Szenisches Interpretieren

   

Methode: schülerorientiertes Verfahren - handlungs- und produktionsorientierter

Unterricht

Ziel: durch die eigene darstellende Produktion die Intention einer Szene erfassen –

zum Spiel mit dem Text argumentieren

Effekt: ganzheitliche Praxis - szenische Texte nicht nur als Lesetexte erfahren  

 

   Szenenanspiel - szenisches Lesen – Leseinszenierung: eine ausgewählte Szene mit verteilten Rollen lesen / erspielen – dabei mit dem Text argumentieren, um die Interpretation einer Rolle zu vertreten

   Text als Regiebuch: Striche, Umformulierung, ggf. Verfremdung... - Rollenbesetzung - Skizze des Stellungsspiels

   Theaterprobe  mit  Regisseur, Dramaturg, Schauspielern, Bühnenbildnern

   Subtext“ - Ermittlung und direkte Ausformulierung dessen, was die Protagonisten mit ihren Dialogbeiträgen  „eigentlich“ meinen und nur indirekt oder gar nicht sagen

   Entwurf der Theatermittel: Bühne, Grundriss, Kulisse, Requisite, Kostüm, Licht, Maske, Musik 

   Rollenkonzept: Rollenbiographie, Figureninterview; Rollensteckbrief

   literarisches Rollenspiel: Textergänzungen, Texterweiterungen und Textumformungen sowie neue Textsorten aus der Perspektive einer Textfigur oder einer neu eingeführten, passenden Figur; Ergänzungs- und Gegengeschichten; Tagebuchtext, neuer Dialog, Alternativszene, Briefwechsel zwischen Textfiguren

   alter-ego-Monolog des „zweiten Ichs“ einer Textfigur: zu Gedanken und Handlungen in einer Szene  

alter ego: der Doppelgänger des Ego (des mit sich selbst identischen Ichs); die andere Seite des Ichs, das innere dialogische Gegenüber, das gegen „meine“ Argumente und Entscheidungen argumentiert, so dass „ich“ sie genau zu prüfen habe; es gibt aber auch Anregungen, setzt andere Phantasien frei etc.; auch die andere (vielleicht vernachlässigte) Seite in mir; mein Spiegelbild, das mir über mich Auskunft gibt; mein "schlechtes Gewissen" (vgl. auch : Wellershoff , Dieter: Double, Alter ego, Schatten-Ich. Schreiben und Lesen als mimetische Kur. 1991. 40 S. literaturverlag droschl. Essay Bd.3   ISBN 3854202253)

Das alter ego  methodisch genutzt: Wie in einem inneren Monolog setzt das Ich als alter ego die anderen Gedanken in mir, das Entgegengesetzte, das noch Unausgesprochene frei.

Beispiel: Fausts alter ego würde ihm verdeutlichen, was er da mit Gretchen anstellt, wenn er es liebt (ego) bzw. verführt (alter ego).

   innerer Dialog: Ein Spielleiter fragt eine Textfigur, was sie über die andere Textfigur denkt, fragt dann diese, was sie zu diesen Gedanken sagt etc.

   Kommentator zu der Szene einführen: Sprechen im „off“

   Gerichtsspiel: über Schuld, Motive etc. - die Textfiguren eines Schauspiels werden zur Lösung ihres Konflikts vor ein Gericht geladen; die Rollen werden um die Mitglieder des Gerichts, der Zeugen etc. ergänzt

   Standbild - Statuentheater: „Regisseur“ baut eine „Personenskulptur“, ein Standbild, das einen Moment oder eine Bedeutung im Text zum Ausdruck bringt: Posieren, Gestik, Mimik; das Plenum vergleicht mit Textvorlage argumentierend interpretieren zur Optimierung des Standbildes

   Pantomime - Schattenspiel - ...

   szenische Improvisation: an einer Textstelle nach eigenen Vorstellungen weiterspielen, auch in Abweichung vom Text  

   szenische Spiel: spielerische Darstellung von Szenen aus Literatur, Medien und eigener Produktion, mit der die Handlung, der Dialog der Figuren, das menschliche Verhalten, der Umgang mit Konflikten, die Gefühlslage, die Kommunikationsweise etc. durch Körperausdruck und Sprache dargestellt und erarbeitet werden; eigene Vorstellungen und Erfahrungen werden mit der Textvorgabe verbunden; Wahrnehmungen werden geschärft; Spielvarianten werden erprobt und zur Diskussion gestellt; mit Textargumenten wird eine Darstellung überprüft und optimiert. - Kriterienbasis für eine Bewertung können sowohl die Textvorlage als auch die eigene Erfahrung im Umgang mit Menschen, Problemen und Konflikten sein; ggf. sind die historische Differenz und die poetisch-gestalterische Intention einzuberechnen.

   Szenario des „inneren Films“: Die Vorstellungen der Zuschauer zu der Szene in einem Exposé notieren.

   Werkstattgespräch: mit (fiktivem) Autor, Regisseur, Literaturkritiker etc.

   Szenen-Collage: begründeter Zusammenschnitt von Szenen und Ausschnitten sowie Zusatzszenen und -materialien zu einem dramatischen Text

 Kombination von Szenenanspiel - Freezing – Standbild

  1.  Sucht eine gut spielbare kurze Szene (Ausschnitt von max. 2 Textseiten/Reclam-Format), die bestimmte Personen besonders gut charakterisiert und/oder für die Handlungsentwicklung/den Konflikt bedeutend ist.

  2.  Bildet für den gewählten Textausschnitt verschiedene Gruppen von SchauspielerInnen in der Anzahl der für die Szene benötigten Rollen; bestimmt zusätzlich jeweils eine/n RegisseurIn. - Bildet außerdem eine Zuschauergruppe.

  3.  Spielt die gewählte Szene (mit dem Text in der Hand ). Achtet beim Spiel auf: Position der Figuren auf der Bühne, zueinander und zum Publikum - Bewegung der Figuren im Raum, zwischen den (gedachten) Kulissen und Requisiten - Gestik und Mimik - Sprache, Ton, Betonung - Sprecherwechsel.

  4.  An einer wichtigen oder unklaren oder nur schwer spielbaren Stelle solltet ihr die Szene „einfrieren“ (freezing); d.h. auf ein Kommando des/r RegisseurIn: die gerade eingenommene Position, Körperhaltung, Gestik und Mimik genau beibehalten und für 30 Sekunden so verbleiben. - ZuschauerInnen und RegisseurIn können nun besprechen, ggf. korrigieren etc. -

  5.  Die Stelle als „Standbild“ neu aufbauen: ein „Regisseur“ baut das Standbild, die Zuschauer werten aus.

  6.  Spielt nacheinander und mehrmals die gewählte Szene und erörtert interpretierend  und mit dem Text argumentierend - ggf. mit Hilfe der ZuschauerInnen, ob die Szene der Textintention gemäß gespielt wurde: Sprachhandlungen - Redeintention - Emotionen ... - Bezieht die Regieanweisungen ein. Argumentiert mit Blick auf den Zusammenhang im Text nach vorne und hinten.

 Ein Standbild könnt ihr auch unabhängig vom Szenenanspiel unmittelbar „aufbauen“ und damit eine Textstelle visualisieren: die Gefühlslage, die Beziehung der Personen zueinander; ggf. mit zwei Standbildern einen Gefühlswechsel veranschaulichen. Etc.


Literatur: Schau, Albrecht: Szenisches Interpretieren. Stuttgart: Klett 1995

H. Eggert/M. Rutschky (Hg.): Literarisches Rollenspiel in der Schule. Heidelberg: Quelle und Meyer 1978

Ingo Scheller: Szenisches Spiel. Handbuch für die pädagogische Praxis. Berlin: Cornelsen Scriptor 1998. 239 S., 
Ingo Scheller: Szenische Interpretation - Georg Büchner: Woyzeck. Olden­burg: Zentrum für päd­agogische Berufspraxis (Universität) 1987

ders.: Szenische Interpretation - Frank Wedekind: Frühlingserwachen. ebd.

Themenhefte: DU 4/80; 2/81; 3/83;  PD H.76/1986.  

Zum Standbild:

http://www.freinet.paed.com/freinet/fmet.php?action=fmetd15

http://www.phil-fak.uni-duesseldorf.de/germ5/seminare/2002ss/franke2/standbilder.htm

Beispiele in:

http://www.learn-line.nrw.de/angebote/lakonkret/fach/sek1/seibt_schimmelreiter.htm

http://www.literaturatlas.de/~la48/buch1bild.htm

Beispiel s.: produktionsorientierte Textrezeption zu Faust I (Begegnung mit Gretchen)

 

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