar als unge­ordnete Texte;

 

3. Prägnanz: knapp und genau formulierte Texte - auf das Wesentliche beschränkte Formulierungen – aber auch durch notwendige Einführungen und Wiederholungen des Neuen auf Leser eingestellte Texte mit hin­reichender Redundanz sind leichter lesbar als weitschweifige Texte;

 

4. Stimulanz: Texte, die einen zusätzlichen Leseanreiz bieten - durch bildhafte, konkrete Sprache (z.B. „Stadtpark'“ statt „städtische Grünanlagen“) - durch direkte Rede - durch rhetorische Fragen zum Mitdenken - durch le­bensnahe Beispiele, witzige Formulierungen und Wortspiele, sind leichter lesbar als langweilige, trockene Texte.

 

Formulierungsvarianten - eine Auswahl aus verschiedenen Formulierungsmöglichkeiten tref­fen:

 

z. B. grammatische Varianten bei „Lokalangaben“:

-    Nomen: Wald, Straßenkreuzung

-    adverbiale Bestimmung: sie steht auf dem Platz

-    präpositionales Attribut: das Fenster am Hinterausgang

-    lokale Präpositionen: auf, über, hinter, vor, neben, unter

-    Adverbien: dort, oben

-    Lokalsätze: Wir sehen uns wieder, wo wir uns Dienstag getroffen haben.

-    lokaler Relativsatze: der Tisch, auf dem ein Buch liegt

-    indirekter Fragesatz: Sie weiß nicht, wo ihre Tasche liegt.

 

z.B.: „Passivvarianten“

     „Inas Verhalten wird von keinem verstanden.“

a) man-Form:  Man versteht Inas Verhalten nicht.

b) lassen- + sich + Infinitiv-Form: Inas Verhalten lässt sich nicht verstehen.

c) Verbform von „sein“ + Adjektiv: Inas Verhalten ist keinem verständlich.

d) Verbform von „sein“ + Infinitiv: Inas Verhalten ist nicht zu verstehen.

e) Adverbial: Beim Verstehen von Inas Verhaltens hat man Schwierigkeiten.

g) Infinitiv-Form: Kaum zu verstehen, Inas Verhalten.

i) Imperativ-Form: Versteh einer Inas Verhalten.

 

z.B. „Varianten der Attribuierung“ zur genauen Kennzeichnung von Personen und Sachverhalten:

Adjektivattribut, Genitivattribut, präpositionales Attribut, Relativsatz, Apposition, attributiver Akkusativ (der Besuch nächsten Montag), Attributsatz (die Unsicherheit, ob das gelingt, ...)

 

z.B. „Varianten der Verknüpfung“:

Wort-, Satzglied-, Satz- und Textverknüpfung durch Konjunktionen, Präpositionen, Adverbien, Pronomen, unbestimmte/bestimmte Artikel, explizite Verknüpfungssätze wie „und das kam so...“  etc.

 

z.B. „Satzbau-Varianten“:

Parataxen = Reihung von Hauptsätzen; Hypotaxen = Satzgefüge aus Haupt- und Nebensatz; vorangestellter, eingerahmter oder nachgestellter Nebensatz; Satzglieder in Gliedsätze umformulieren und umgekehrt: „We­gen der viel zu langen und komplizierten Sätze ist der Text nur schwer zu verstehen.“ „Man versteht den Text nur schwer, weil die Sätze so lang und kompliziert sind.“ etc.

 

z.B. semantische Varianten:

-   z.B. Wortfelder: fragen, erforschen, sich erkundigen... -

-   Wortfamilien-Elemente: fragen, erfragen, nachfragen, befragen...

-   Varianten der Sprachhandlungen: z.B. die Sprachhandlung „auffordern“ mit den Abstufungen nach Di­rektheit oder Intensität: auffordern, befehlen, fordern, verlangen, bitten, erbeten, flehen, betteln, ...

 

Die rhetorische Gestaltung durch verschiedene Formen der Ordnung und Umordnung oder (bes. bei appellativen, kritischen oder künstlerischen Textsorten) der bewussten Abweichung vom Normalen:

-     Figuren der Umordnung: Inversion - Chiasmus - Parallelismus

-     Figuren der Hinzufügung / Wiederholung: Alliteration - Anapher - Assonanz - Etymologische Figur - Klimax - Oxymoron - Paradoxon - Paro­nomasie - Pleonasmus - Polysyndeton - Tautologie - Zeugma

-     Figuren der Wegnahme von Wörtern: Aposiopese - Asyndeton - Ellipse

-     Figuren der Ersetzung (Tropen): Allegorie - Euphemismus - Hyperbel - Ironie - Litotes - Metapher - Metonymie - Personifikation - Synekdoche

 

Sprachliche Varianten im Kontext erproben, bis die der Intention entsprechende gefunden ist. Die Nut­zung von Varianten zeigt als Effekte bei der Textproduktion gesteigerte Korrektheit, Sachangemessenheit, Präzision u.a.m. und erzeugt so höhere Verständlichkeit und Wirkung.

 

Zentral ist das Schreibprinzip: Eine sprachliche Formulierungsaufgabe lässt mehrere Lösungen zu!

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Aufgabe nach dem Schreiben:

 

1.     selbst die eigenen Formulierungen im Text beobachten - nach Schreibnormen (Rechtschreibung, Grammatik, Interpunktion) überarbeiten und mit der ESAU-Regel Formulierungsvarianten erpro­ben

2.     die eigene Endfassung dem Nachbarn zum Korrekturlesen geben - dieser gibt mit Markierungen  am Rand und ggf. schriftlichen oder mündlichen Kommentaren Hinweise zu Fehlern, Mängeln, schwer ver­ständlichen Stellen etc. - weitere gemeinsame Überarbeitung unter Besprechung der markierten Stellen

3.     abschließende gemeinsame Bewertung der überarbeiteten Textteile:    Ist die neue Variante...

 

präziser oder allgemeiner

konkreter oder abstrakter

expliziter oder nur andeutend

sachlicher oder emotionaler

genauer oder ungenauer

klarer oder verschlüsselter

direkter oder indirekter

natürlicher oder künstlicher

einfacher oder komplizierter

ausführlicher oder knapper

besser verknüpft oder weniger gut

altertümlicher oder moderner ?

 

Verbesserung und Verschlimmbesserung unterscheiden!

 

 

(s. Tausch, von Thun, W. Schneider u.a.)

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