Klausur - Jg. 13 - 5 Unterr.-Stunden - Analyse eines fiktionalen Textes

Textausschnitt:

Rosa Montero: Geliebter Gebieter. Roman. Spanien 1988. Dt. 1989 - Kapitel 7, Ausschnitt

[...] Cesar schlug ein Bein über das andere. Stellte sie wieder nebeneinander. Knabberte aus Mangel an Zigaretten an seinen Fingernägeln. Stand auf und sah aus dem Fenster. Unten lag ein kleiner Garten mit einer hölzernen Bank und einem Teich ohne Wasser. Er brauchte zu lange, dieser Medizinmann, um zurückzukommen. Die Uhr war bei seinen Sachen geblieben, aber Cesar schätzte, dass schon mindestens zehn Minuten vergangen sein mussten. Aber halt, Moment. Und wenn dieser Typ für immer verschwunden war? Und wenn für ihn die Visite zu Ende war? Als er ging, hatte er da wirklich gesagt, ich komme sofort zurück? Oder hatte Cesar das Zischeln falsch verstanden und tatsächlich hatte er gesagt Sie können gehen? Was erwartete man von ihm? Was sollte er machen? War es denn nicht einfach lächerlich, wie ein Blödmann in diesem Zimmer auszuharren? Die Ruhelosigkeit kletterte in Form eines Schüttelfrosts seine Wirbelsäule hinauf. Was für eine absurde Situation, sagte sich Cesar mit wachsendem Ärger: Blieb er hier wie ein vergessenes Möbelstück im Sprechzimmer eines Krankenhauses sitzen. Er näherte sich auf Zehenspitzen der Türe und öffnete sie vorsichtig: Auf dem langen Gang war niemand zu sehen. Was wäre richtig, zu bleiben oder zu gehen? Er bemerkte jetzt, dass er sich nicht gut fühlte; tatsächlich war ihm ziemlich übel. Sicher war der leere Magen daran schuld. Und vielleicht trug auch die Verwirrung ihren Teil dazu bei.

Aber was war er doch für ein Dummkopf. Wie hatte er nur zu offen mit dem Arzt reden können, wo er doch wusste, dass diese Abteilung des Krankenhauses oft für die Golden Line arbeitete. Es war höchstwahrscheinlich, dass dieser Typ Morton kannte, oder Quesada; und dass er ihnen alle die Ungeheuerlichkeiten erzählen würde, die er von sich gegeben hatte. Cesar hatte nämlich lang und breit über die Agentur geredet. Er war sogar so weit gegangen, sie mit der Armee zu vergleichen. Als er mit dem Militärdienst dran war, hatte Cesar erklärt, habe er einen Monat damit verbracht, Steine von einer Ecke der Kaserne in die andere zu transportieren. Es lagen dort in einem Hofe zwei Tonnen Steingeröll. Stücke von Steinen, die, wer weiß wie, dort gelandet waren. Also gut, Cesar und seine Leidensgenossen mussten die Steine auflesen, den Hof überqueren und sie in der gegenüberliegenden Ecke aufhäufen, bis der ganze Berg dort lag. Und wenn dann alles Geröll bildschön aufgehäuft auf seinem neuen Bestimmungsort lag, gab man Befehl, es wieder zu seinem ursprünglichen Platz zurückzutragen. Es war, wie Cesar mit der Zeit begriff, ein nie endendes Spiel; und Generationen von Rekruten hatten sich an diesen Stei­nen die Fingernägel kaputtgemacht. Es war nicht gerade ein körperlich übermäßig anstrengender Job. Die Stücke waren nicht groß, und obwohl es harte Arbeit war, ermüdete es weniger als die Manöver. Aber was es einfach unerträglich machte, war die Sinnlosigkeit; die Nutzlosigkeit des Hin­ und Herschleppens; die Würdelosigkeit, die darin bestand, einem schwachsinnigen Befehl Folge leisten zu müssen. Aber halt, dachte jetzt etwa der junge Arzt, eine solche Tätigkeit wäre wirklich sinnlos? Falls er das nämlich dachte, war er völlig auf dem Holzweg. Steine unendlich von einer Ecke in die andere zu befördern, hatte seine Logik, eine ohne Zweifel etwas krankhafte, aber exakte Logik. Auf diese Weise nämlich ließ sich das menschliche Wesen zu blindem Gehorsam abrichten; man brach seinen Stolz, man machte seine Kritikfähigkeit zunichte, man raubte ihm den Verstand. Es war die perfekte Grußform für Unterwürfigkeit. Und das war die Methode, die die Golden Line und alle Golden Line der Welt anwendeten. So oder ähnlich hatte Cesar sich ausgedrückt. All das hatte er dem jungen Arzt erzählt. Wie einfältig er doch war, wie ungeschickt.

Ich bin sofort wieder da. Sie können gehen. Cesar wiederholte mehrere Male leise diese Sätze, und erwog dabei die Möglichkeit einer Verwechslung, eines Verwischens der Silben, eines Überlappens der Reibelaute. Ichbinsofortwiederdasiekönnengehen. Wenn man sie nur schnell genug und ohne genau zu vokalisieren, aussprach, waren die Wörter am Ende fast nicht mehr zu unterscheiden. Hier wurde das Schicksal seines Lebens offensichtlich, dachte Cesar verbittert: dieses Herumschlagen mit nie endenden Missverständnissen. Im Zimmer war es erstickend heiß, wie in einem Backofen. Cesar stand aufs neue auf, öffnete die Tür. Bleiben oder weggehen? Was wäre das richtige Verhalten? Was zum Teufel erwartete man von ihm. Blieb er, konnten Stunden vergehen, bevor eine Krankenschwester das Zimmer betreten würde; oder sogar der Arzt. Was, Sie sind immer noch hier!, würden sie erstaunt ausrufen, und ihn dabei betrachten, wie man einen armen Irren betrachtet. Aber, ginge er, würde der Arzt wahrscheinlich im selben Augenblick zurückkommen. Wo ist denn dieser Schwachkopf hin! würde er, starr vor Staunen, fauchen; und würde Anweisung geben, ihn in allen Gängen des Krankenhauses zu suchen. Wie auch immer er sich entschiede, Cesar war davon überzeugt, dass er sich letztendlich lächerlich machen würde. Vorsichtig schloss er die Tür und kehrte zu seinem Stuhl zurück.

Quesada. Das war ganz sicher Quesadas Schuld! O ja, jetzt war ihm alles klar, und eine plötzliche und ohnmächtige Erkenntnis überfiel ihn. Es war Quesada gewesen, der ihn vor ein paar Tagen darauf aufmerksam gemacht hatte, wie furchtbar er aussähe. Was ist denn mit dir los, Cesar? trompetete er mitten in der Agentur, du bist ja ganz grau im Gesicht, du siehst krank aus, warum lässt du dich nicht mal gründlich untersuchen? Es war Quesada gewesen. Cesar wimmerte leise und klammerte sich an seinen Stuhl.

Ruhe, immer mit der Ruhe. Es war nicht mög­lich. Aber, und wenn doch? Hatte sich der junge Arzt vielleicht nicht auf eine sehr merkwürdige Art verhalten? Am Anfang so zugänglich und auf­merksam? Horchte ihn heimlich still und leise aus! Und als er gehört hatte, was er wissen wollte, hatte er wieder diese berufsmäßige Kälte eines einen ausspionierenden Arztes angenommen. Und andererseits, diese Bemerkung Quesadas, war das nicht eine höchst verdächtige Freundlichkeit? Und wenn das alles ein abgekartetes Spiel wäre? Wenn man ihn in das Krankenhaus geschickt hätte, um seine Unfähigkeit hieb- und stichfest zu beweisen? Er hatte behauptet, die Golden Line wäre eine Gussform für Unterwürfigkeit, würde der Spion von Arzt das weitersagen? Ja, um Himmels Willen. Ja, ja, ja, Cesar hatte behauptet, die Golden Line wäre eine Gussform für Unterwürfigkeit, würde den Stolz brechen, würde einem den Verstand rauben. Asozial, ihm fehlte jegliche Solidarität mit der Firma! Das war es, was man von ihm sagen würde. Er wäre ein Unangepasster, würde man schlussfolgern. Wie war es Cesar nur in den Sinn gekommen, ein solches Pamphlet gegen den Feind loszulassen. Wo er doch im Grunde nicht einmal selbst daran glaubte. Er wischte sich die schweißnassen Hände an dem Kittel ab. Es war so heiß, dass einem das Atmen schwerfiel.

Er musste gehen. Fliehen. Sich aus dieser machiavellistischen Falle befreien. [...]

Quelle: Dies.: Dass. Frankfurt: Suhrkamp (stb 1879) 1991, S. 97, Z. 2 ("Cesar schlug ein Bein...") bis S. 99, Z.34 ("... Falle befreien.")


Aufgabenstellung:  Analysiere und interpretiere den Text.

Erwartungshorizont und Voraussetzungen:

Reihenkontext zu Monteros Roman (diesen Link anklicken)

Die Analyse von Erzähltexten war Gegenstand in mehreren Kurshalbjahren. Dabei wurden als Verfahren vor allem eingeführt: Analyse der Erzähltechniken (Erzählsituation, Redeformen, Struktur und finale Gestaltung, stilistische Mittel) sowie textinterne Kommunikationsanalyse (Situations-, Handlungs- und Redeanalyse). Die Schüler haben den Roman im Unterricht als Beispiel moderner Romantechnik (verunsicherter Held, personale Sicht etc.) und als Beispiel übernational-europäischer Problematik (Verknüpfung der Probleme im Berufs- und Privatleben) kennen gelernt. Neben anderen Teilen wurde auch Kap. 7 des Romans nicht behandelt.

Bei der Analyse können die Schüler erarbeiten:

 

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Klausur einer Schülerin (Daniela M. - LK 13 - 1996):

  Vorarbeit:

Klausurtext:

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 Verbalgutachten:

 Verstehensleistung: Eine äußerst textnahe Analyse, die mit viel Übersicht vielfältige Aspekte untersucht; dabei Einsatz verschiedener Verfahren: Ebenen der Rede, Handlung, grammatische Formen, semantische, stilistisch-rhetorische Mittel, Erzähltechniken; sie kommt sowohl in der psychologisch-inhaltlichen Ebene als auch in der ästhetischen Ebene zu einem sehr guten Textverständnis.

Darstellungsleistung: In klarer Sprache, auch mit fachsprachlichem Anteil, werden die elementhaften Beobachtungen und die inhaltlichen Erkenntnisse gut zueinander in Beziehung gesetzt; dabei werden beschreibende und deutende Formulierungen sehr gut aufeinander bezogen und Gesamteinsichten abgeleitet; der etwas reihende Stil wäre durch deutlichere explizite Gliederung zu optimieren gewesen; nur einzelne (umgangssprachliche) Mängel