Textanalyse optisch

 

Andreas Gryphius:   

 

Abend  

 

Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn              

Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen

Verlassen Feld und Werk; wo Tier' und Vögel waren,

Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

 

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.          

Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren

Ich, du, und was man hat und was man sieht, hinfahren.

Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn.

 

Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten,

Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!

Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

 

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,

Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,

So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.

 

(1650 v)

 

BILDKOMPLEXE AUS EINZELBILDERN:

 

Der SCHNELLE Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn

Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen

Verlassen Feld und Werk; wo Tier' und Vögel waren,

Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

 

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.          

Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren

Ich, du, und was man hat und was man sieht, hinfahren.

Dies Leben kömmt mir vor als eine RENNEBAHN.

 

Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem LAUFPLATZ gleiten,

Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!

Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

 

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,

Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,

So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.

 

 

Abend: Tag - Nacht im Kontrast

Bild des Abends in verschiedenen Bereichen: Himmel, Menschen, Erde;

 

Schiffsmetapher

 

RENNBAHN-Metapher

 

Verfallsmetapher

 

Jenseitshoffnung

 

 

Kontrast von Diesseits und Jenseits

 

 

APPELLATIVE ELEMENTE:

 

Der schnelle Tag ist hin, die Nacht schwingt ihre Fahn                      

Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen

Verlassen Feld und Werk; wo Tier' und Vögel waren,

Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

 

Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.          

Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren

Ich, du, und was man hat und was man sieht, hinfahren.

Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn.

 

Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten,

Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!

Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

 

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,

Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen,

So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.

 

 

Aus der Erfahrung und Beschreibung des Daseins ...

→ appellativer Ausruf

 

 

Aus der Prognose der Zukunft...

 

 

→ direkter Appell - Aufforderung im Imperativ

 

 

VERNETZUNG SINNTRAGENDER WÖRTER:

Der schnelle TAG ist hin, die NACHT schwingt ihre Fahn               

Und führt die Sternen auf. Der Menschen müde Scharen

Verlassen Feld und Werk; wo Tier' und Vögel waren,

Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit vertan!

 


Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glieder Kahn.          

Gleich wie dies Licht verfiel, so wird in wenig Jahren

Ich, du, und was man hat und was man sieht, hinfahren.

Dies Leben kömmt mir vor als eine Rennebahn.

 

Laß, höchster Gott, mich doch nicht auf dem Laufplatz gleiten,

Laß mich nicht Ach, nicht Pracht, nicht Lust, nicht Angst verleiten!

Dein ewig heller Glanz sei vor und neben mir!

 

Laß, wenn der müde Leib entschläft, die Seele wachen,

Und wenn der letzte TAG wird mit mir ABEND machen,

So reiß mich aus dem Tal der Finsternis zu dir.

 

 

 

Mensch und Welt als Tal der Finsternis,

 

 

 

im schnellen Verfall,

 

 

 

geprägt von Kontrasten,

 

 

Hoffnung auf Gott,

 

erfleht

 

 

 

 


Integration der drei Komplexe und Ausformulierung der Textaussage

 

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Joseph von Eichendorff

 

Der Abend

 

Schweigt der Menschen laute Lust:

Rauscht die Erde wie in Träumen

Wunderbar mit allen Bäumen,

Was dem Herzen kaum bewusst,

Alte Zeiten, linde Trauer,

Und es schweifen leise Schauer

Wetterleuchtend durch die Brust.

 

(Entstanden 1817, Erstdruck 1823)

 

[Ders.: Gedichte [Ausgabe 1841], S. 50. Digitale Bibliothek Band 1: Deutsche Literatur, S. 22247]

 

KLÄNGE:

 

          /               /             /         /

Schweigt der Menschen laute Lust:

     /                /        /           /

Rauscht die Erde wie in Träumen

      /         /         /           /

Wunderbar mit allen Bäumen,

     /             /           /            /

Was dem Herzen kaum bewusst,

  /        /         /           /

Alte Zeiten, linde Trauer,

   /                 /        /            /

Und es schweifen leise Schauer

     /        /               /                /

Wetterleuchtend durch die Brust.

 

 

Takt:

        /               /                /         /

 

=  XX │ XX │ XX │ X(X) │

regelmäßige vierhebige Trochäen: Gleichmäßigkeit;

1.,4., 7. Vers ohne letzte Senkung: symmetrische Anlage um 4. Vers herum;

Schweigt der Menschen laute Lust:

Rauscht die Erde wie in Träumen

Wunderbar mit allen Bäumen,

Was dem Herzen kaum bewusst,

Alte Zeiten, linde Trauer,

Und es schweifen leise Schauer

Wetterleuchtend durch die Brust.

 

 

Reim (zählt ab letzter betonter Silbe/Hebung):

ebenfalls Symmetrie durch paarige Reime zwischen umfassenden Reimen; vgl. Takt

Schweigt der Menschen laute Lust:

Rauscht die Erde wie in Träumen

Wunderbar mit allen Bäumen,

Was dem Herzen kaum bewusst,

Alte Zeiten, linde Trauer,

Und es schweifen leise Schauer

Wetterleuchtend durch die Brust.

 

 

Vokalklang:

Wiederholung von „ei“, „au“, „äu“, „u“; volle, weiche, sich gegenseitig stützende Klänge; s. vor allem im vorletzten Vers

Schweigt der Menschen laute Lust:

Rauscht die Erde wie in Träumen

Wunderbar mit allen Bäumen,

Was dem Herzen kaum bewusst,

Alte Zeiten, linde Trauer,

Und es schweifen leise Schauer

Wetterleuchtend durch die Brust.

 

 

Alliteration:

viele weiche Klänge w, b, l  -  im Kontrast zu wenigen sch und t

 

 

 

Bestimmung der Funktion und Wirkung

 

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Vergleich des Motivs: „Abend“
im epochalen Kontext Barock - Romantik

 

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