Fachleiterinnen und Fachleiter für das Fach Deutsch

der Studienseminare Sekundarstufe II

bei der Bezirksregierung Köln                                               Bensberg, den 6. Juni 2000

 

 

Herrn Ministerpräsident

des Landes

Nordrhein-Westfalen

Wolfgang Clement

Stadttor
40213 Düsseldorf

 

Frau Ministerin

Gabriele Behler

Ministerium für Schule und Weiterbildung, Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen

Völklinger Str. 49
40211 Düsseldorf

 

Vorsitzender des

Schulausschusses des

Landtages NRW

Platz des Landtags 1

Postfach

40002 Düsseldorf

 

Bildungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen

Platz des Landtags 1

Postfach

40002 Düsseldorf

 

Bildungspolitischer Sprecher der CDU-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen

Platz des Landtags 1

Postfach 10 11 43

 40002 Düsseldorf

 

Bildungspolitischer Sprecher der FDP-Landtagsfraktion Nordrhein-Westfalen

Platz des Landtags 1

Postfach

40002 Düsseldorf

 

Bildungspolitischer Sprecher

der Fraktion

BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN
im Landtag NRW

Platz des Landtags 1

Postfach

40002 Düsseldorf

 

Landeselternschaft der

Gymnasien in NRW

Mühlenstr. 129

41236 Mönchengladbach

Vorsitzender des Landes­arbeitskreises der Fachleiterin­nen und Fachleiter NRW

Herrn

OStD Andreas Pfennings

Malmedyer Str. 61

52066 Aachen

Bezirksregierung Köln

Dez. 45

Herrn Dr. Raue

50606 Köln

Redaktion „Seminar“

Dr. Evelyn Jolles-Neugebauer

Nußbaumerstr. 76

50823 Köln

Staatliches Prüfungsamt für Zweite Staatsprüfungen für Lehrämter an Schulen

Wagnerstr. 10

40212 Düsseldorf

 

 

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

 

 

wir Fachleiterinnen und Fachleiter für das Fach Deutsch an den Studienseminaren der Sekundar­stufe II erklären uns nicht einverstanden mit dem gegenwärtigen

 

Abbau der Fachlichkeit in der Lehrerausbildung

 

durch die neue „Ordnung des Vorbereitungsdienstes und der Zweiten Staatsprüfung für Lehrämter an Schule (OVP)“ des Landes NRW vom 12.12.1997.

 

Trotz der Erklärungen in der OVP § 6 zum „wissenschaftlich fundierten Prozess“ des Vorberei­tungsdienstes und eines Hinweises auf den „fachwissenschaftlich fachbezogenen und fachübergrei­fenden Unterricht“ entsteht mit der neuen OVP ein Abbau der Entwicklung fachlicher Kompeten­zen der Referendarinnen und Referendare zugunsten einer allgemeinen Pädagogisierung. Dies zei­gen die Erfahrungen im ersten Durchlauf der neuen OVP an den Studienseminaren.

Die im Primarbereich begonnen Überlegungen für die neue OVP wurden vom Ministerium undiffe­renziert auch auf die gymnasiale Oberstufe übertragen, - ohne Rücksicht auf die in dieser Schulform /-stufe deutlich anderen Ansprüche an Fachlichkeit. D.h.:

 

1.      Es gibt nur noch 5 Unterrichtsbesuche der Fachleiterinnen und Fachleiter statt der früheren 8 - 10, in denen die fachdidaktische und fachliche Beratung und Betreuung erfolgt.

2.      Es gibt in den Fächern keine Gruppenhospitationen mehr, in denen früher innovativ gearbeitet wurde und fachdidaktisch mit allen Teilnehmern auch die fachlichen Standards am Beispiel er­örtert wurden.

3.      Es kann keine selbständige und gründliche Einarbeitung ins Fach und in die Fachdidaktik mehr erfolgen, da wegen des selbständigen Unterrichts der Referendarinnen und Referendare ab dem zweiten Ausbildungshalbjahr im ersten Halbjahr nur noch Kurzeinführungen und eine Rezepto­logie möglich sind. Referendarinnen und Referendare sind so keine „Lernersubjekte“ mehr, wie es noch kurz vorher Leitlinie des Minis­teriums für die Fachseminar-Rahmenpläne war!

4.      Im Planungs- und Entwicklungsgespräch (PEG) am Ende des zweiten Ausbildungshalbjahrs, das die früheren Zwischengutachten abgelöst hat und in dem auf die „Entwicklung von Qualifi­kationen“ (§ 16) einzugehen ist, sind nicht unbedingt mehr die Fachleiter und damit die fach­spezifische Perspektive vertreten.

5.      Die Beurteilung der Fähigkeit der Referendarinnen und Referendare, „Schülerinnen und Schüler in ihren fachlichen Leistungen [...] zu fördern“ (§ 17 VV 17.3),  ist explizit dem Schulleiter auf­getragen, der zumeist gar nicht das entsprechende Fach vertritt.

6.      Mit der Verkürzung der Hausarbeit im Zweiten Staatsexamen auf ca. 30 Seiten und vier Wo­chen Arbeitszeit neben dem selbständigen Unterricht und dem Ausbildungsunterricht ist ein Abbau an fachlichem Anspruch und entsprechender Gründlichkeit erfolgt.

7.      Bei den Beurteilungskriterien für die Hausarbeit sind der „sachliche Gehalt“ und die „Methoden­beherrschung“ als explizite Aspekte aus der vorigen OVP nun entfallen. (§ 58.5)

8.      Die Bedeutung der Langzeitbeurteilung der Referendarinnen und Referendare durch die Fachleiter ist auf 8 2 % je Fach am Gesamter­gebnis der Zweiten Staatsprüfung reduziert.

9.      Auch wenn die fachliche Qualität in den Anforderungen für die unterrichtspraktischen Prüfun­gen (UPP) angesprochen ist - „Stand der jeweiligen Fachdiskussion“ (§ 59.2) -, kann nun aber statt eines unterrichtlichen Vorhabens auch ein außerunterrichtliches Vorhaben Gegenstand der UPP sein (§ 59.3).

10.  Das Kolloquium zum Abschluss des Examens wird nun i.d.R. ohne Fachleiter mit den entspre­chenden Fächern der Referendarin oder des Referendars stattfinden; es geht nur noch um ein allgemein-pädagogisches Gespräch, dessen Themen der Kandidat festlegt: „Theoriekenntnisse“ zu „zentrale(n) Bereiche(n) des Lehrerhandelns“ (§ 60.2).

11.  Der Abbau der Fachlichkeit zeigt sich auch an der mit der OVP neu eingeführten Funktion der Ausbildungskoordinatoren an den Schulen (AKOs): Sie sind mit schulpraktischen Aufgaben be­fasst und können die Reduktion der fachlichen Ausbildung und Beratung nicht ausgleichen.

12.  Diese vom Schulleiter bestellten Ausbildungskoordinatoren haben i.d.R. keinen besonderen  Qualifikationsnachweis, der dem aus vier Prüfungsteilen bestehenden Revisionsverfahren für Fachleiterinnen und Fachleiter äquivalent wäre und in dem bisher noch immer der Nachweis auch fachlicher Kompetenz entscheidend war. Trotzdem sind die „Verfahren der Qualitätssiche­rung“ in das schulische Begleitprogramm verlegt worden (§ 14.2).

13.  Die neue OVP zeigt keinerlei Unterscheidung für die fachlichen Anforderungen nach Schulfor­men und Schulstufen!

14.  Die Erfahrungen im ersten Durchlauf der neuen OVP an Studienseminaren bestätigen, dass die Referendarinnen und Referendare ihre Ausbildungsverpflichtungen selbst neu gewichten und die fachliche und fachdidaktische Ausbildung zurückzustellen versuchen:                                 Ab dem zweiten Halbjahr laufen die Fachseminare und die fachdidaktische Beratung Gefahr, nur noch störendes Anhängsel ihres Einsatzes in der Schule zu werden, in der sie unter die Zwänge des Stunden­plans und der schulischen Termine geraten. Dies hat zur Folge, dass die Re­ferendarinnen und Referendare für die Beratung durch die Fachleiterinnen und Fachleiter oft kaum noch Zeit ha­ben. Auch die zunehmenden Selbstverpflichtungen der Referendarinnen und Referendare für Zusatzaktivitäten in den Schulen wie ihre Zustimmung zu zusätzlichen Beauf­tragungen durch die Schulen sind unter dem Aspekt einer immens höheren Abhängigkeit vom Schulleiterurteil in der Gesamtnote zu verstehen. Sie führen aber u.a. auch zu häufigerem Fehlen in den Fach­seminaren, so dass eine kontinuierliche fachdidaktische Arbeit unterlaufen wird.

 

Dieser Abbau der Fachlichkeit in der Lehrerausbildung ist beschlossen

Ø       trotz der neuen Bestrebungen im Ministerium um „Qualitätssicherung“ und der Festlegung: „Der Unterricht gilt als Kern der schuli­schen Arbeit.“ (Ministerium für Schule und Weiterbil­dung, Wissenschaft und Forschung: RdErl. „Qualitätsentwicklung und Qualitätssicherung...“ vom 9.12.1998 - 832.30-40/47-263/98)

Ø       trotz TIMMS, Baumert-Expertise und Weinert-Studien mit ihren Hinweisen auf die hohe Bedeu­tung des gut strukturierten fachlichen Lernens

Ø       trotz der neuen Lehrpläne im Fach Deutsch für die Sekundarstufe I und II, die eine erhöhte fachli­che Ausbildung der Schülerinnen und Schüler einfordern, auf die die neuen Referendarin­nen und Referendare nun nicht hinreichend eingestellt werden können.

 

 

Mit einstimmigem Beschluss haben die Fachleiterinnen und Fachleiter für das Fach Deutsch an den Studienseminaren der Sekundarstufe II auf ihrer Tagung in Bensberg am 6. Juni diese Resolution gegen den Abbau der Fachlichkeit in der Lehrerausbildung verabschiedet.

 

Wir bitten eindringlich um eine entschiedene Revision der z.Zt. gültigen OVP.

 

 

Mit freundlichen Grüßen

 

 

i.A.

 

 

Günther Einecke, StD

 

Fachleiter für Deutsch

am Studienseminar Jülich

Kurfürstenstr. 20 a  - 52428 Jülich

Tel.  02461/52545 * Fax: 02461/52631