Klausurarbeit einer Schülerin zu: Goethe: Faust I, V. 3414 - 3520    [LK 12, 1.Hj., 2. Klausur]

 

 

Aufgabe:

1. Analysiere und interpretiere Faust I, V. 3414 - 3520 mit Hilfe der Kommunikationsanalyse.

2. Gehe bei der Interpretation auf die Frage ein: Welche Bedeutung hat der Dialog für die Beziehung Faust - Gretchen?

 

[leicht bereinigter Text einer Schülerin, 2073 Wörter]

 

1.         Um die Szene „Marthens Garten“ (3414-3520) analysieren zu können, ist es zunächst wichtig, sich einen Überblick zu verschaffen. Sie lässt sich in drei Themenblöcke gliedern:

Faust und Gretchen befinden sich im Garten der Nachbarin. Gretchen eröffnet das Gespräch und zielt sofort auf ein Thema ab, das sie besonders interessiert, nämlich die Religion. Die Verse 3414 bis 3468 handeln von der Differenz zwischen Gretchens dogmatischem Kirchenglauben und Fausts Skepsis einem solchen gegenüber. Das Mädchen hat den dringenden Wunsch zu erfahren, ob Faust ein gläubiger Mensch ist. Der Abschnitt verdeutlicht zudem einen Konflikt in der beschriebenen Zeit des späten Mittelalters: Die konservativen Gottesgläubigen stehen jenen modernen, nach Wissen strebenden Menschen gegenüber, wie Faust einer ist.

Der zweite Abschnitt umfasst die Verse 3469 bis 3501. Hier wird über Mephisto gesprochen. Gretchen hat bemerkt, dass an diesem etwas Unheimliches und Bedrohliches ist. Sie eröffnet Faust, wie sehr sie diese Person verabscheut und fürchtet. Faust hingegen versucht Mephisto zu verteidigen: „Es muss auch solche Käuze geben.“ (V. 3483), was nicht selbstverständlich ist. In der vorangegangenen Szene „Wald und Höhle“ nämlich wurde deutlich, dass Mephisto und der Doktor nicht mehr besonders gut miteinander auskommen. Jetzt aber wünscht Faust nur, ihr die Angst zu nehmen.

Der Dialogschluss (V. 3502 - 3520) vermittelt die Sehnsucht, die beide nacheinander haben. Das größte Hindernis auf dem Weg zu ihrer Erfüllung ist Gretchens Mutter. Faust gibt dem Mädchen deswegen einen Schlaftrunk mit, den sie ihr verabreichen kann. Der Abschnitt endet mit Gretchens Worten, auf welche ich später genauer eingehen möchte.

Wie bereits gesagt, befinden sich Gretchen und Faust allein in Marthens Garten. Somit sind sie in der Natur, die Faust besonders schätzt, aber nicht in wilder und freier Natur. Der Garten stellt ein Stück von Menschen begrenzte und geordnete Erde dar. Dies ist die einzige Art von Freiheit, die bis zu diesem Zeitpunkt für Gretchen möglich ist. Das Zusammensein mit dem Geliebten ist schon ein Wagnis für sie, ganz hingegeben hat sie sich ihm allerdings noch nicht, so dass diese Freiheit noch umzäunt ist. Gretchens Situation spiegelt sich also hier in der Symbolik des Gartens wider.

Auch die Atmosphäre ist mit Gretchens Zustand verbunden. Im Laufe des Textes vollzieht sich eine Steigerung, die Atmosphäre wird erotischer. Im ersten Block haben die Protagonisten noch ein Konfliktgespräch, welches aber schon tiefe persönliche Themen behandelt und emotionsgeladen ist. Außerdem scheint sich Gretchen durch die Frage nach der Religion vergewissern zu wollen, ob Faust wirklich der Richtige ist. Im nächsten Abschnitt offenbart sie sich ihm noch mehr, erzählt von ihren Ängsten und Abneigungen: „Der Mensch, den du da bei dir hast, Ist mir in tiefer innrer Seele verhasst“ (V. 3473). Das immer persönlicher werdende Gespräch erreicht seinen Höhepunkt mit Gretchens Einladung an Faust, in ihr Schlafzimmer zu kommen: „Ich ließ’ dir gern heut Nacht den Riegel offen“ (V. 3506). Diese Aussage zeigt, dass sie bereit ist, mit ihrem Geliebten zu schlafen. Indem Faust ihr den Schlaftrunk für ihre Mutter gibt, haben sie sich sozusagen verabredet und es ist klar, dass sich das Mädchen in dieser Nacht ihrem Geliebten hingeben wird. Gretchens letzte Worte verdeutlichen dies noch einmal: „Ich habe schon so viel für dich getan, Dass mir zu tun fast nichts mehr übrig bleibt.“ (V. 3519 f.) Sie betrachtet ihre Hingabe als ein Geschenk, das größte und letzte, das sie Faust geben kann.

Zur Rollenverteilung ist zu sagen, dass Gretchen sich hier von einer anderen Seite zeigt. Bisher war sie immer nur scheu, brav und naiv, vielleicht sogar nicht besonders intelligent und weltfremd. In dieser Szene jedoch setzt sie sich selbstbewusst für ihren Glauben ein. Ihre gute Intuition zeigt sich darin, dass sie Mephistos eigentliches Wesen erkannt hat, was ein Zeichen dafür ist, dass sie sich durch ihn nicht hat blenden lassen. Schließlich spricht sie sogar den Wunsch aus, mit Faust intim zu werden, wie wir bereits gesehen haben.

Das Gespräch ist also nur oberflächlich harmonisch und von Höflichkeit und Schmeichelei geprägt, was besonders beim ersten der drei Themenblöcke zu beachten wäre. In Wahrheit nämlich kontert Gretchen immer recht hart und scheut sich nicht, ihre Meinung zu sagen: „Das ist nicht recht“ (V. 3421), was natürlich auch verdeutlicht, wie sehr sie Faust traut und sich ihm nah fühlt. Bei ihr liegt ganz klar die Gesprächsdominanz. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass es diesmal Faust ist, der die Situation nicht ganz begreift. Er versucht ständig sich über Gretchen  zu stellen, fühlt sich überlegen, was sich durch Äußerungen wie „Liebe Puppe“ (V. 3476) oder gar schroffe Zurechtweisungen wie „Lass das, mein Kind!“ (V. 3418) äußert. Er stellt sich selbst auf eine höhere intellektuelle Stufe und behandelt Gretchen durch die angesprochenen Sprachhandlungen wie ein kleines Kind. Durch sein Wissen, sein Alter, seinen Stand und durch die Macht, die er durch Mephisto erlangt hat, fühlt er sich als etwas Besseres. In dieser Szene nützt ihm das allerdings überhaupt nichts. Bei Gretchen liegt die Gesprächsdominanz. Sie hat die Gesprächsinitiative und eröffnet und beendet den Dialog; sie bleibt stur, trotz aller Ablenkungen Fausts, auf die ich später noch eingehen möchte, bei ihrem Thema, der Religion. Sie selbst bestimmt auch den neuen Gesprächsinhalt, Mephisto, und sie ist es, die sagt: „Ich muss nun fort.“ (V. 3502) Durch diese verbale Handlung löst sie auch den kommenden Gesprächsteil aus, da Faust sie nun indirekt bittet zu bleiben und sich beide auf den Abend neu verabreden. Dies alles ist nur das Ergebnis ihrer Ankündigung zu gehen und stellt damit eine sehr wichtige Sprachhandlung dar.

Jene Sprechhandlungen werde ich nun näher untersuchen. Es gibt sowohl erinnerte als auch vorausschauende verbale Handlungen, beide gehen wieder von Gretchen aus. „Kommt er einmal zur Tür herein, sieht er immer so spöttisch drein“ (V. 3485 f.), äußert das Mädchen. Sie erinnert sich somit an Mephisto, der zu ihnen stieß. Die vorgestellten Handlungen betreffen die Sehnsucht der beiden. „Und würden wir von ihr betroffen, Ich wär’ gleich auf der Stelle tot!“ (V. 3506 f.), ruft Gretchen aus und stellt sich die Situation vor, wenn ihre Mutter sie mit Faust ertappen würde.

Der Dialog beginnt mit einer Forderung von Gretchen, Faust solle ihr etwas versprechen. Dies leitet den Abschnitt über die Religion ein, in dem sie ständig fragt. Sie ist Faust gegenüber skeptisch und möchte seine wahre Seele erkennen. Ihre Fragen nach Fausts Gläubigkeit sind fordernd: „Nun sag, wie hast du’s mit der Religion?“ (V. 3415); sie werden immer konkreter und gipfeln in der Frage und gleichzeitig der Feststellung: „ So glaubst du denn nicht?“ (V. 3431) Faust versucht fortwährend ihr auszuweichen, abzulenken. Er weist sie sogar, wie gesagt, schroff zurück. Seine Äußerungen zeigen besonders im ersten Abschnitt einen störenden Charakterzug. So reagiert er mit Ironie: „Magst Priester oder Weise fragen, Und ihre Antwort scheint nur Spott Über den Frager zu sein.“ (V. 3428 ff.) Er kritisiert hier nicht nur Priester und Gläubige, sondern wirft gleichzeitig wieder die Frage nach der Wahrheit des Wortes auf, die sich durch den gesamten Text der Tragödie zieht. Hier stellt es eine Querverbindung her, er will aber auch ablenken. Er weicht aus, indem er sagt: „Will niemand sein Gefühl und seine Kirche rauben.“ (V. 3420) Er zeigt dadurch eine Art von Verständnis und Toleranz, sagt aber auch, dass er nicht an die Kirche glaubt. Es wird deutlich, dass seine Art des Glaubens sehr eigen ist. Die Dogmen der Kirche lehnt er strikt ab. Trotzdem will er beweisen, dass er sich auskennt, benutzt z.B. christliche Symbole in seiner Rede, nämlich „Leib“ und „Blut“ (V. 3419). Seine störendste Sprechhandlung ist eine Lüge: Er sagt, er ehre die Sakramente (V. 3423). Um beim Themenkomplex des Christentums zu bleiben ist noch kurz zu erwähnen, dass Faust Gretchen wiederholt „Engel“ nennt, was ihre Unschuld und Reinheit darstellt.

Insgesamt ist dazu zu sagen, dass Fausts Ausweichen wie auch sein zweideutiger und unverständlicher Monolog (V. 3432 - 3458) im Widerspruch zu dem steht, was Gott anfangs über Faust gesagt hat. Er hat ihn als einen sehr gläubigen Knecht beschrieben. Faust beginnt eine Art pantheistisches „Glaubensbekenntnis“ mit rhetorischen Fragen: „Wer darf ihn nennen?“ (V. 3432) und entwickelt seine Gottesidee vom „Allumfasser“ und „Allerhalter“, den er in der ganzen Welt sowie in seiner Geliebten wiederfindet (V. 3438-3450). Eine Erklärung für Fausts Verhalten könnte sein, dass er wirklich schon durch Mephisto für die christliche Religion verdorben wurde und etwas von seiner pessimistischen und nihilistischen Einstellung übernommen hat. Auch Gretchen stellt, den Abschnitt abschließend, fest: „Denn du hast kein Christentum“ (V. 3467). Nach dieser Kritik geht sie weiter im Gespräch und spricht über Mephisto. Dabei offenbart sie fortlaufend ihre Gefühle. Fausts Selbstoffenbarung in dieser Szene ist die Behauptung, er ehre die Sakramente, was ja eine Lüge ist. Dies kann ein Anzeichen für eine bestimmte Art der Rollenverteilung sein sowie von Vorstellungen, die der Autor Johann Wolfgang von Goethe von geschlechtstypischem Sprechen gehabt haben mag. Frauen gelten insgesamt als emotionaler und bereiter, ihre Gefühle zu zeigen, als Männer. Natürlich verdeutlicht es auch wieder, wie sehr Gretchen ihrem Geliebten vertraut.

Zuletzt möchte ich noch über die rhetorischen Mittel im Text sprechen. So gibt es mehrere Apostrophen, die alle von Faust ausgehen und an Gretchen gerichtet sind, z.B. „du holdes Angesicht“ (V. 3432). Wie gesagt zeigt diese scheinbare Höflichkeit auch, dass Faust ihr schmeicheln möchte. Zwei Allegorien kommen in Fausts kurzem Monolog vor: „Der Allumfasser, der Allerhalter“ (V. 3438 f.), mit denen er Gott umschreibt. Die Akkumulation „Nenn’s Glück! Herz! Liebe! Gott!“ (V. 3454) folgt kurz darauf und soll verschiedene Synonyme für dasselbe aufführen. Das Enjambement „Ich habe keinen Namen Dafür! Gefühl ist alles“ (V. 3455) führt den Redefluss des Monologs weiter und vermittelt so Fausts „Gefühlsreligion“. Ein Mittel, welches Gretchen verwendet, ist eine Litotes: „Man sieht, dass er an nichts keinen Anteil nimmt“ (V. 3488), über Mephisto sprechend. Durch diese doppelte Verneinung bekräftigt sie, dass sie Mephistos Allwissenheit erahnt. Zur Verdeutlichung ihrer Antipathie sagt sie: „Ist mir in tiefer innrer Seele verhasst“ (V. 3473). Dieser Pleonasmus bestärkt die Aussage. Faust stellt für sie das Gegenteil von Mephisto dar, in Fausts Armen fühlt sie sich geborgen. Daher lädt sie ihn auch ein.

 

2.         Die Szene bezeichnet einen wichtigen Schritt in der Beziehung von Faust und Gretchen.

Gretchen ist christlich erzogen worden und daher ein bedingungslos gläubiger Mensch. Religion und die daraus resultierenden Tugenden waren ihr bisheriger Lebensinhalt. Deswegen ist es ihr besonders wichtig, zu erfahren, was ihr Geliebter darüber denkt. Sie scheint ihm gegenüber zu wiederholen, was ihr selbst immer gesagt wurde: „Das ist nicht recht, man muss dran glauben!“ (V. 3421) Durch ihre Fragen nach seinem Glauben will sie prüfen, ob Faust der Richtige ist und ob sie sich ihm wirklich hingeben kann. Man hat auch den Eindruck, dass sie schon vorausschaut und eine gemeinsame Zukunft im Blick hat. Außerdem will sie ihm noch einmal verdeutlichen, was ihr der Glaube bedeutet. Vielleicht möchte sie ihm und sich selbst beweisen, dass sie trotz ihrer unerlaubten Gefühle noch eine tugendreiche Gläubige ist.

Allein von der Einstellung zur Religion her passen die beiden nicht zueinander. Da Gretchen dieses bewusst zu werden scheint und sie keine klaren Antworten bekommt, kritisiert sie ihn. Auch fordert sie, Faust solle sich von Mephisto fernhalten. „Und das frisst mir ins Herz hinein; Dir, Heinrich, muss es auch so sein.“ (V. 3501) Sie selbst verabscheut Mephisto, hat Angst, Faust könne durch ihn verdorben werden. Trotzdem gesteht sie ein, wie unterschiedlich sie sich in Fausts Gegenwart fühle. Allerdings scheint sie erzürnt, da Faust sie auch hier nicht ernst nimmt, und droht zu gehen. Faust will sie nur besitzen und schmeichelt ihr daher nach ihrer Androhung: „Ach, kann ich nie Ein Stündchen dir am Busen hängen“ (V. 3502). Da kann Gretchen nicht anders, trotz ihrer Enttäuschung, sie wird von ihren Gefühlen überrollt und antwortet in gleichem Klageton: „Ach, wenn ich nur alleine schlief’!“ (V. 3505) Die Szene läuft auf genau diesen Moment hinaus, hier gibt es einen Wendepunkt in der Beziehung von Gretchen und Faust. Denn nun fühlt sich das Mädchen ihm nah genug, um ihn in ihr Schlafzimmer einzuladen und mit ihm zu schlafen.

Gretchens Schwangerschaft und die Tötung ihres Kindes sowie ihrer Mutter, auch die Ermordung Valentins, der um den Zustand seiner Schwester wusste, resultieren aus diesem Wendepunkt, letztlich auch Gretchens Rettung und Fausts Verdammnis. Hätte Gretchen hier nicht eingewilligt, mit Faust zu schlafen, wäre nichts von alldem geschehen.