Frank Hellberg, Wolf Liebelt

Literaturverfilmungen im Unterricht

Vorschläge für die Unterrichtspraxis

 

Spannungsverhältnis von Literatur und Film - ein spannendes Verhältnis?

 

Enttäuschungen über Literaturverfilmungen oder die geringere Wertschätzung des Films im Vergleich mit der Text­vorlage stellen sich häufig auch bei Schülerinnen und Schülern ein. Die Eigenarten der beiden Medien und die Problematik ihrer Vergleichbarkeit können im Unterricht durch handlungsorientierte Bearbeitungsaufgaben deutlich gemacht werden:

 

"Da bin ich ja mal gespannt auf den Film..."

Die Meinung, eine Verfilmung sei nur eine mit Bildern un­termalte Textvorlage, kann durch die Formulierung und Diskussion der Erwartungen bewußt gemacht und verän­dert werden. Produktiv wäre eine Erwartungshaltung, die gerade auf Unterschiede achtet, die gespannt ist, wie be­stimmte Themen / Darstellungsweisen im Film gelöst wer­den.

Aufgaben: Welche Erzähltechnik/Erzählperspektive er­wartest du? Welche Passagen werden im Film wohl ausge­weitet? Was könnte im Film neu hinzukommen? Wie könnte der Film beginnen, wie enden? Welche Musik er­wartest du? Wo ist eine Großaufnahme/Detailaufnahme

zu erwarten? Wo wird aus der Froschperspektive/ Vogelper­spektive gefilmt?

 

"lm Film ist ja das Wichtigste gestrichen worden..."

Verfilmungen sind in der Regel kürzer als ihre Textvor­lagen, d.h. die Lesezeit ist länger als die Filmzeit. Häufig er­scheinen die Filme gegenüber den Texten als verstümmelt. Eine mögliche Enttäuschung sollte die Schülerinnen und Schüler nicht unvorbereitet treffen - diese Diskrepanz zwi­schen Film und Text kann produktiv genutzt werden. Aufgaben: Welche Passagen des Kapitels/ Textes können gekürzt oder weggelassen werden, wenn daraus ein Film von 10 Minuten entstehen soll? Schreibe den Text in ein Exposé für eine Verfilmung um!

 

"Die Personen habe ich mir ganz anders vorgestellt..."

Die Personen und die Ausgestaltung des Handlungsortes des Films sind nicht die "ureigene Schöpfung" des Zu­schauers, sondern die des Regisseurs. Der Leser der Text­vorlage wird daher häufig verwundert oder auch ent­täuscht sein, da er mit einer "fremden" Konstruktion von Personen oder Orten leben muß, die seiner Imagination vielleicht nicht entsprechen.

Aufgaben: Ihr seid jeweils der Regisseur der Verfilmung der Textvorlage. Wie sollten die Hauptdarsteller des Films aussehen und welche Charaktereigenschaften sollten sie besitzen? (Verbale Beschreibung oder bildliche Beschrei­bung durch Fotos aus Zeitschriften) Was verändert sich, wenn Personen ausgetauscht und durch andere Charakte­re ersetzt werden?

 

"Der Film ist ja ganz anders - das finde ich aber doof...”

Literatur und Film sind zwei eigenständige ästhetische Zeichensysteme, die verschiedene Ausdrucksweisen besit­zen: Literatur arbeitet mit geschriebener Sprache, Film mit Bildern, Geräuschen und gesprochener Sprache. Eine Um­wandlung ist daher nicht bruchlos möglich, ein Text kann nur "übersetzt" werden in ein neues Produkt Film.

Aufgaben: Schreibe das Kapitel/ den Textauszug in ein Drehbuch (evtl. ohne Erzähler/ Kommentar) um! Welche Abschnitte lassen sich problemlos umformen, welche sind gar nicht zu verfilmen?

 

Arbeit mit Text und Film

Der Einsatz von Textvorlage und Verfilmung im Unterricht sollte auf jeden Fall auf einen Vergleich der beiden eigen­ständigen Medien hinauslaufen, bei dem als Minimalpro­gramm folgende Fragen denkbar wären:

 

-   Was wird durch die Visualisierung, d.h. Konkretisierung der literarischen Vorlage ausgesagt bzw. hervorgehoben?

 

 

Er hielt, in einem Augenblick, da eben der Regen heftig stürmte, mit den Pferden still, und rief den Schlagwärter,

der auch bald darauf, mit einem grämlichen Gesicht,

aus dem Fenster sah.

 

                                               Kleist: Michael Kohlhaas

 

- Was ist hinzugefügt worden? Warum?

- Was ist ausgelassen worden? Warum?

- Wo und wie hat die Verfilmung den Text erweitert? Warum?

Die Warum-Frage kann unter Umständen auch mit be­stimmten Produktionsbedingungen und der erwarteten Rezeptionshaltung der Zuschauer beantwortet werden. Das Budget, die Vorliebe für bestimmte Schauspieler, die zur Verfügung stehende Drehzeit können zum Beispiel ebenso die Filmgestaltung beeinflussen wie die Erwartung, daß die Zuschauer nur "action" sehen möchten.

 

Prosatext in einen Dialog, eine Dramenszene oder in ein Drehbuch umschreiben lassen!

Diese Aufgabe macht nicht nur den Unterschied der bei­den Medien deutlich, sondern hilft auch zu einer intensive­ren Interpretation sowohl des Textes als auch des Films. Als erster Schritt ist die Umformung in einen Dialog sinnvoll, da sich die Schülerinnen und Schüler ganz auf den Text konzentrieren können. Als Übergang zum Drehbuch bietet sich ein Schauspieltext an, da hier zu den Dialogen Regie­anweisungen zum Verhalten und Aussehen der Personen und zum Bühnenbild hinzukommen. Bei der Gestaltung ei­nes Drehbuchs sollten nur kurze Textpassagen umgeformt werden, ein "richtiges" Drehbuch ist in vielen Fällen zu lang und zu komplex.

 

Einstel-

lungs-Nr.

Handlung

Dialoge

Kamera-

einstellung

Geräusche/ Musik

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Struktur der Textvorlage und des Films  vergleichen lassen!

Ein Strukturvergleich kann sowohl auf die Eigenart der Medien hinweisen, zeigt aber z.B. auch deutlich die Interpre­tation des Regisseurs und seine Schwerpunktsetzung:

- Ist der Handlungsablauf oder der Spannungsbogen

   ver­ändert?

- Sind Passagen umgestellt, und/oder erhalten sie ein

   an­deres Gewicht?

- Wie beginnt der Text, der Film?

- Wie enden beide Werke?

- Sind Personen neu eingeführt bzw. herausgenom-

   men worden?

- Ist die Erzählperspektive verändert worden?

 

Beobachtungsaufgaben formulieren lassen!

Die in der Textanalyse erarbeiteten Personencharakterisie­rungen können gezielt beobachtet werden. Diese Annähe­rung an den Film kann auch arbeitsteilig in Gruppen erfol­gen. Es scheint sinnvoll zu sein, daß vor der Filmsichtung die Gruppen schon bestimmte Erwartungen formulieren.

 

     Bedeutung der Filmmusik bzw. der Geräusche un­tersuchen lassen!

Filmsequenz nur mit Ton vorspielen:

- An welcher Stelle im Film befindet sich dieser Aus

   schnitt?

- Was läßt sich anhand des Tons über die Handlung,

   Dra­matik sagen?

 

Wort im Film untersuchen lassen!

In Dialogen, Kommentaren und im "freien Wort" werden Texte in Filmen eingebunden. Eine Untersuchung der je­weiligen Funktion, auch im Vergleich zu der Textvorlage, kann sowohl die Beschäftigung mit dem Text/ Film anre­gen als auch die Eigenart der beiden Medien verdeutli­chen. Aufgaben zum Filmtext lassen sich häufig leichter mit Audiokassetten durchführen. Bei Videofilmen kann die Tonspur leicht auf Audiokassetten überspielt werden. (Copyright beachten!)

 

Film kommentieren lassen!

Filmszenen können bei abgeschaltetem Ton oder während des schnellen Suchlaufs von Schülerinnen oder Schülern kommentiert werden

 

Film synchronisieren lassen!

Durch eine bei der Videotechnik einfache Nachvertonung können die Schülerinnen und Schüler sensibilisiert werden für die Audiokomponente des Films. Wichtig ist dabei, daß nicht mit einem professionellen Anspruch eine filmreife Synchronisation angestrebt wird, sondern eine "unvoll­kommene", spielerische.

 

Briefe, Berichte, Interviews usw. erstellen lassen! Kreative Ergänzungs- und Umformungsaufgaben eignen sich sowohl zur Erarbeitung von Texten als auch von Fil­men.

Z.B.: Umsetzung einer Textpassage/ Filmszene in ei­nen Zeitungsbericht! Übertragung eines Textes/einer Film­szene in ein Hörspiel!

 

Gefühle und Gedanken von Personen beschreiben lassen!

Mögliche Aufgaben wären: Die Beschreibung der Gedan­ken einer Person während eines Dialogs - abzulesen an dem Gesicht! Die Beschreibung der Gefühle in Krisensitua­tionen! Die Formulierung der Gedanken/ der Gefühle, die den Worten widersprechen! Diese Aufgaben wären auch denkbar, nachdem eine Szene ohne Ton vorgespielt wur­de. Interessant könnte es sein, Gefühle oder Gedanken ei­ner Person an demselben Handlungspunkt in der Textvor­lage und im Film beschreiben und vergleichen zu lassen.

 

Film und/oder Text durch Bildergeschichten oder Comics aufarbeiten lassen!

Die Umsetzung von Texten in Bilder setzt ein Bild, eine Vorstellung von Personen, Handlungen und Orten voraus, über die auch in der Klasse wieder diskutiert werden kann. Ein Bild/ein Comic über eine Filmszene bedeutet eine Ver­dichtung auf die für die Schülerinnen und Schüler wichti­gen Punkte.

 

Wenn die filmsprachlichen Mittel einer Einstellung in dem Bild deutlich werden sollen, könnte auch ein Storyboard als Vorform eines Drehbuches entstehen. Ein Storyboard ist ein gezeichnetes Drehbuch, in dem eine Skizze/ Strichzeichnung sowohl die Personen als auch z.B. die Einstellungsgröße festlegt. Gleichzeitig würde damit eine Art Filmprotokoll entstehen.

 

"Fotoroman" zur Textvorlage erstellen lassen!

Eine Fotoreihe oder ein Fotoroman verlangen eine Verdich­tung der Handlung bzw. die Visualisierung der eigenen Vorstellungen über Personen und Handlungsorte. Damit sind Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Vorstellun­gen gefordert.

 

Rollenspiel durchführen lassen!

Vor der Präsentation des Films können einzelne Szenen im Rollenspiel erprobt und hinterher mit der Filmfassung ver­glichen werden. Ebenso können nach dem Film Handlungs­weisen der Personen im Rollenspiel verteidigt werden.

 

Video-Standbild beschreiben lassen!

Die Vielschichtigkeit der Informationen, die im Film auch durch die Kulisse, die Position der Personen sowie die Aus­stattung der Personen übermittelt wird, kann in wichtigen Stellen durch die Beschreibung eines Standbildes erfaßt werden. Exemplarisch können die verschiedenen Ebenen und Wirkungen dieser "Hintergrundinformationen" disku­tiert und damit bewußt gemacht werden.

 

Kurze Texte verfilmen lassen!

Die Verfilmung kurzer Texte - Drehbuchauszüge, Erzählun­gen, Gedichte- bietet die Möglichkeit, die Wirkung film­sprachlicher Mittel zu erproben und eigene Interpretatio­nen des Textes zu erstellen. Dabei kann auf die detaillierte Ausarbeitung eines Drehbuches verzichtet werden. Im Vor­dergrund sollten das Ausprobieren der filmsprachlichen Mittel stehen, da die Verfilmungen sofort am Bildschirm überprüft und unter Umständen ergänzt bzw. ersetzt wer­den

können.

Auch bei längeren Texten kann es sinnvoll sein, nach dem Entwurf eines Drehbuchs eine Sequenz zu verfilmen.

 

Werbeplakat für den Film entwerfen lassen!

Sowohl vor der Filmpräsentation als auch danach kann der Entwurf eines Werbeplakates ein teil der Interpretation, der kreativen Auseinandersetzung mit dem Film darstellen.

 

Sequenzprotokoll erstellen lassen!

Ein Sequenzprotokoll ist für die Besprechung eines Films eine wichtige Arbeitsgrundlage, um den Aufbau zu erken­nen, Szenen zu finden usw. Wenn kein Protokoll vorliegt, kann es bei einer Videofassung durchaus von den Schüle­rinnen und Schülern in Gruppen erstellt werden.

 

Einstel-

lungs-Nr.

Zeit

Kamera-

einstellung

Inhalt

Dialoge

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Einsatz von 16mm- und Video-Fassung

 

  Kinofilme sollten, soweit möglich, in einer 16mm Versi­on zumindest in der Erstpräsentation eingesetzt wer­den, da die Videofassungen nur einen unzureichenden und eingeschränkten Eindruck von dem Film vermitteln können.

  Für die konkrete Erarbeitung im Unterricht bietet sich eine Videofassung an, da sich durch die Möglichkeiten des Standbildes, des Suchlaufs und der Wiederholung eine methodische Vielfalt bietet.

 

Wenn Sie Literaturverfilmungen (Videos und 16mm Filme) ausleihen wollen, erkundigen Sie sich bei Ihrer zuständigen Bildstelle oder beim NLI Dezernat Medienpädagogik nach dem Angebot an Verfilmungen von literarischen Texten.

 

 

Wenn Sie sonst noch Fragen zum Thema Medien im Fremdsprachenunterricht haben:

Schreiben Sie uns oder rufen Sie uns einfach im NLI Dezernat Medienpädagogik an:

Wolf Liebelt (Englisch)

Tel.: 05121 - 1695 - 328

Fax: 05121 - 1695 - 339

 

Niedersächsisches Landesinstitut für Fortbildung und Weiterbildung im Schulwesen und Medienpädagogik (NLI)

Dezernat 4 - Medienpädagogik -

Keßlerstr. 52 in 31134 Hildesheim

Tel.: 05121 - 1695 - 310

Fax: 05121 - 1695 - 339

 

http://www.nibis.de/nli/haus/dez4/wveroef/down/tips3fertig.doc