Filmanalyse

   Beispielanalyse

 

Für den Anfang kann man ein simpel gestricktes Beispiel wählen, dessen offensichtliche Gestaltungsprinzipien jedem einleuchten: 'Rocky IV' (von und mit Sylvester Stallone) hat eine klare ('primitive') gut - böse Handlung, die mit dem Vorschlaghammer jedem Zuschauer demonstriert, wie gut und edel der amerikanische Boxer Rocky ist und wie hinterhältig, böse und verabscheuenwert sein (damals noch) sowjetischer Gegner Drago (what a name...) dagegen aussieht. Ein gestalterischer Höhepunkt des Kalten-Kriegsdramas ist die Montagesequenz, die zeigt, wie die beiden Boxer für den großen Finalkampf trainieren.

Eine gelungen Analyse muß sich der offensichtlich polemischen Absicht der Sequenz durch genau beschreibbare (--> nachvollziehbare!) Fakten nähern. Die Analyse soll die Verzahnung von inhaltlichen-, technischen- und Wirkungsaspekten hervorheben.

Es handelt sich um einen Text, der alle, von Mediengestalten während einer einstündigen Klausur gemachten Beobachtungen zusammenfasst.

Die blau unterlegten Begriffe betreffen die Gestaltung durch filmische Mittel ('Technik'), die rot unterlegten Passagen verweisen auf die Wirkung bzw. den erreichten Effekt.

 

Rocky IV

(Rocky IV - Der Kampf des Jahrhunderts)

USA 1985

Regie: Sylvester Stallone

Die Montage zeigt, wie die beiden Boxer sich auf den entscheidenden Kampf vorbereiten. Im cross-cutting-Verfahren wird ständig zwischen Rocky und Drago hin- und hergeschnitten, so daß eine Parallelmontage vorliegt. Dabei wird weniger eine chronologisch eindeutige Handlung vorangetrieben, als vielmehr allgemein das sehr unterschiedliche Training der Kontrahenten beschrieben. Es handelt sich also eher um eine beschreibende Montagesequenz. (Der einzige Hinweis auf einen zeitlich-chronologischen Ablauf ist der Bart, der Rocky am Ende der Sequenz gewachsen ist...)

Besonders auffällig ist, wie unterschiedlich die parallel montierten Trainingsbeschreibungen inhaltlich und gestalterisch aussehen. Miteinander verbunden werden sie durch eine musikalische Klammer und verschiedene match cuts, die sie in Beziehung zueinander setzen. Die Kameraarbeit in diesem Ausschnitt ist fast durchgängig von Bewegungen im Bild motiviert, die wenigen Ranfahrten dienen jeweils der Betonung des zentralen Bildinhalts, erzählerisch eigenständige Kamerabewegungen finden nicht statt.

Die Rocky-Trainingsbilder zeigen den Boxer meistens in landschaftlicher Umgebung - er trainiert in einer Winterlandschaft (--> Naturbursche), was ihm Gelegenheit gibt, nützliche und gute Dinge mit seinem Trainingsprogramm zu verbinden. Zum Beispiel hilft er einem steckengebliebenden Pferdewagen wieder auf die Strecke oder er entrümpelt eine Hütte (?) von schweren Steinen. Dadurch ist er gleichzeitig als guter, freundlicher und hilfsbereiter Mensch charakterisiert. Die Szenen im Schnee sind sehr hell gehalten, wenn er innen trainiert, ist die Beleuchtung warm (durch Kaminfeuer) und die Farbstimmung freundlich (Holz, natürliche Bauweise der Hütte).

Die parallel montierten Drago-Szenen dagegen sind in vielerlei Hinsicht - formal und inhaltlich - das genaue Gegenstück zu den Rocky-Szenen. Drago trainiert ausschließlich in der Halle, durch die mehrfach eingeschnittenen Groß- und Detailaufnahmen von verschiedenen Meßgeräten mit Zeigern und Leuchtanzeigen hat man sogar den Eindruck, Drago arbeite in einem Labor. Dafür sprechen auch die vielen Beobachter (‘Sportmediziner’), die jeden seiner Trainingsabläufe begleiten, vermessen und kritisch überwachen. Groß- und Nahaufnahmen (mehrfach auch untersichtig) von stets ernst dreinblickenden Gesichtern ergeben den Eindruck eines Retortensportlers, der mit ständiger technischer Kontrolle von anderen getrimmt wird.

Rocky scheint aus eigener Motivation zu trainieren. Er schindet sich beim Schlittenziehen (parallel geschnitten zu einer Drago-Übung in einer ähnlichen Maschine), er kämpft offensichtlich sehr individuell (--> amerikanischer Wert) während hinter Drago (auch sehr bildlich) ein ganzes System steht. Farblich ist die Drago-Szenerie eher dunkelrot gehalten (nicht warm, eher ‘teuflisch’ oder ‘kommunistisch’), alles in allem erscheinen die Bilder low key (Assoziation: unterirdisch, ‘geheime Staatsaktion’). Gegen die High Key-Atmosphäre der Rocky-Szenen steht hier die Low Key-Ausleuchtung, die eine eher negative Stimmung beim Betachter auslöst. Außerdem ist in jeder Drago-Einstellung ein den Zuschauer blendendes, also unangenehmes Gegenlicht zu sehen.

Die Unterschiedlichkeit der beiden Trainingsabläufe wird durch verschiedene motivische match cuts besonders deutlich: während Drago beispielsweise bei einem Trainingskampf einen anonymen Gegner sehr brutal niederschlägt (die Tonspur betont die Schläge), fällt Rocky im gleichen Rhythmus mit voller Wucht einen riesigen Baum. Gegner und Baum fallen parallel montiert.

Andere match cuts betonen ebenfalls die Ähnlichkeit der Trainingsabläufe (mit dem ständigen Unterschied, daß Rocky ‘natürliche’ Dinge tut, während Drago total technisch-fremdbestimmt wirkt).  Z.B.: Schlitten ziehen vs. Maschine mit gleichem Effekt ; Rockys Dauerlauf (Totale Landschaft: Rocky dunkel, Landschaft weiß) vs. Dragos Dauerlauf (Totale Halle: Drago hell, Umgebung dunkel) --> Kontrast.

Die Tonspur weist neben der (sehr monoton wirkenden) Musik vor allem Geräusche auf, die die Anstrengung der beiden Boxer betonen: Ächzen, Stöhnen, Keuchen, ebenso hebt der Ton deren agressiven Aktivitäten hervor: Hauen, Schlagen, Hacken etc. Gesprochen wird in dieser Sequenz überhaupt nicht.

Durch die krasse Gegenüberstellung in der Montage werden die völlig verschiedenen Charaktere und Systeme stark betont. Durch die augenfälligen Kontraste wird schnell deutlich, daß hier nicht einfach zwei Trainingsmethoden vorgestellt werden, sondern daß Weltanschauungen konfrontiert werden. In den Drago-Einstellungen ist mehrfach die Sowjet-Flagge zu sehen, die diesen Aspekt noch betont. Die Funktionäre verziehen keine Miene, wenn sie Drago beobachten oder seine Leistungen ablesen, während die einzige Großaufnahme von Rockys Trainer ein zufrieden-bewunderndes Lächeln zeigt.

Insgesamt ist die Sequenz sehr schnell geschnitten, sie steigert sich während der Schlag/Baumfäller-Parallele ins Stakkato (Schlag für Schlag ein Schnitt) ist aber ansonsten am Ende nicht schneller als zu Beginn.

Für den Zuschauer ist es aufgrund der gezeigten Szenen nicht deutlich, wer nun der stärkere ist (Dragos sehr muskulöses Bein wird beunruhigend groß  bzw. im Detail gezeigt und betont dessen Kraft und Perfektion noch). Wer der sympathischere ist (sein soll...) ist aber schnell deutlich: gegen den Maschinenmenschen Drago kann Rocky, der Naturbursche, nur gewinnen!

                  copyright: Werner Kamp, 1999

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                                           Glossar

Akustische Klammer
Eine Montagesequenz aus disparaten Bildern erscheint mit Hilfe des Tons (durch Musik oder Dialog) als zusammengehörig

Assoziationsmontage (auch Kollisionsmontage oder Attraktionsmontage),
Bezeichnung für einen dialektischen Schnitt: zwei disparate Bilder erzeugen eine bestimmte Aussage

Back light (Hintergrund-/Raumlicht)
trennt Personen und Objekte vom Hintergrund

Block Buster
Kassenknüller

Cliffhanger
Erzählmuster, bei dem die Handlung auf einem dramatischen Höhepunkt abbricht, um erst in der nächsten Episode einer Serie aufgelöst zu werden.

Colorierung
Bild für Bild-Einfärbung, entweder mit der Hand oder per Schablone (Stummfilm)

Continuity System auch: Hollywood-Stil, unsichtbarer Schnitt oder klassisches Erzählmuster:
die konventionalisierte Einstellungsfolge, die dem Zuschauer ein möglichst ungestörtes Filmerlebnis verschaffen soll. Sämtliche technischen Aspekte sollen zugunsten des Inhalts vollständig in den Hintergrund treten.

Credits
Darsteller- und Stabangaben

Cross cutting
Hin- und Herschneiden zwischen zwei oder mehreren Filmstreifen, Schnittechnik bei der Parallelmontage

Cut away
Zwischenschnitt, der von der eigentlichen Handlung kurzfristig wegführt (z.B. motiviert durch den Blick einer Person)

Cut in
im Continuity-Muster der Schnitt, der nach dem Master Shot näher an die Handlungsträger heranführt

Director´s Cut
Vom Regisseur gefertigte Schnittfassung, die evtl. von der Produktionsgesellschaft nochmals bearbeitet wird (final cut)

Dolly
allgemein: Kamerawagen; Fahrstativ mit Platz für den Kameramann und Assistenten

Einstellung
ein kontinuierlich belichtetes Stück Film, begrenzt durch einen Schnitt

Ellipse
Auslassung von Handlungselementen, die für das Verständnis nicht wesentlich sind

Establishing shot
Die erste Einstellung zu Beginn eines Films oder eines neuen Handlungsabschnitts

Fill light
Seiten-/Aufhellicht, reduziert die durch das key light entstehenden Objektschatten

Final Cut
Endschnitt eines Films, unterscheidet sich evtl. vom director´s cut

Footage
Film-/Bildmaterial (stock footage: Archivmaterial)

Frame
Einzelbild

Froschperspektive
Extreme Untersicht

High key
Beleuchtungsstil, der eine Szenerie übermäßig hell erscheinen läßt

Jump cut
sprunghafter Schnitteffekt, der entsteht, wenn aus einer kontinuierlich aufgenommenen Einstellung Teile herausgeschnitten werden

Key light (Haupt-/Führungslicht)
bestimmt die Beleuchtung einer Szene

Lavendelkopie (auch Nullkopie),
endgültige Filmkopie, von der wiederum die Kopien für den Kinoeinsatz gezogen werden

Low Budget
Filme, die mit geringem finanziellen Aufwand gedreht werden

Low key
Beleuchtungsstil, der die Schattenpartien einer Szene betont

Master shot
Die erste Einstellung zu Beginn einer Szene oder Sequenz

Match cut
Einstellungsfolge, die zwei Bilder miteinander verbindet, indem gleiche oder ähnliche Elemente in ihnen vorhanden sind (Bewegungen, Formen)

Mindscreen
Durch die Kombination von Bildaufbau und Erzählinhalt wird deutlich, daß die Bilder auf der Leinwand die Visualisierung des Bewußtseins einer Figur wiedergeben.

Mise en scène
Französischer, aus der Theaterarbeit entlehnter Ausdruck für die Komposition eines Filmbildes (Bildgestaltung)

Normalsicht
Kameraperspektive in der Augenhöhe des Protagonisten

Normalstil
Beleuchtungsstil, der die natürliche Lichtwahrnehmung imitiert

Ober-/Aufsicht
Kameraperspektive aus einer höheren Position als der Normalsicht

Over the shoulder-shot
Konvention im Continuity-Stil: Bei einer Unterhaltung wird Person A ‘über die Schulter’ von Person B aufgenommen, so daß Person B am Bildrand im Vordergrund z.B. im Profil sichtbar ist.

Parallelmontage
Zwei oder mehrere Handlungen werden mit Hilfe des cross cuttings so aneinandergeschnitten, das sie Gleichzeitigkeit suggerieren.

Plansequenz
Eine lange Einstellung, in der die Kamera komplizierte Bewegungen ausführt.

Plot
die Elemente der erzählten Geschichte, wie sie im Film tatsächlich vorkommen (vgl. ‘Story’)

Point of view-shot
kurze Einstellungen aus der subjektiven Perspektive

Reflektorfigur
Der Charakter in der Filmhandlung, dem der Zuschauer an die Seite gestellt ist: der Zuschauer erhält stets die gleichen Informationen wie die Reflektorfigur und erlebt mit ihr die Ereignisse.

Rohschnitt
Erste Auswahl des gedrehten Filmmaterials

Schuß-Gegenschuß
konventionelle Form der filmischen Auflösung z.B. eines Gesprächs zweier Personen: die Beteiligten werden abwechselnd im Bild gezeigt

Sequence shot
engl. für Plansequenz

Sequenz/Segment
Kapitel eines Films, durch Orts- und/oder Zeitwechsel motiviert

Set
Drehort

Split screen
Geteilte Leinwand, zwei oder mehrere Handlungen werden gleichzeitig auf der Leinwand gezeigt (im Unterschied zur Parallelmontage)

Steadicam
Gefedertes Kameragerüst, das verwacklungsfreie Bewegungen durch den Raum ermöglicht

Story
die Geschichte des Films, die sich der Zuschauer aus den Informationen der Handlung erschließt, indem er diese vervollständigt

Szene
Handlungssegment eines Spielfilms, das durch die Einheit von Zeit und Ort gekennzeichnet ist

Take
Einstellung

Untersicht
Kameraperspektive aus einer niedrigeren Position als der Normalsicht

Viragierung
Gleichmäßiges Einfärben der Negativstreifen (Stummfilm)

Vogelperspektive
Extreme Ober-/Aufsicht

Voice Over
Erzählstimme, die den Bildern des Films unterlegt ist

Wide screen
Breitwand

Zoom
Durch die Veränderung der Brennweite am Kameraobjektiv wird eine Hin- oder Rückfahrt imitiert. Ein Zoom verzeichnet jedoch die tatsächlichen Größenverhältnisse

http://www.werner.kamp.com/Glossar.htm