offene Unterrichtsformen

 

Methode: schülerorientierte Verfahren

Ziel: Die Schülerinnen und Schüler werden in den Unterrichtsphasen der Planung von Stunden und Sequenzen, der Erarbeitung und Vermittlung aktiv; sie werden an Entscheidungen über Gegenstände, Methoden und Zeit beteiligt bzw. werden sie die Entscheidungsträger - dazu gehört unbedingt eine Evaluation oder Metakommunikation zum offenen Arbeitsprozess und zu den Ergebnissen; Voraussetzung ist z.T. dass den Schülerinnen und Schülern bereits Lernstrategien und wählbare Methoden bekannt sind.

Effekt: stärkere Praxis der eigenen Gestaltung von Lernwegen - die Lehrperson hält sich zurück und achtet auf mögliche Hilfen, Beratung und vor allem Sicherung tatsächlicher Arbeit und ökonomisch erreichbarer Ergebnisse

 

z.B. ein gemeinsames Unterrichtsvorhaben

 

Entwicklung eines Vorhabens im offenen Plenum

Konfrontation mit gezielt gewählten

Materialien,

Texten, Medien,

Situationen

Erkennen,

Ableiten,

Formulieren einer

Problemstellung

Entwickeln,

Formulieren,

einer Aufgabenstellung,

möglichst konkret

Sichtung,

Wahl

möglicher

Lösungsmethoden,

Varianten erlaubt

Bearbeitung der

Aufgabenstellung

in freier Wahl der

Arbeits- und

Sozialformen

Präsentation der

Ergebnisse

in freier medialer Form: Vortrag,

Demonstration,

Gespräch, Text...

Verarbeitung der

Ergebnisse

im Vergleich der Produkte und

Lösungswege

Bilanz zur Effizienz

Evaluation der

offenen

Arbeitswege

 

 

Lösung einer Aufgabenstellung - offen in den Sozial- und Arbeitsformen

 

weitere Beispiele:

                Lesezirkel zu verschiedenen parallel gelesenen Ganzschriften (mit Wechsel von Gruppen- und Plenumsarbeit)

                Bibliotheks- und Internetrecherche

                Formen der Freiarbeit

                Lernzirkel, Stationenlernen

                arbeitsblattgestützte, selbst wählbare Förder- und Stützmaßnahmen (i.d.R. verbunden mit vorheriger Diagnose durch die Lehrperson!)

                kooperative Unterrichtsplanung (s. Ulshöfer, Robert u.a.: Kooperativer Unterricht. Stuttgart: Klett 1971)

 

Ein Unterricht ist offener als ein anderer,

 

                wenn Einfälle, Gedankenverbindungen, Auslegungen, Ergänzungen und Themenverschiebungen vonseiten der Schüler zugelassen sind und den Unterricht mitgestalten;

                wenn das im Unterricht eingesetzte Material wie auch die Unterrichtsplanung selbst Leerstellen enthalten, in denen sich Schülerinitiativen entfalten können und von denen aus der geplante Verlauf des Unterrichts revidiert werden kann;

                wenn Planungsvorhaben laufend korrigiert, abgeändert oder fallengelassen werden können;

                wenn die Zeitplanung (Stundengestaltung und ‑ausfüllung) in die Entscheidung der Lerngruppe gestellt ist,

                wenn Alternativen hinsichtlich der Ziele wie der Wege mitgeplant wurden und in die Entscheidung der Lerngruppe gestellt ist;

                wenn Alternativen hinsichtlich der Ziele wie der Wege mitgeplant wurden und weitere Alternativen in der Unterrichtssituation ausprobiert werden können;

                wenn die Schüler die Möglichkeit haben, eigene Unterrichtsvorhaben anzuregen und durchzuführen;

                wenn er Schülern Gelegenheit bietet, ihre Interessen zu artikulieren, und von diesen Interessen seinen Ausgang nimmt,

                wenn die Schüler an der Unterrichtsplanung aktiv mitwirken können;

                wenn in ihm verschiedene Perspektiven und Deutungen des zu bearbeitenden Gegenstandes zur Geltung kommen können;

                wenn er Gelegenheit zum Probehandeln bietet und Misserfolge dabei keine Sanktionen nach sich ziehen;

                wenn Fragen, Einwände und Proteste der Schüler zugelassen und Konsequenzen daraus gezogen werden;

                wenn die Schüler einem individuellen Plan folgen können und keiner Zwangsunterweisung im geschlossenen Klassenverband unterworfen sind;

                wenn die Schüler eigene Hypothesen formulieren und diese selbst überprüfen können, wenn sie Versuche und Experimente selbst entwerfen und durchführen, Instrumente selbst bedienen, Materialien selbst bearbeiten oder manipulieren, Quellen selbst suchen und studieren können.

[Schreckenberg, W.: „Guter“ Unterricht - „schlechter“ Unterricht. Düsseldorf: Schwann 1980, 82]

 

 

Zur Beurteilung „offenen“ Unterrichts

 

Jede Bewertung von Unterricht ist komplex - ganz gleich, ob es sich dabei um mehr geschlossenere oder offenere Formen handelt. Da offener Unterricht wie jeder andere Unterricht nach bestimmten Gesichtspunkten geplant, strukturiert und umgesetzt werden muss, kann er demzufolge auch entsprechend analysiert und bewertet werden.

Handeln und Lernen ist immer zielgerichtet - ein Verzicht auf Ziele daher nicht möglich (allerdings können Ziele gemeinsam mit den Schülern - oder im Idealfall selbständig - festgelegt werden).

 

     Kurt Czerwenka unterstreicht die Notwendigkeit einer klaren Strukturierung: „Offener Unterricht braucht Eindeutigkeit, Klarheit, Überschaubarkeit und den Prozess... (Er) braucht zum Schutz der Kinder die Bindung, die Ordnung und die Konzentration.“

     In der Analyse und Bewertung von offenen und geschlossenen Unterrichtsformen sollte es nicht darum gehen, welche Form die bessere ist. Die Frage ist vielmehr, welche Unterrichtsform den jeweiligen Zielen und Inhalten eher entspricht.

     Hildegard Kasper warnt vor Pauschalurteilen über offenen Unterricht, vor einer einseitigen Abwertung anders strukturierter Unterrichtsformen, vor einer Nivellierung und Vereinseitigung des unterrichtlichen Gesamtrepertoires: „Die Tendenz… zeichnet sich dort am deutlichsten ab, wo der Begriff offener Unterricht synonym für „wünschenswerten“ oder „guten“ Unterricht steht, und wo nicht mehr sinnvoll nachgefragt werden kann, ob die bezeichneten Lehr-Lern-Vollzüge unter den gegebenen Zielzusammenhang zu Recht „offen“ stattfinden, ,,offen“ strukturiert sein sollten“.

     Eiko Jürgens meint dazu: „Vielleicht werden künftige Untersuchungen zeigen, dass „gute“ Lehrerinnen und Lehrer sowohl im traditionellen als auch im offenen Unterricht sehr erfolgreich sein können und „schlechte“ es weder in dem einen oder anderen jemals sein werden Denn offene und geschlossene Unterrichtsformen stehen sich nicht unversöhnlich gegenüber, sondern ergänzen sich und sind aufeinander bezogen in einem Spannungsfeld von Lehrerzentrierung und Schülerzentrierung“

     Rainer Winkel betont, dass es 17 Unterrichtsmethoden gibt, die es flexibel einzusetzen gilt.
„Die beste Voraussetzung für einen beweglichen Unterricht mit einem flexiblen Methodeneinsatz ist die Beherrschung eines guten Frontalunterrichts, den es zunächst zu lernen gilt. Ehe man also ungewöhnliche Häuser baut, sollte man ganz gewöhnliche zu konstruieren gelernt haben!“

 

Kriterien für die Beobachtung und Beurteilung offenerer Unterrichtsformen

 

     Steht die Gesamtplanung des Unterrichts in einem größeren Zusammenhang? Hat die Lehrerin (über die Einzelstunde hinaus) eine klare Vorstellung über die wichtigsten Zielen für ihre Lerngruppe wie für einzelne Schüler/innen?

     Besteht Ausgewogenheit zwischen Inhalten und Aktivitäten, die von der Lehrerin ausgewählt und geplant wurden, und Aktivitäten, die aus den Interessen der Kinder hervorgehen? Nimmt die Lehrerin das, was Schülerinnen und Schüler wirklich beschäftigt, in ihren Unterricht auf?

     Besitzen die ausgewählten Ziele und Inhalte eine Gegenwarts- und Zukunftsbedeutung? (Dieses alte Primat der Didaktik von Wolfgang Klafki hat nach wie vor besondere Bedeutung).

     Werden die konkreten Lernvoraussetzungen dieser Kinder berücksichtigt?

     Werden die Schüler/innen zu zielgerichtetem Arbeiten motiviert?

     Gibt es Regeln und Rituale, die den Lernenden Sicherheit und Orientierung ermöglichen?

     Erfahren die Schüler/innen Neues oder betrachten sie Bekanntes unter einem veränderten Blickwinkel, lernen sie sachgerechte und abwechslungsreiche Übungsverfahren kennen und anwenden?

     Konnten die Schüler den Lerngegenstand möglichst selbständig erarbeiten? (Partner- und Gruppenarbeit sind keine Erfindungen des offenen Unterrichts!)

     Ist der Lehr-Lernprozess in seiner Abfolge sachlogisch strukturiert?

     Ist ein ausgewogenes Verhältnis von lehrerzentrierten Phasen, Gruppenarbeit, Freiarbeit, Partner- und Einzelarbeit zu beobachten?

     Ist zu beobachten, dass die Lehrerin das selbständige und konzentrierte Lernen und Arbeiten der Kinder fördert und sie dabei unterstützt, ihren eigenen Lernweg zu finden?

     Werden alle Schüler/innen optimal gefordert und gefördert? (Beachtung innerer Differenzierung)

     Sind die bereitgestellten Medien in Funktion, Auswahl und Umfang der Sache angemessen?

     Werden die Ziele des Unterrichts mittels flexibler Umsetzung der Planung verfolgt, angebahnt bzw. erreicht (Flexibilität müsste bereits in der Planung angelegt sein, um alternative Wege/Überlegungen, Zusatzaufgaben, Differenzierungsangebote, Lernhilfen parat zu haben)

     Steht der benötigte Zeitaufwand zum Erreichen der Ziele in einem angemessenen Verhältnis zu ihrer Bedeutung?

     Werden die Kinder in die Lage versetzt, verantwortungsbewusst mit dem Faktor Zeit umzugehen, selbständig zu arbeiten und nicht einfach Vorgaben zu kopieren oder beim Nachbarn abzuschreiben?

     Zeitpunkt und Form der Rückmeldung durch die Lehrer/innen: Wann und wie erfahren die Kinder, ob sie Aufgaben ihrem Leistungsniveau entsprechend erledigt haben, wann und wie werden Teil- und Endergebnisse gewürdigt? Werden die Schüler zur selbständigen Einschätzung und Bewertung der Lern- und Arbeitsergebnisse angeleitet?

     Bietet der Klassenraum eine Lernumgebung, in welcher Schüler selbständig, allein oder in Gruppen lernen und arbeiten können?

 

Missverständnisse - Fehleinschätzungen…

 

     „Offener“ Unterricht kann - wie jeder andere Unterricht auch - Mängel aufweisen; auch ist nicht alles „offen“, was als „offen“ bezeichnet wird:

     Inhalte des Unterrichts scheinen mitunter beliebig, solange sie geeignet sind, den Einsatz von Methoden zu unterstützen. Inhalte des Unterrichts scheinen mitunter beliebig, solange Kinder Spaß haben und beschäftigt sind.

     Offenere Unterrichtsformen leiden oft an medialer Überfrachtung. (Über der Sorgfalt und Zeit, die auf die Herstellung/Beschaffung von Medien verwendet wird, werden insbesondere von LA oftmals Überlegungen zur Inhaltsstruktur sowie zur Gesprächsführung und Auswertung des Unterrichts - also, dort, wo sie sich Lehrer/innen einbringen müssen - vernachlässigt.)

     Lehrer/innen reduzieren ihre Aufgabe einseitig auf organisatorisches Unterrichtsmanagement: Arbeitsblätter beherrschen die Stunde.
Im Vertrauen auf vorstrukturiertes Unterrichtsmaterial bleiben die Kinder beim Lernen sich selbst überlassen - selbständiges Lernen aber bedarf inhaltlicher und methodischer Lernhilfen bzw. -anregungen.

     Eine genaue Analyse ist erforderlich, inwieweit Unterrichtsmaterialien selbstgesteuertes Lernen erlauben: Lernstationen ermöglichen unter Umständen bei genauer Betrachtung gar kein individuelles Rechtschreiblernen, freies Experimentieren im Sachunterricht, sondern weisen nur in sich sehr geschlossene und enge Aufgabenstellungen auf.

     Das Arbeiten mit dem Wochenplan verkümmert oftmals zur „Beschäftigungstherapie“: Selbständigkeit bezieht sich mitunter allein auf die Entscheidung über die Reihenfolge der Bearbeitung vorbestimmter Aufgaben. Das Training formaler Fertigkeiten (sonst als Hausaufgabe erledigt) überwiegt.

     Innere Differenzierung fällt oft zu gering aus und bleibt in Ansätzen stecken. Individualisierung und Differenzierung sind im geöffneten Unterricht wesentlich. Da jedes Kind der individuellen Förderung bedarf, müsste bei der Wochenplanarbeit im Grunde jedes Kind seinen eigenen Plan erhalten.

     Die Öffnung für den Erfahrungshintergrund und die Emotionalität der Kinder lässt Gesprächsphasen oft zerfasern: Um jedes Kind zu Wort kommen lassen, geraten Gesprächskreise zu lang, nach 10 -15 Minuten lässt die Konzentration bei vielen Zuhörern aber nach.

 

Literatur

Brügelmann, Hans und Karin: Kann man „Offenen Unterricht“ beurteilen? In: Grundschulzeitschrift 87/1995.

Czerwenka, Kurt: Offener Unterricht und Freiarbeit - Möglichkeiten und Grenzen,. In: Forum E, 5/1992.

Jürgens, Eiko: Diskussion der Wirkungen Offenen Unterrichts. In: Schulmagazin 5-10, 9/1995.

Kasper, Hildegard: Offener Unterricht in der Diskussion. Grundschule 5/1988.

Kube, Bernhard: Wie wollen Sie das denn bewerten? Bewertungsprobleme bei offenen Unterrichtsformen. In: Grundschule 2/1996.

Wallrabenstein, Wulf: Wie planbar ist offener Unterricht? In: Pädagogik 4/1996.

Winkel, Rainer: Offener oder Beweglicher Unterricht. In: Grundschule 2/1993.

 ©opyright Dagmar Wilde, Berlin, April 2001

http://www.dagmarwilde.de/kvdiv/beurteilungoffen.html

 

 

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