Beispiele zu: Perspektivische Sicht der Realität in Medien

 

Freitag 12      -   12. März 2004  -  http://www.freitag.de/2004/12/04120801.php

Charlotte Wiedemann

Die gerahmte Welt

AUSLANDSBERICHTERSTATTUNG IM ZEITALTER GLOBALER MEDIEN*Wir sind Blinde, sobald wir unseren vertrauen Kulturkreis verlassen

Ferne Länder sind wie Erzählungen. Es ist schwer, aus einer solchen Erzählung auszubrechen, wenn sie sich erst einmal festgesetzt hat, wenn sie durch vielfaches Wiederholen rund geschliffen worden ist zu einem handlichen Stück Gebrauchs-Wahrheit. Will ein Korrespondent die Erzählung eigenmächtig ändern, dann reagieren die Redakteure in der Zentrale so entrüstet wie Kinder, denen plötzlich eine veränderte Fassung ihres Lieblingsmärchens erzählt wird. Indonesien hatte lange Zeit nur eine Pointe: Wann zerbricht das Inselreich? Die Annahme, es zerbräche nicht, verriet Leichtfertigkeit oder schlimmer: Unkenntnis. Die Pointe konnte nur verdrängt werden durch eine andere, noch stärkere Pointe: Wird Indonesien islamistisch? Falls der Terrorismus je aufhören sollte, die Perspektive unserer Weltsicht zu bestimmen, wird gewiss das Zerbrechen des Inselreichs erneut ein drängendes Thema.

Framing nennen Medienwissenschaftler diesen Mechanismus: Journalisten beschreiben die Realität innerhalb eines Rahmens, der sich im Laufe der Zeit eher unbewusst etabliert hat. Das Bild innerhalb des Rahmens ist nicht falsch im engen Sinn des Wortes, auch nicht gefälscht, aber es wirkt verfälschend, weil es nur eine sehr verengte Perspektive auf die Realität erlaubt. Und das Fatale ist: Wir, die Mediennutzer, bemerken es nicht. Auch wenn wir uns für gebildet und kritisch halten. Der ständigen Wiederholung und der Macht der Bilder kann sich niemand entziehen. Ein Fernsehzuschauer, der aus Pakistan nur Fäuste schüttelnde, bärtige Männer zu sehen bekommt, hält dieses Land naturgemäß für intolerant und bedrohlich. Er weiß nicht, dass jedem Trupp bärtiger Männer ein Trupp Kameramänner auf den Fersen ist. Als die Amerikaner im Irak Saddam Hussein in seinem Erdloch gefangen nahmen, brach in Bagdad helle Begeisterung aus, wer eine Waffe hatte, schoss in die Luft vor Freude. So sah es jedenfalls bei BBC aus; stundenlang, in jedem Nachrichtenblock, wurde gefeiert und geschossen. Eine deutsche Kollegin vor Ort fuhr mit dem Wagen durch Bagdad, suchte die Feiernden und fand so gut wie keine. Die BBC-Bilder zeigten nur die Reaktion eines kleinen Segments der irakischen Gesellschaft.

Oft sind sich die Journalisten des Framing selbst gar nicht bewusst. Im Kreislauf der sich selbst bestätigenden Gebrauchswahrheiten sind sie sowohl Treiber als auch Getriebene, Täter wie Opfer. Aufgrund der Umsatzgeschwindigkeit und des Umsatzvolumens von Nachrichten ist auch der Korrespondent vor Ort in großem Maße ein Medienkonsument auf dem Gebiet, wo er oder sie eigentlich Produzent ist.

Zeit ist ein seltener Luxus in der Auslandsberichterstattung - und ein Luxus ist auch, so seltsam es klingt, das Reisen. Viele Korrespondenten verbringen die meiste Zeit am Computer ihres Büros, sie müssen sich ständig bereithalten, sich auf dem Laufenden halten, so erfordert es die globale Hetzjagd der Nachrichten rund um den Globus. Die sekündlich aktualisierte, weltweit abrufbare Berichterstattung ist wie ein reißender Fluss, in dessen Mitte der Korrespondent auf einem winzigen Floß exklusiven Wissens hockt - und kämpft, nicht unterzugehen. Die Region, für die ein Korrespondent zuständig ist, einst niedlich "Beritt" genannt, wird zugleich immer größer, eine Folge des Zwangs zum Sparen in vielen Redaktionen - weshalb auch der Etat für Recherche-Reisen schrumpft. Zusammengefasst: Es wird immer schneller über immer mehr berichtet, was immer weniger Berichterstatter mit eigenen Augen gesehen haben.

Von Bangkok aus die Geschehnisse in Afghanistan vermelden, von Delhi aus die Motive der Freischärler in den südlichen Philippinen analysieren, das ist längst kein Notbehelf mehr, sondern oftmals Alltag.

Wenn indes an den Schauplätzen jener Krisen und Kriege, die als vorrangig gelten, tatsächlich Hunderte oder Tausende Berichterstatter vor Ort sind, geschieht etwas Erstaunliches: Die Konkurrenz führt in der Regel nicht zur Vielfalt, sondern im Gegenteil zur Einfalt. Beim Kampf der vielen um die knappen Bildmotive und die kargen Informationen wird framing zum Überlebensprinzip. Wer will den zögerlichen Zeugen interviewen, die friedlichen Demonstranten filmen, wenn die Kollegen daheim in der Zentrale schon den Brandgeruch in der Nase haben? Bloß einen Konflikt nicht verharmlosen, im Zweifelsfall lieber dramatisieren, damit ist man auf der sicheren Seite. So treibt die Konkurrenz das Worst-case-Denken voran, schürt später Paranoia beim Zuschauer. Jeder muss die Fäuste schüttelnden Bärtigen im Kasten haben - und die genießen das natürlich. Die Machos aller Länder straffen sich vor den Augen der Kameras zu echten Kriegshelden.

Die Vermutung, Gewalt sei das beste Mittel, um Aufmerksamkeit zu erregen, hat sich seit dem 11. September 2001 zur Gewissheit verdichtet. Eine Bombe garantiert den schnellsten Zugang zur Weltöffentlichkeit. Es nur gelinde übertrieben zu sagen, dass wir nur jene Regionen und Konflikte wahrnehmen, die in unser Bewusstsein gebombt werden. Die Bombenleger überschätzen allerdings die Dauer der so errungenen Aufmerksamkeit.

Die Macht der europäischen und amerikanischen Medien und Networks wird als überwältigend empfunden, und wer sich in ihrem Weltbild nicht wiederfindet - wie gegenwärtig viele Muslime -, mag hassen allein aus einem Gefühl der Ohnmacht heraus.

Ins Überdimensionale kann indes auch die Erwartung schießen, der Ohnmacht könne abgeholfen werden. In unserer medienübersättigten Gesellschaft machen wir uns keine Vorstellung, welche Hoffnung das Auftauchen einer westlichen Journalistin auslöst bei Menschen, die in irgendeinem gottverlassenen Winkel für ihre Interessen kämpfen. Dass mein Bericht über ihre drängenden Nöte in einer Redaktion warten wird, bis diese Nöte in die sogenannte "Blattmischung" passen, und sie hernach ein Nanopartikelchen im globalen Strom des rasch Konsumierten und rasch Vergessenen sein werden - wie soll ich das vermitteln, wenn doch meine Hautfarbe, meine guten Schuhe und die Länge meiner Anreise unbestreitbare Indizien von Macht und Einfluss sind?

Internet und Satellitenfernsehen haben die Bedeutung geografischer Entfernung von Grund auf verändert - aber ist unser Wissen von der Welt deshalb größer? Zunächst fällt auf: Distanzen schrumpfen asymmetrisch. Ein Korrespondent "draußen" soll einen ganzen Kontinent im Griff haben, während sich daheim die Abmessungen der Kleingärten keineswegs ändern: Wehe, wenn der Hessen-Reporter in Thüringen wildert!

Dank Internet und Satellitenfernsehen kann ein schreibender Korrespondent, der in Jordanien sitzt, die Folgen eines Erdbebens im Iran so farbig schildern, als wäre er dort. Weinende Angehörige und die Trümmer einer Stadt lassen sich auch vom Fernsehschirm weg beschreiben. Nur: Es sind Informationen aus zweiter Hand, Framing ist unvermeidbar. Eine englischsprachige indische Zeitung zitiert in ihrer Online-Ausgabe einen namenlosen Mann von der Straße zum Kaschmir-Konflikt; es ist ein Rikschafahrer aus Delhi, willkürlich herausgegriffen. Binnen Stunden radelt unser Rikschafahrer durch die Weltpresse, nun das indische Volksempfinden repräsentierend. Es ist in Mode gekommen, Berichten derart eine Als-ob-Authentizität zu verleihen. Die Nähe zum Geschehen muss simuliert werden, das Erkennenlassen der realen Distanz wäre verdächtig.

Das Internet legt auch neue Schienen für die Interpretation fremder Kulturen. Wenn sie online verfügbar ist, kann eine einzige englischsprachige Zeitung das internationale Bild dieses Landes mehr prägen als alle Medien in der Landessprache zusammen genommen. Damit kein Missverständnis aufkommt: Das Internet hat die Möglichkeiten, sich über andere Länder zu informieren, enorm verbessert. Ich habe vier Jahre in Malaysia gelebt, keine vernünftige Zeitung, keine große Bibliothek nahebei; ich hing am Internet wie am Tropf, erkundete die Länder der Region erst online, dann offline. Ich war erstaunt, wie blendend man sich vorbereiten kann mithilfe des Internet - und wie sehr sich die virtuelle von der wirklichen Realität jedes Mal unterschied.

Im virtuellen Kambodscha ist ein Internationales Tribunal gegen die verbliebenen Anführer der Roten Khmer längst überfällig. Das Internet überträgt nicht das große traumatisierte Schweigen, das zu diesem Thema im Lande herrscht, jenseits einer kleinen Schar von Aktivisten. Man kann sich online mit den Ansichten hochinteressanter Leute vertraut machen - im Land angekommen, stellt man fest: Kaum jemand kennt sie. Es handelt sich um eine virtuelle Prominenz. In vielen Ländern markiert der Digital Divide eine innere Spaltung, eine Spaltung im Denken, in der Wahrnehmung, eine soziale ohnehin. Nur mit ihren virtuellen, geruchslosen Seiten scheint die Welt zusammenzurücken, kleiner zu werden - nicht mit ihren staubigen.

Mancherorts ist die politische Opposition nur im Internet stark. Manche ethnische Minderheit demonstriert online einen Zusammenhalt, den sie offline längst verloren hat. Separatisten, die im Dschungel aussichtslos kämpfen, präsentieren sich triumphal auf der virtuellen Bühne. Individuen, Gruppen, ganze Völker dürfen sich im Internet eine Traum-Identität schaffen.

Was also gilt? Was wissen wir? Eine Mittelklasse-Gegend in den Philippinen mag für unsere Augen aussehen wie ein Armutsviertel. Wir sind Blinde, sobald wir unseren vertrauten Kulturkreis verlassen, die Zone der uns vertrauten Zeichen. Simpler und zugleich schwerer als die Deutung eines tibetanischen Rollbildes ist: Alltag entziffern. Zäune, Feldgröße, Straßenbreite interpretieren. Dächer lesen. Was ist arm? Wie viele Kochtöpfe verraten sozialen Aufstieg? Wie riecht gutes Leben im Schlechten? Die Maßstäbe dafür kommen nur offline in unsere Köpfe, durch beobachten, vergleichen. Wie viele unserer journalistischen Urteile entstehen aufgrund falscher Wahrnehmung, falscher Maßstäbe?

"Und plötzlich eine andere Welt ...", so lautet eine beliebte journalistische Wendung, wenn es gilt, die Überraschung darüber zu vermitteln, welche Unterschiede, gar Gegensätze sich innerhalb eines Landes, einer Stadt, einer Kultur auftun. Hier das Hochhaus, dort die Hütte; hier die Disko, dort der Schleier. Wie banal! In der fantasiearmen Formulierung von den zwei Welten verbirgt sich eine unnötige Entschuldigung: Wir belästigen den Leser oder Zuschauer mit Schattierungen, wir verweigern jene Eindeutigkeit, die zu liefern von unserem Berufsstand erwartet wird. So dumm die Floskel sein mag, sie dementiert eine noch dümmere, die von der "einen Welt". Die eine Welt mag es als ökologische Verantwortungsgemeinschaft geben oder als Schöpfungsidee, aber in der sozialen und politischen Wirklichkeit gibt es sie im Zeitalter der globalen Bilder genauso wenig wie zuvor.

Wofür ich plädiere: den Rahmen weit machen, Entfernungen wieder anerkennen, Zweifel honorieren. Nichts ist so lächerlich wie der Glaube, durch unser Rähmchen würden wir die Welt erkennen.