Medienkompetenz: Befähigung zum funktionellen Einsatz verschiedener, besonders neuer Medien – Auswahl unter didaktischen Aspekten  


Theoretische Grundlage:

Neue Medien:   Computer =  Medium der Medienintegration

Vernetzung von 

Medienkompetenz  

technische Dimension

   

und    

soziale Dimension:

“Media  Literacy “ und  “Computer Literacy“

 

    Filterfähigkeit, mediale Skepsis und kluge Zeitökonomie

 

    autonomer Umgang mit einem virtuellen Mediamix: mit Fernseher, Recorder, Telephon, PC, aber eben auch mit Zeitungen, Zeitschriften, Büchern oder Comics

 

    instinktives Wissen, wie und wann man von medial vermittelter zu persönlicher Kommunikation wechseln muss 

 

(s.u.: u.a. Peter Glotz, 1995-2000)

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 Medienerfahrungen der Schülerinnen und Schüler

 

Anzutreffen sind unterschiedlich entwickelte Kompetenzen:

Schülerinnen und Schüler als...

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Kurz-Infos

 

 Viel-Surfer lesen viel   [Börsenverein, 11.07.2001]

  http://www.heise.de/newsticker/data/daa -11.07.01-000/ 

Lesezapping: "Paralleles und überfliegendes Lesen nehmen zu“: 14-19jährige Buchleser:

„Ich überfliege manchmal die Seiten und lese nur das Interessanteste“: 1992 11% - 2000 31%;

„Ich habe öfter mehrere Bücher, in denen ich gleichzeitig lese“: 1992 11% -  2000 20%;

(Quelle: Stiftung lesen/Der Spiegel 2001)

 

„Texte ohne Bilder finde ich langweilig.“:    1992: 6% -  2000: 29%;

„Fernsehkonsum steigt überdurchschnittlich bei den Jüngeren“: 3 oder mehr Stunden pro Tag sahen unter den 14-19jährigen: 1992: 34 % -  2003: 49 %                 (AWA 2003)

 

Die aktuelle Verbraucher-Analyse sieht den Trend nicht gestoppt: Danach nehmen nur 47 Prozent der 14- bis 19-Jährigen gerne ein Buch zur Hand. 1995 waren es noch 60 Prozent.

http://www.ksta.de/servlet/ContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1065448617217&calledPageId=1037365920648 10.9.03

PISA 2000 (S. 16): Beim Vergleich dieser Länder zeigt sich, dass der Anteil der 15-Jährigen, die angeben, überhaupt nicht zum Vergnügen zu lesen, in Deutschland bei 42 Prozent liegt und von keinem anderen Land übertroffen wird.

Entwicklung der

Internetnutzung

1998 - 2003:

 

 14 – 19jährige

 20 – 29jährige

 Internetnutzer

       insgesamt

 

 

 

 


Basis: BRD 14 – 64 Jahre (Quelle: ACTA, Köcher/Allensbach 2003)

Köcher, Renate: Quantitative und qualitative Veränderungen der Mediennutzung.
http://www.awa-online.de/praesentationen/awa_2003_rk.zip (Stand: 30.11.03)

 


 

angestrebter Standard

 

mit der Perspektive:

Beschluss am Studienseminar Jülich (17.12.2003): 

Die Ausbilderinnen und Ausbilder am Studienseminar in Jülich beschließen, dass 

1. in den Hauptseminaren in mindestens drei, in den Fachseminaren in mindestens zwei Sitzungen multimediale und medienpädagogische Kompetenzen in Anlehnung an F. Osers Standards (Verbindung von Theorie, Übung und Praxis) erarbeitet, praxisorientiert erprobt, reflektiert und evaluiert werden,

2. in mindestens einem Unterrichtsbesuch pro Fach die sinnvolle und funktionale Nutzung von verschiedenen, vor allem neuen Medien nachgewiesen wird (über den Einsatz von Texten, Arbeitsblättern, Projektionsfolien und der Tafel hinausgehend) - nach den Möglichkeiten im Fach,

3. in den entsprechenden Schulgruppen der Hauptseminare die Referendarinnen und Referendare im Rahmen eines langfristigen Projekts "Umgang mit neuen Medien" eine fachbezogene, fächerübergreifende bzw. fächerverbindende Unterrichtsreihe entwickeln, bei der der sinnvolle und effiziente Einsatz des Computers und des Internets nachzuweisen ist. Die entwickelte Sequenz muss im Unterricht erprobt und evaluiert werden und ist als hauptseminar-übergreifendes Modul mit Hilfe einer Präsentationssoftware vorzustellen, zu diskutieren und zu evaluieren.


 Voraussetzungen für Auswahlentscheidungen:

 Gegenstände für die Auswahlentscheidungen:

„Medienmix“ -  unterrichtliche Funktionen verschiedener Medien:

Medium

Schwerpunkte der Nutzung

PC

als multimediales, verschiedene Medien integrierendes Gerät;

als flexibles Gerät zum Schreiben, Rechnen, Zeichnen, Spielen, Simulieren, Archivieren etc. > Formen der Texterstellung und Text­überarbeitung; Speicherung; Modelldarstellung, Berechnungen ...

Internet

Recherche > Materialsammlung zu fachspezifischen Themen und aktuellen Problemen; Materialgrundlegung zu Einzelthemen bei arbeitsteiliger Gruppenarbeit; navigieren statt surfen = gezielt suchen; speziell zu üben: Selektionsvorgänge, Entwicklung von Fragestellun­gen und einengenden Suchbe­griffen zum jeweiligen Thema;

Präsentation > Unterstützung selbst gestalteter Präsentationen in html mit geeignetem Bildmaterial etc.

Hypertexte > Nutzung der Verknüpfungen zwischen Texten: Hypertexte als neue Gestalt eines Werkes;

Kommunikation > E-Mails, Chat-Räume, Foren; Schüler untereinander, mit Lehrern/Schule, global ...

CD-ROM

Nutzung virtueller Räume mit Erlebnisgehalt und Interaktion > sachkundliche, didaktisierte Informationsvermittlung und Übung; vor allem soziokulturelle Umfelder aus verschiedenen Epochen (ersetzt z.T. herkömmlichen Lehrfilm)

Netzwerk

Nutzung einer Plattform wie „lo-net“ > Schreibkonferenzen in kleine­ren Schülergruppen; Dateiaustausch unter Schülern beim Aufbauen eines Gruppenprodukts; Hausaufgabenbetreuung: Lehrer kommen­tiert eingestellte Hausaufgaben mit der Kommentarfunktion von Word; Einrichtung von Diskussions-Foren: zu einem aktuellen Problem, zu einer Text- / Themenauswahl;

Beamer + PPP (Power Point)

animierte Präsentation von gedanklichen Zusammenhängen; Wiederverwendung; multimediale Elemente: Text, Ton, Bild, Film

Fernsehen / TV

aktuelle Übertragungen > Information, ggf. direkt; ansonsten als Aufnahme – s. Videokassetten

Unterhaltung > in Situationen zur Entspannung; i.d.R. als Aufnahme zur außerunterrichtlichen Unterhaltung

Videokamera /

Camcorder

 

als Speichermedium für die Fixierung von Rede und Vortrag > Übung mit wiederholter Betrachtung; Speichern von szenischem Interpretieren > spezieller Blick auf Ton, Gestik und Mimik

DVD-Player / Videogerät / Film

Dokumentarfilm > authentische, z.B. historische Vorgänge vermitteln; naturwissenschaftliche Demonstrationen...

Literaturverfilmung > Adaption im Kontrast zum literarischen Werk;

Spielfilm > als eigenständiges ästhetisches Werk, auszugsweise Beobachtung des Einsatzes bestimmter medialer Gestaltungsmittel mit Blick auf die Wirkung; eigene Formen der Gestaltung...

Körper

Rollenspiel > inszenierte Problemlösungen; Standbild > produktive Interpretation; Stimme, Gestik, Mimik > audiovisuelle Präsentation etc

Buch / Textblatt

Übung von Lesen / Lesetechniken; Arbeiten am Text; Nachschlagbarkeit und dauerhafte Verfügbarkeit; Nutzung eines „kulturellen, gesellschaftlichen Kanons“; Ganzschriften oder einzelne Textblätter als Medium für einen zentralen Unterrichtsgegenstand

Schulbuch / Fachbuch

Vermittlung strukturierten, didaktisierten Wissens mit eingebauter Progression in Lerneinheiten > Lernen: mit dem Buch lernen, Wieder­holung, Übung, Prüfungsvorbereitung...; Sicherung eines zuverlässigen und konsensfähigen Wissensbestandes; Gleiches in Verfügbar­keit für alle; als Leitmedium für einen kontinuierlichen Unterricht

Bild / Foto / Karikatur

zur dauerhaften Darstellung > künstlerische, historische, politische Themen

Hörkassette / Hörbuch

Hörkassette > zur Vermittlung authentischer akustischer Zeugnisse (Reden etc.); zur Vermittlung von Lyrik als Klangereignis; zur Vermittlung von Hörspiel als einer medienspezifischen szenischen Form – auch als Eigenproduktion

Radio

aktuelle Übertragungen > Information, ggf. direkt; ansonsten als Aufnahme – s. Hörkassetten

Hör-Feature als aktuelle mediale Form > akustische Aufbereitung von größeren Themenkomplexen; auch als Produkt einer Gruppenarbeit

Wandkarten / Modelle

zur didaktisierten Vermittlung von Prozessen und Funktionszusammenhängen

Tafel + Kreide /

 Flip-Chart + Stifte

 

zum raschen Impulssetzen, Fixieren und Visualisieren; Vorzug: unaufwendig; Induktionstafelbild - Ergebnistafelbild - Systematisie­rungstafelbild - Arbeitstafelbild; Assoziogramm, Tabelle, sammelnde Formen (nur exemplarisch!), Strukturgrafik...; Tafelaufteilung; Festlegung: mitschreiben, abschreiben, nur sehen; Entwurf des Tafelbildes als Teil der Unterrichtsplanung; direkte Beteiligung der Schüler; rasche Korrekturmöglichkeit

Poster / Plakate / Wandzeitungen

zur visuellen Demonstration von Arbeitsergebnissen, Gruppen- und Projektergebnissen;

als Impuls, der an der Wand erhalten bleibt, so dass man auf ihn zurückkommen kann;

zur Fixierung von Orientierungswissen, Übersichten und Schemata; über längere Zeit im Klassenraum

Folien (OHP)

Präsentation von Daten, Arbeitsergebnissen, gedanklichen Zusammenhängen etc. (auch als Tafeltext-Ersatz s.o.) > Überblick, Kürze, Formen der Visualisierung (i.d.R. mindestens 14-Punkt-Schrift!)

 

Didaktische Kriterien für die Auswahlentscheidungen:

Motivation – Erfahrungsnähe / historische Differenz – Anschaulichkeit – Authentizität – kulturelle Bedeutung – Behaltenseffekt (Mehrkanaligkeit) – Exemplarizität – Aufbau der Medienkompetenz -  medienbezogene Eigenaktivität der Schülerinnen und Schüler - etc.

Übungsbeispiele:

Medium

Fach

Plakat als Quelle

Geschichte

Filmsequenz – zur Analyse der filmischen Gestaltungsmittel

Deutsch

Filmsequenz – zur Analyse der politischen Funktionalisierung des Films in einer Epoche

Geschichte

Filmsequenz – zur Demonstration eines biologischen Vorgangs (Keimentwicklung im Zeitraffer)  

Biologie

Bilderreihe (Poster) – z.B. zur Analyse von Bewegungsabläufen

Sport

Folieneinsatz – zur Präsentation von Arbeitsergebnissen

alle Fächer

Gezielte Internetrecherche und Weiterverarbeitung des Angebots:

 z.B. Informationen zu einem Autor

Deutsch

z.B. Quellen oder Forschungsergebnisse zu einem historischen Thema X.

 

Geschichte

PC-Netzwerk – zum Dateiaustausch zwischen Schülern bei arbeitsteiliger Gruppenarbeit, auch außerunterrichtlich; zur Hausaufgabenbetreuung etc.

Verschiedene Fächer

 


Hintergrund:

Peter Glotz: Änderung des Schaltplans -  Die ZEIT 46/1995, 58

Unsere Zivilisation stellt sich um von analog auf digital. Die Politik muss die emanzipatorischen Chancen dieser technischen Revolution nutzen.

  ... Gefahren? Sie existieren ohne Zweifel. Man kann ihnen aber nicht begegnen, indem man so tut“, als ob die technische Entwicklung aufhaltbar wäre. Die Modernisierung, so lehren die 400 Jahre seit Rene Descartes, ist zivilisierbar; zum Beispiel durch antizipatorische Politik. Verhinderbar ist sie nicht. Ein technisch-ökonomischer Prozess, international vernetzt, ist nicht für ein einziges politisches Grundstück (wie Deutschland) aufhaltbar. Deswegen muss sich die Anstrengung darauf richten, kommunikative Kompetenz zu erzeugen. Das Verhängnis der gegenwärtigen europäischen Mediendebatte ist diese seltsame Polarisierung: unrealisierbare, melancholisch eingefärbte, trotzig hervorgestoßene Zensur-Sehnsüchte der Medienmoralisten gegen euphorisch-technokratische, schwärmerisch-naive Neue-Welt-Phantasien der Industrielobbies. Notwendig wäre eine trockene Doppelstrategie von Kommunikationsordnungspolitik und aufwendiger Medienerziehung.

Dabei müsste klargemacht werden, dass kommunikative Kompetenz eine technische und eine soziale Dimension hat. Notwendig ist der souveräne Umgang mit der Remote control, mit Joystick, Maus, Keyboard, digitalisierten Timern oder Abtaststiften für die programmierte Aufzeichnung. Genauso notwendig aber ist die Kunst des Ignorierens und Abschaltens, die Fähigkeit zum Medienwechsel, ein "kommunikatives Gewissen", also die Beherrschung von Kontaktaufnahme, Kontaktverweigerung sowie Kommunikationsmanieren, Kommunikationskonventionen. In einer Kommunikationskultur, die den Namen verdient, ist klar, dass der Satz des Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg: "Ein Kapitel Jean Paul ist ein unvergleichlich reicheres Dokument als alles, was das Internet mir abliefern könnte", einen absurden Vergleich produziert. Warum Jean Paul ausspielen gegen 2000 Datenbanken und 600 Foren, die allein Compuserve anbietet? Warum nicht beides nutzen - die Kontemplation über dem "Siebenkäs" und die Online-Dienste als Treffpunkt für Menschen aus der ganzen Welt?

Möglich ist das. Menschen mit "Media and Computer Literacy" entwickeln Filterfähigkeit, mediale Skepsis und kluge Zeitökonomie gegenüber dem Angebot von Kommunikation. Man kann es lernen, sich einen "virtuellen Mediamix" zurechtzulegen und mit Fernseher, Recorder, Telephon, PC, aber eben auch mit Zeitungen, Zeitschriften, Büchern oder Comics emanzipiert umzugehen.

Die Dominanz der Anbieter ist also eindeutig schwächer geworden. Dazu kommt die Ausrüstung wachsender Minderheiten mit Rückkanälen. Die Zentralisierung, die Joseph Goebbels mit seinem Volksempfänger und der Ufa erreicht hatte, ist nirgends mehr erreichbar. Der Soziologe Gerhard Schulze, Verfasser einer Studie über die "Erlebnisgesellschaft", fasst das Dilemma in prägnanten Sätzen: "Das Fernsehen macht nichts mit einem, der nicht mitmacht. Zur Verführung gehören immer zwei, oft genug hat es das sogenannte Opfer faustdick hinter den Ohren. Die Explosion der Wahlmöglichkeiten katapultiert die Konsumenten aus dem warmen Biotop der Fernsehidiotie der achtziger Jahre hinaus. Fröstelnd spüren sie den kalten Wind der Selbstverantwortung."

Was ist Kommunikationskultur? Zuerst ein Begriff von verständigungsorientierter Kommunikation. Man könnte "Medienkompetenz" instrumentell definieren; dann wäre sie die geschickte Rhetorik von Sophisten, also die Durchsetzungsfähigkeit in zweckkommunikativen Kampfspielen. Sofern diese Art von Kompetenz eine Gesellschaft dominiert, wird diese Gesellschaft zu einer Veranstaltung von Gruppen, die sich gegenseitig übers Ohr hauen.

Sodann Auswahlvermögen, Filterfähigkeit, Kompetenz zum Mediamix. Dazu gehört auch das instinktive Wissen, wie und wann man von medial vermittelter zu persönlicher Kommunikation wechseln muss und welche Konventionen und Manieren dabei zu beachten sind. ... Die "Super Highways", die gerade entstehen, sind intelligenter als die alten zentralisierten Netzwerke der Massendistributionsmedien. Allerdings verlangen sie den Mut zur "riskanten Selbststeuerung" (Jürgen Habermas) - und der scheint vielen von uns derzeit zu vergehen.

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  Peter Glotz: Der kommunizierende Mensch im Mediamix*

Wir müssen uns also fragen, was es bewirkt, dass der Computer als das Medium der Medienintegration wirkt. Die Endgeräte Personal Computer, Telefon und Fernsehen werden zusammengeschaltet. Al Gore, der amerikanische Vizepräsident, hat für diesen Vorgang das griffige Schlagwort von der Datenautobahn geprägt. Andere gebrauchen den Begriff Multimedia. Aber was heißt das? In Deutschland konzentriert sich die Diskussion derzeit noch auf die Vervielfachung der Fernsehkanäle, Video on Demand, vielleicht noch auf Computerspiele, also Unterhaltungsangebote. Es geht aber um viel mehr. Es geht um die Vernetzung von Schulen und Ausbildungsstätten, von Hochschulen und Bibliotheken, von Arztpraxen und Krankenhäusern mit dem Ziel, eine neue Form der Kommunikation der Datenbewältigung und der Effizienzsteigerung möglich zu machen. Es geht um eine Neubestimmung der Rolle des kommunizierenden Menschen als gleichberechtigtem Teilhaber in einem neuorganisierten gesellschaftlichen Kommunikationsprozess, um die "Änderung des Schaltplanes" (Vilem Flusser). Der kommunizierende Mensch im Mediamix, der in einer digitalen Welt mit Hilfe der Instrumente Telefon, Personal Computer und Fernseher in einem hochmodernen "Netz" Botschaften und Meinungen austauscht, lehrt und lernt, sich unterhält, anbietet, kauft, bezahlt, arbeitet und Geschäfte macht, lebt anders, kann jedenfalls anders leben als die "couchpotatoe", die sich nur von Sendezentralen bestrahlen lässt. Viele Aktivitäten des Menschen werden sich ändern: das Sortieren, Speichern, Kommunizieren, Arbeiten, Lehren/Lernen, Politisieren, Administrieren, Heilen, Kaufen, Bestellen, Buchen, Fahren, Transportieren, das Sich-Bewegen, aber auch das Spielen, das Sich-Zerstreuen. Die Anwendung der Interaktivität auf das Erziehungswesen, die Arbeitswelt, die Medizin oder die tägliche Lebensbewältigung (Teleshopping, Telebanking) werden die Gesellschaft grundlegend verändern. Was wird sich vollziehen? Zeitgewinn durch eine Verlängerung des Lebenstags des Menschen oder Zeitenteignung, Ausbeutung und Selbstausbeutung der Arbeitskraft?

Bewirken diese Änderungen nun 'Mutationen'? Um dies herauszufinden, müssen wir uns mit der Theorie der Telematik auseinandersetzen. Viele 'Medientheoretiker' tun ja so, als ob die Veränderung eines Parameters alle Parameter verändern würde - und das von heute auf morgen.

'Paradigmenwechselmystik' nennt das der Popkritiker Diederich Diederichsen. Ob Jean Baudrillard vom "Triumph des Vergessens über das Gedächtnis" spricht und befürchtet, über die Menschen komme "ein barbarischer, erinnerungsloser Rausch" oder ob Paul Virilio die "entfesselte Mobilität" beschwört - jeder Professor, der etwas auf sich hält, prophezeit eine Veränderung der Welt, wie sie sich vollzog, als die Lurche aus dem Wasser an Land krochen und erstmals Lungen entwickelten. Und so realistisch unsere Wirtschaft normalerweise ist - bei dieser Art Mystik schließt sie sich gern an. Selbst bei hochseriösen Unternehmen, etwa bei NEC in Tokio, begegnet man ernst zu nehmende Menschen im Businessanzug, die verkünden, dass die Durchdringung des Marktes für Personal Computer in fünf Jahren 100 Prozent erreicht haben werde. Schnapsmanager kaufen für Riesensummen amerikanische Filmfirmen, und die Besitzer von Film- und Fernsehrechten verkünden die Botschaft "Video on Demand" gelegentlich wie der Papst die Osterbotschaft. Man muss sich mit dieser 'Paradigmenwechselmystik’ höchst kritisch auseinander setzen. [...]

Ich beabsichtige also die These zu vertreten, dass Kommunikationskultur auch in der telematischen Gesellschaft möglich ist. Natürlich: Die Chance der Programmkontrolle sinkt von Tag zu Tag. Die neuen Techniken bewirken, dass man niemandem mehr vorschreiben kann, ob er seine Mittwochabende mit Don Carlos, einem Softporno, der Abwicklung seiner Bankgeschäfte oder Chatting im 'Internet' verbringt. Möglich ist aber eine Kehre zum Rezipiententraining, zur Medienerziehung, zur Vermittlung von 'Computer- und Media-Literacy'. Ja, die neuen virtuellen Welten bewirken eine Verunsicherung der Wahrnehmungsverhältnisse. Aber der Mensch ist dieser Entwicklung nicht ausgeliefert. Er kann die moderne Technik (zum Beispiel der Interaktivität) auch zur Entmachtung der Sendezentralen nutzen, im Sinne der produktiven Utopie des aus Prag stammenden jüdischen Kommunikationsphilosophen Vilem Flusser. Von ihm stammt der Satz: "Jeder Knotenpunkt des Netzwerkes wird zugleich empfangen und senden." [...]

Der Vielmedienbenutzer muss keineswegs zum Videoten werden (einer Verbindung von Video und Idiot). Man kann es lernen, sich einen virtuellen Mediamix zurechtzulegen, um mit Fernseher, Recorder, Telefon, Answeringsmaschinen, Personalcomputern, aber eben auch mit Zeitungen, Zeitschriften, Büchern oder Comics emanzipiert umzugehen. Die Superhighways, die gerade entstehen (aber noch längst nicht fertig sind), sind intelligenter als die alten zentralisierten Netzwerk. Allerdings verlangen sie den Mut zur riskanten "Selbststeuerung", wie das Jürgen Habermas ausgedrückt hat. Ich plädiere dafür, diesen Mut aufzubringen.

[aus: Peter Glotz: Medienpolitik als Wissenschafts- und Bildungspolitik. In: Mitteilungen des deutschen Germanistenverbandes März 1997, (Bielefeld: Aisthesis), 10 ff.]

s. auch Peter Glotz: Informationsflut und Medienkompetenz. Vortrag München 2000 - bei:

 http://www.landeshauptstadt-muenchen.de/referat/kultur/referat/fg11/millen/glotz.pdf

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Daten zur Mediennutzung:

http://www.awa-online.de/mediennutzung_2002/einstieg.html

http://www.br-online.de/br-intern/medienforschung/

http://www.boersenblatt.net/sixcms/media.php/11/pr_skongress231100.ppt

http://www.medienpaedagogik-online.de/mf/6/00683/

© G. Einecke - http://www.fachdidaktik-einecke.de

zugleich Ergebnis der Fachleitertagung Studienseminar Jülich (AG Einecke, Reuter, Schmidt, Weber), Kronenburg 2003