„Epochenumbrüche“ als literarhistorischer Zugriff auf Literatur

nach dem Lehrplan Deutsch Gymnasium Oberstufe NRW 1999

mit dem Leitmedium Facetten

 

 

Obligatorik (RLL NRW 1999, S. 35):                            

                                 

Epochenumbrüche:

Grundkurse

- 18./19. Jh. („um 1800“)

- 19./20. Jh. („um 1900“)

- Literatur der Gegenwart

Leistungskurse zusätzlich:

  - Literatur vor 1700  

  - Nachkriegszeit

 

 

Didaktik:                  „Epochenumbruch“ statt Epochenfolge !

                                                                                        

                                  Veränderungen, Überlagerungen, Entwicklungen:

                                  die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“

 

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Beispiel „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“

 

- in FACETTEN: „Das Janusgesicht der Moderne“ -

(Gesamtausgabe 305 ff. = Arbeitsheft „Epochen und Epochenumbrüche der deutschen Literatur“ 43 ff.)

 

Methodik:       

 

Kontrastierung:    Umbrüche an kontrastierten Texten entdecken

         im Wirklichkeitsbezug,

         im Wahrnehmungsverhalten,

         in literarischer Form und Gestaltung

 

Facetten-Beispiel: lyrische und epische Kontrasttexte zu Großstadterfahrungen, 306 ff.

               

Thematisierungen: Schlüsselprobleme der Umbruchepoche erkennen

         in der literarischen Verarbeitung

         in den Leitbegriffen der Epoche

         ideen- und mentalitätsgeschichtlich

 

Facetten-Beispiel:  1. Großstadt     2. Industriegesellschaft   3. Sinn- und Sprachlosigkeit

 

Theoriebildung:    Hintergrundtexte zum Selbstverständnis der Epoche erarbeiten

         Sachtexte der Epoche

         zu den soziohistorischen Entwicklungen

         zu den ästhetischen Veränderungen

 

Facetten-Beispiel:  Reflexionen (314) - Randspalteninformationen (316) - Sachtexte (326)

 

Vernetzungen:       - literarästhetische, kultur- und ideengeschichtliche, alltagsgeschichtliche, sozial- und

mentalitätsgeschichtliche Aspekte – mit den Erkenntnissen der Schülerinnen und Schüler, unter

historischer Differenzerfahrung – fachübergreifend mit den Erkenntnissen in Kunst, Musik, Sozialwissenschaften, Naturwissenschaften etc.

- im Unterricht: Angebote in Lehrwerk – Medien – Ganzschriften – Informationspools

         Texte und Textgruppen verknüpfen

         Kapitel „Reflexionen über Literatur“ (401)

         Epochenübersicht (552)

         Epochenbegriffe im literarischen Glossar (536)

 

Facetten-Beispiel:  expressionistische Perspektive: 312 ff. - 330 -73; 309; 315 / 406 / 426 / 540 / 552        

 

weiter zu Vernetzungen s. hier

 

 
„Epochenumbrüche“

 

Viele Untersuchungen der Unterrichtsforscher bestätigen die Vermutung, dass die im Deutschunterricht angezielten „Qualifikationen“ enger mit „Sprache“ und „Schreiben“ als Gegenstandsfeldern korrelieren als mit „Literatur“ (vgl. Fingerhut, Germanistentag NRW Bonn 2000). Angesichts der vielfältigen Aufgaben des Deutschunterrichts ist eine in der gymnasialen Praxis tradierte Überbetonung des Literaturunterrichts mit 70 - 80 % des Unterrichtsvolumens nicht mehr tragfähig. - So ist vor allem eine systematische, abbildende Rekonstruktion der literarhistorischen Epochenfolge nicht mehr möglich. In einer didaktischen Entscheidung erfolgt der Zugriff auf die Literaturgeschichte von daher über Epochenumbrüche - auch Epochenschwelle oder Epochenwende -, in denen  zeitlich ausgedehnte Transformationen stattfinden.

Die „Umbrüche“ 18./19. und 19./20. Jahrhundert sowie der Nachkriegszeit und der Gegenwart bieten über unterschiedliche Themen und Schreibweisen Einblicke in kulturelle Entwicklungen, in die Veränderungen der epochalen Selbst-, Welt- und Kunstkonzepte. Die Textensembles zu einem Umbruch dienen also in erster Linie dazu, über die Methoden des Kontrastierens und Vergleichens die unterschiedlichen Positionen unter Zeitgenossen und die Veränderungsprozesse in einem Zeitraum und somit die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ - wie z.B. von Naturalismus, Symbolismus, Fin de Siècle, Expressionismus und Neuer Sachlichkeit um 1900 - zu erfahren. Der Paradigmenwechsel in einer Umbruchepoche wird in synchronistischer Form durch die Parallelität verschiedener kultureller Konzepte, Lebensformen und Bewusstseinslagen erkennbar. Dies wird möglich, indem für die jeweilige Umbruchepoche zu den zentralen Epochenthemen - wie z.B. neue Großstadterfahrungen, Erfahrungen in der Industriegesellschaft und Erfahrungen von Sinn- und Sprachlosigkeit um 1900 - die verschiedenartigen literarischen Zugriffs- und Gestaltungsformen angeboten werden. Zum einen gilt es, den Wettbewerb der Konzepte zu beobachten und die Entwicklungstendenzen sowie die Durchsetzungsstrategien zu erschließen, zum anderen können historisch-genetische Fragestellungen zu den Ursachen und Folgen der Veränderungsprozesse einbezogen werden.

Es ist realistisch zu sehen, dass sich die Schülerinnen und Schüler so nur exemplarisch, aber vertieft mit Ausschnitten der Literaturgeschichte befassen werden. Dies hat auch das Ziel,

-       dass sie auf  diese Weise die literarhistorischen Epochen als mentales Konstrukt mit vielen Interferenzen kennen lernen

-       dass sie die Konfrontationen im Diskurs eines Epochenumbruchs als Ort historischer Selbstvergewisserung sehen und mit eigenen Erfahrungen der historischen Differenz verbinden

-       und dass sie die divergenten Diagnosen und Lösungsmodelle in der Literatur eines Epochenumbruchs inhaltlich als Anlass nehmen, sich selbst gemeinsam und kontrovers mit menschlichen Schlüsselproblemen wie der Beziehung von Ich und Gesellschaft oder der Erfahrung von Natur und Technik oder der Begegnung mit eigenen und fremden Kulturen oder der Sicht auf Realität und Transzendenz oder der Bedeutung von Kunst und Literatur auseinander zu setzen.

 

 

Lehrplan Deutsch Gymnasium/Gesamtschule Sek. II (NW 1999) zu „Epochenumbrüchen“

 

[S. 18 - Kriterien der Textauswahl:] Die (literar-)historische und kulturelle Bedeutung sowie die sprachliche und künst­lerische Qualität zeigen sich

• in nachhaltiger Wirkungsgeschichte

• in aktueller Rezeption

• in ihrer kulturhistorischen Repräsentanz (Akzentuierung der Umbrüche vom 18. zum 19., vom 19. zum 20. Jahrhundert und der Gegenwart)

• (für den Leistungskurs) in der Berücksichtigung von Literatur vor 1700 und des Umbruchs der Nachkriegszeit.

 

Die beiden Epochenumbrüche vom 18. zum 19. Jahrhundert und vom 19. zum 20. Jahrhundert bieten ein reiches Spektrum an Texten unterschiedlicher Schreibweise und Perspektive, die Einblicke in die kulturelle Entwicklung verschaffen. Die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ von Aufklärung, Sturm und Drang, Klassik und Romantik zeigt die produktiven Widersprüche, die bis in die Gegenwart fortwir­ken. Die zeitliche Parallelität von Naturalismus, Expressionismus und Neuer Sach­lichkeit kennzeichnet die Anfänge der Moderne, in der wir heute leben. Eine Kon­zentration auf die Zeiträume, deren Bedeutung für die Gegenwart außer Frage steht, sichert somit auch das notwendige literarhistorische Grundlagenwissen und Kenntnisse und Einblick in ein breites Spektrum literarischer Strömungen.

Der Vorteil dieser Konzentration besteht darin, dass den Schülerinnen und Schü­lern über das Vergleichen und Kontrastieren von Texten, Schreibweisen und Be­wertungen interessante Lernwege eröffnet werden. Die Lehrperson kann Lernge­genstände (Texte/Themen) und Aufgabenstellungen so konstituieren, dass ein as­pektreicher Unterricht möglich ist.

[...]

[S. 32 f. Obligatorische Vorgaben:] Die Unterrichtsplanung, die sich an historischen Bezügen und Epochen orien­tiert, hat für den Deutschunterricht immer schon eine wichtige Rolle gespielt. Um Überforderungen zu vermeiden, ist allerdings eine Konzentration auf bestimmte Zeiträume und Epochen erforderlich. Angesichts ihrer Bedeutsamkeit für die unmit­telbare Gegenwart ist eine angemessene Berücksichtigung der beiden Epochen­umbrüche vom 18. zum 19. Jahrhundert bzw. vom 19. zum 20. Jahrhundert unver­zichtbar. Von hier lassen sich Traditionen herleiten, die bis in die Gegenwart rei­chen. Diese Konzentration berücksichtigt auch, dass es eine Literatur im modernen Sinne als öffentliche Institution in Deutschland erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts gibt und dass das Nachdenken über Sprache als Medium der Erkenntnis und der Verständigung diesen historischen Prozess konstitutiv begleitet hat. Im Leis­tungskurs sind auch Texte und ihre Entstehungszusammenhänge zu thematisie­ren, die vor 1700 geschrieben sind. Der Umbruch zur Neuzeit (15./16. Jahrhundert) scheint hier für eine vertiefte Auseinandersetzung besonders geeignet.

Eine Orientierung an historischen Entwicklungen bedeutet für den Unterricht kei­neswegs, linear-chronologisch vorzugehen. Ein solches Vorgehen könnte leicht die Gegenwart aus dem Blick verlieren und damit auch die Tatsache, dass es der aus der Gegenwart gewonnene Blickwinkel ist, aus dem vergangene Epochen gesehen werden. Es sollte also möglich sein, einzelne Entwicklungsstränge problemorien­tiert zu verfolgen, entweder von der Vergangenheit zur Gegenwart fortschreitend oder von der Gegenwart zurückgehend in die Vergangenheit.

 

 

Die Vermittlung der Umbrucherfahrungen  in einem Lehrwerk

 

Sie erfolgt (z.B. in FACETTEN, Seitenangaben daraus) durch verschiedene methodische Strategien (s.o.):

 

1. Kontrastierung: Umbrüche können an kontrastierten Texten entdeckt werden, Umbrüche im Wirklichkeitsbezug, im Wahrnehmungsverhalten, in der literarischen Form und Gestaltung.

Beispiel-Kapitel „Epochenumbruch 19./20. Jahrhundert“:

- lyrische und epische Kontrasttexte zu Großstadterfahrungen (S. 306 ff.):

Gedichte: Julius Hart: Auf der Fahrt nach Berlin – Ernst Stadler: Fahrt über die Rheinbrücke bei Nacht;

Prosa: Wilhelm Raabe: Die Chronik der Sperlingsgasse (Auszug) – Alfred Döblin: Berlin Alexanderplatz (Auszug) – Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen (Auszug);

- dramatische Kontrasttexte zur Industriegesellschaft: Hauptmann: Die Weber – Sinclair: Der Sumpf – Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe

lyrische, epische und szenische Kontrasttexte zur Sinn- und Sprachlosigkeit: Brecht: Der Nachgeborene – Lasker-Schüler: Weltende – Benn: Versprengtes Ich – Kafka: Vor dem Gesetz – Wedekind: Frühlings Erwachen

 

2. Thematisierungen: Umbrüche werden deutlich an den Schlüsselproblemen der Umbruchepoche, an der literarischen Verarbeitung, an den Leitbegriffen der Epoche, an ideen- und mentalitätsgeschichtlichen Verschiebungen.

- „Großstadt“: Stadterfahrungen im Gedicht (Heym, Loerke, Wolfenstein, Kästner)

- „Industriegesellschaft“: Erfahrungen in der Industriegesellschaft (Hauptmann: Weber, Sinclair: Der Sumpf, Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe)

- Sinn- und Sprachlosigkeit“: Brecht: Der Nachgeborene – Lasker-Schüler: Weltende – Benn: Versprengtes Ich – Kafka: Vor dem Gesetz – Wedekind: Frühlings Erwachen – Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Freud: Die Entdeckung des Unbewussten, Freud: Trieblehre, von Hofmannsthal: Ein Brief – Morgenstern: Der Nachtschelm, Huelsenbeck: Erklärung, Schwitters: An Anna Blume, Ringelnatz: Ich hab dich so lieb

 

3. Theoriebildung: Hintergrundtexte legen das Selbstverständnis im Umbruch offen, Sachtexte aus der Epoche zu den soziohistorischen Entwicklungen und zu den ästhetischen Veränderungen.

- Nachdenken über die Großstadt (Horvath, Krakauer)

- Gedanken zur Lage der Gesellschaft (Büchner, Marx, Engels)

- Krisenbewusstsein: Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, Freud: Die Entdeckung des Unbewussten, Freud: Trieblehre, von Hofmannsthal: Ein Brief – Musil: Geistiger Umsturz

 

4. Vernetzungen: Die im Epochenumbruch zusammentreffenden Informationen über verschiedene Strömungen (literarische Epochen) und die zentralen Aspekte der Umwälzungen können durch Orientierungswissen und orientierenden Vergleich mit den Angeboten im Buch überblickt werden:

- Texte und Textgruppen des Kapitels verknüpfen

- Kapitel „Reflexionen über Literatur“ (401) – insbesondere: „Probleme der Literaturgeschichtsschreibung“ (Rosenberg, Conrady)

- Epochenübersicht (552)

- Epochenbegriffe im literarischen Glossar (536)

weiter zu Vernetzungen s. hier

 

 

Zudem stößt das Kapitel mit seinen Auszügen die Lektüre von Ganzschriften an:

Wilhelm Raabe: Die Chronik der Sperlingsgasse

Irmgard Keun: Das kunstseidene Mädchen

Gerhart Hauptmann: Die Weber

Upton Sinclair: Der Dschungel

Bertolt Brecht: Die heilige Johanna der Schlachthöfe

Franz Kafka: Der Prozess

Frank Wedekind: Frühlings Erwachen

Romane von Horváth, Musil…

 

Darüber hinaus ermöglicht die Serie der Texte in einem Kapitel und die Reihe der Kapitel im Lehrwerk in Verbindung mit den kulturgeschichtlichen Synopsen sowie den literarischen Fachbegriffen im Glossar (Teil C) auch ein Überblickswissen und eine diachrone Aspektuierung der Epochenfolge z.B. von Realismus, Naturalismus, Fin de Siècle, Expressionismus, Dada, Neue Sachlichkeit etc. -

 

Literaturhinweis zu „Epochenumbruch“

 

-   Fingerhut, Karlheinz: Didaktik der Literaturgeschichte. In: Bogdal, Klaus-Michael u. Korte, Hermann (Hrsg.): Grundzüge der Literaturdidaktik. 2. Auflage, München: dtv  2003, 147-165

-   Bialkowski/Einecke/Meyer-Bothling/Post/Thürmann/Walter: Epochen und Epochenumbrüche der deutschen Literatur. Leipzig: Klett 2002

-   Dies.: Deutsche Literatur der Gegenwart. Ebd. 2002

-   Dies.: Facetten. Lese –und Arbeitsbuch für die Oberstufe. Ebd. 2002

-   Fingerhut, Karlheinz / Fingerhut, Margret: Epochenumbruch 1800: Aufklärung – Sturm und Drang. Berlin: Cornelsen 2003

-   Dies.: Epochenumbruch 1800: Klassik und Romantik. Ebd. 2004

-   Themenheft „Epochenumbrüche“: Deutschunterricht (Westermann) 6/2004

 

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Verschiedene Zugriffe auf Literatur

 

Es bleibt noch der Hinweis, dass der literarhistorische Zugriff auf Literatur nur eine Form der Beschäftigung mit Literatur in der Oberstufe darstellt.

Daneben treten methodenorientierte, textimmanente, textanalytische, produktionsorientierte, rezeptionsorientierte, intertextuelle,  interkulturelle, motivgeschichtliche u.a. Zugriffe.

Das mag man sich ebenfalls am Beispiel von Facetten verdeutlichen: s. Bezugsrahmen Literatur

 

Und dabei ist zusätzlich zu berücksichtigen, dass Literatur nur einen Teil des Oberstufenunterrichts ausmacht, neben „Schreiben“, „Sprache“ und „Medien“.

© G. Einecke - www.fachdidaktik-einecke.de