Aufgabe Sek. II: Redeanalyse

 

Helmut Schmidt[1]: Buch und Demokratie - Rede zum 10. Mai 1981 in Mainz

 

[...] Wir Deutschen dürfen, wenn wir von Büchern reden, auch stolz sein auf Martin Luther, auf Lessing, auf Goethe, Schiller, auf die ganze lange Reihe von Dichtern und Denkern, bis auf unsere Gegenwart. Sie alle haben unser Denken mitgeformt. Sie haben auch zu dem Bild, das sich die Welt von den Deutschen macht, Wichtiges und Positives beigetragen.

Heinrich Böll schrieb mir dieser Tage, nach seinen Erfahrungen, auch als ehemaliger Präsident des P.E.N.[2], beruhe der internationale Ruf unseres Landes zu einem großen Teil auf dem Ansehen unserer Literatur. Das werde gewöhnlich unterschätzt. Ich füge hinzu: Das gilt nicht nur gegenüber der westlichen Welt. Böll selbst hat beispielsweise große Wirkung in der Sowjetunion entfaltet. Unsere Klassiker stehen in vielen Ländern der Erde in hohem Ansehen.

Das gilt, wenn wir an zeitgenössische Literatur denken, keineswegs nur für Autoren aus der Bundesrepublik Deutschland. Es gilt auch für Autoren aus der Deutschen Demokratischen Republik. Was sie schreiben, trägt wesentlich zum Bild von Deutschland in der Welt bei.

Ich spreche von deutscher und deutschsprachiger Literatur der Gegenwart: Weil deutsche Literatur über politische Grenzen geht, auch über verdrahtete, betonierte und verminte Grenzen. Weil diese Literatur Widersprüche aufgreift, Widersprüche austrägt, auch Widersprüche aufhebt; und weil diese Literatur - von der deutschen Sprache her, von der deutschen Sache her - der Nation verpflichtet bleibt. Gegenüber dieser Verpflichtung hat die vielberufene Polarisierung von Geist und Macht an Schärfe verloren.

Wenn wir zurückschauen in unserer Geschichte auf jene Stationen, an denen sich Politik und Literatur eng berührt haben, dann haben wir auch vielfachen Anlass zum Bedauern und zur Scham.

Der 10. Mai ist ein Jahrestag dafür. Am 10. Mai 1933 wurden in Deutschland Bücher verbrannt: systematisch und fanatisch - um das sogenannte „Undeutsche Schrifttum“ auszubrennen.

Es war nicht das erste Mal, dass in einem Land Schwarze Listen für Bücher angelegt wurden. Kaum ein Werk der Weltliteratur, das nicht irgendwann einmal auf einer Schwarzen Liste gestanden hätte.

Es war auch nicht das erste Mal, dass Bücher verbrannt wurden. Aber die Gründlichkeit, die Brutalität und die dumpfe Wirklichkeit, mit der hier in Deutschland zu Werke gegangen wurde - das ist tief erschreckend.

In April erschienen in den gleichgeschalteten Zeitungen lange Listen von Autoren und Büchern, die ausgeschaltet werden sollten: von Bebel und Bernstein bis Zuckmayer, mit Namen wie Werner Bergengruen und Bert Brecht, Alfred Döblin und Hermann Hesse, Erich Kästner, Else Lasker-Schüler, Theodor Plivier, Erich Maria Remarque, Arthur Schnitzler, um nur einige zu nennen. Menschen ganz unterschiedlicher Prägung. Schriftsteller mit ganz unterschiedlichen Ansichten und Aussagen. Sie alle passten nicht unter die neue Norm der Engstirnigkeit; auch Heinrich Heine nicht, auch Kafka nicht, als dann die Schwarzen Listen verlängert wurden, um nach den Lebenden auch die Toten zu verdammen.

„Der 10. Mai 1933“, so schreibt Karl-Dietrich Bracher, „war das erste große Datum in der Geschichte der Gleichschaltung und Zerstörung der Literatur ... Der 10. Mai 1933 gehört in dieselbe Reihe wie Reichstagsbrand und Judenboykott.“

Heinrich Heine hatte es vorausgesagt: „Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen.“ [...]

Ich möchte [...], zum Tag des Buches 1981, rückschauend auf den nationalsozialistischen Büchermord vor einem halben Jahrhundert, eine Warnung für die Zukunft aussprechen - nicht als Alarmruf, eher als Mahnung mit der Bitte um Gehör in unserer Öffentlichkeit:

Ich warne vor der Gefahr eines neuen Analphabetismus, der die geschriebenen Wörter gering schätzt und der viele Menschen in eine neue, selbstverschuldete Unmündigkeit hineinlullen könnte. [...]

Ich will nicht über die Spannung zwischen Wort und Tat reden, Ich weiß auch, dass das Wort nicht allein die Demokratie, besser gesagt: den demokratischen Prozess stützen und vorwärts bewegen kann. In unserer gegenwärtigen Situation zum Beispiel gibt es vieles zu tun, wenn die Hauptbücher unserer Wirtschaft und unseres Handels, vor allem aber die Beschäftigung wieder in Ordnung kommen sollen, d.h.: wenn der Strukturwandel unserer Wirtschaft gelingen soll. Große Worte helfen da nicht weiter. Ich weiß aber doch: Ohne das Nachdenken, ohne das Nachlesen dessen, was andere vorher geschrieben haben, ist Demokratie nicht zu erhalten. [...]

Wir haben erlebt, wie aus dem „Volk der Dichter und Denker“ ein „Volk der Richter und Henker“ wurde. Karl Kraus, der dieses Wort prägte, gehörte zu denen, deren Bücher im Mai 1933 verbrannt wurden.

Wir wollen nicht erleben, wir dürfen nicht zulassen, dass wir zu einem „Volk von Saturierten und Manipulierten­“[3] werden!

Das Recht auf den Gebrauch des eigenen Verstandes, das Recht auf Ausgang aus der Unmündigkeit, wie es Kant proklamiert hat - ist nicht nur Anspruch, sondern auch Gebot! Es ist dies keine leichte Pflicht für den Demokraten; denn mancher sehnt sich danach, es sich in der Unmündigkeit bequem zu machen. [...]

Eine Revolution in der Kommunikation zwischen Menschen hatte vor Jahrhunderten hier in Mainz mit der Erfindung der Buchdruckerkunst mit beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg begonnen. Das war ein großer Schritt, mit dem das pergamentene Herrschaftswissen nunmehr einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde: Durch Bücher und Schriften, mit sehr unterschiedlichen Inhalten, unter immer neuen Titeln, schließlich zu einer Drucklawine anschwellend - im letzten Jahr 285 000 Titel bei der Frankfurter Buchmesse, darunter 86 000 Neuerscheinungen. [...]

Es ist schwer, die Wirkung eines Buches zu messen oder zu sagen, welche Bücher die demokratische Entwicklung besonders beeinflusst haben. Gewiss Montesquieu, gewiss Rousseau oder auch Tocqueville mit seinem Buch „Über die Demokratie in Amerika“. Von deutschen Autoren sicherlich Kant und die preußischen Reformer Stein und Hardenberg, später Max Weber und Friedrich Naumann.

Die politische Wirkung von Adam Smith und Karl Marx steht außer Zweifel, ebenso die wirtschaftspolitische Wirkung von John M. Keynes, seiner „General Theory of Employment, Interest and Money“, seines Postulats der Vollbeschäftigung.

Ich füge sofort hinzu: Das ist eine willkürliche Auswahl von Autoren und von Büchern.

Wer über den Zusammenhang von Buch und Demokratie nachdenkt, mag ebenso Milton oder Thomas Paine oder Thomas Jefferson nennen (sie haben übrigens auch alle einmal auf Schwarzen Listen gestanden, John Milton mit „A Speech for the Liberty of Unlicenced Printing“). [...] Wenn aber dieser Zusammenhang besteht zwischen Buch und Demokratie, im Sinne einer gegenseitigen Förderung und Bestärkung, dann müssen wir, um unserer Demokratie willen, zweierlei erhalten:

Erstens - ein breitgefächertes, unzensiertes, weithin verfügbares Angebot an Büchern;

und zweitens und wichtiger: - die Fähigkeit und die Neigung der Menschen zum Lesen muss gestärkt werden! [...]

Ich denke, wir brauchen ein Gleichgewicht: Einerseits die Fähigkeit zu stiller Selbstfindung, zur Selbsterziehung - und dafür sind Bücher unsere besten Freunde. Andererseits die Fähigkeit zum Gespräch, zum kommunikativen Miteinander, zum Gedankenaustausch, zur gemeinsamen Meinungsbildung. Wenn es an dem einen oder an dem anderen fehlt, dann leiden die Menschen als Personen, leidet die Gesellschaft, leidet die Demokratie. [...]

[in: Praxis Deutsch, 1981, S. 5 f.

aus: Helmut Schmidt: Ausgewählte Texte. München: Goldmann 1988, 196 ff. ]

 

Hauptaufgabe: Analysiere den Text mit den dir bekannten Verfahren der Redeanalyse.

 

Weiterführender Auftrag: Schreibe eine Stellungnahme zu Schmidts Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Literatur und Politik - und beziehe dabei deine Kenntnisse aus dem Unterricht zum Thema „Aufgaben der Literatur“ ein.

 

© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de

 



[1] dt. Bundeskanzler 1974-1982

[2] P.E.N. = Schriftsteller-Vereinigung

[3] saturiert = satt, zufrieden